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Die Schweiz hat die besten Verrückten

Mit «Das Weinen (Das Wähnen)» kommt es im Schauspielhaus zur Begegnung von Christoph Marthaler und Dieter Roth.

Stefan Busz
Alles ganz hygienisch: Die Roth-Marthalersche Diagnose der Kunst in der Schweiz.
Alles ganz hygienisch: Die Roth-Marthalersche Diagnose der Kunst in der Schweiz.

Apropos verrückt: Das Wort von der Schweiz als bestem Land für Verrückte ist von Heiner Müller. Er hätte zu seinen Gewährsleuten auch den Künstler Dieter Roth zählen können – bei dem spielen sogar die Buchstaben verrückt: Er hiess manchmal Diter Rot, und niemand weiss, warum.

Auch sonst ist Roth (1930–1998) eine perfekte Vorlage für Regisseur Christoph Marthaler, der sich nun im Schauspielhaus des Textkonstrukts «Das Weinen (Das Wähnen)» annimmt. Zum Titel gehört noch der Zusatz «Tränenmeer 4» – was doch sehr an ein Marthaler-Stück anklingt: «Wenn das Alpenhirn sich rötet, tötet, freie Schweizer, tötet.» Zwei Sonderfälle haben sich gefunden. Wir sind in einem Echoraum.

«Fühlst du dich eigentlich als Schweizer?», wurde Dieter Roth einst in einem Interview gefragt. «Nein, aber ich komme mit Schweizern gut aus», lautete seine Antwort. Vor allem war Roth ein grosser Reisender: von Zürich aus, wo er seine Jugend verbrachte, über Bern, wo er sich zum Grafiker ausbildete, weiter hinaus in die Welt, nach Island, Deutschland, Amerika. Überall war Dieter Roth zu Hause.

Vor allem reiste er durch alle Gebiete der Künste: Malerei, Skulptur, Zeichnung, Druckgrafik, Film, Video, Musik, Typografie, Design, Architektur. Ja, Dieter Roth konnte alles. Und wollte alles können.

Am liebsten aber schrieb er. Bilder waren ihm nur Mittel zum Zweck. «Erst mal will ich leben, und dann habe ich gemerkt, das geht am leichtesten mit Bildern», sagte Roth in einem Interview. «Und natürlich wollte ich mal berühmt werden, und das geht auch mit Bildern am besten heutzutage. Aber ich kann mich gar mit Bildern nicht mehr darstellen, meine Wut, die Trauer.»

Einen ganz eigenen Ausdruck hat Dieter Roths Schreiben. Ein Gedicht fängt etwa so an: «Leberknödel sitzt zu Haus, / säuft sich die ganze Urinflasche aus. Pfundvogel fliegt vorbei, kackt auf diese Sauerei.» Oder er machte auf Aphorismus: «Das schlechte Publikum kannst du nicht zum Denken bringen.» Jedenfalls: Dieter Roth machte Buch auf Buch. Und manchmal gabs die Bücher auch in Wurstform.

Sie fanden Anklang. «Ja, und mit Schreiben geht es am allerbesten», sagte Dieter Roth. «Es gibt Leute, die können weinen, wenn sie meine Texte lesen, und gleichzeitig lachen. Die erreiche ich nicht mit Bildern.»

Und er sagte auch: «Ich kann die ganze deutsche Literatur zum Wanken bringen.» Er sagte dann weiter: «Wenn ich will. Ich will ja, aber ich kann nicht.» Dann lachte Dieter Roth im Interview. Und seufzte.

Es ist genau dieser Sound, der Christoph Marthaler in sein Stück aufnimmt: Es tönt nach Gelingen und auch Ungelingen (auch wenn wir überhaupt nicht wissen, was er damit macht). Die Interviews wollte Dieter Roth immer komplett transkribiert haben, am liebsten mit allen Versprechern, Missverständnissen, Alltäglichkeiten – und auch den ganzen Verrücktheiten, die im Gespräch drin sind. Und auch in diesem Theater.

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«Das Weinen (Das Wähnen)»

Es tönt wie eine Legende. In den späten 1980ern verschenkte Dieter Roth einmal zwei Sonderausgaben seiner Schriften an Christoph Marthaler. Der Titel war: «Das Weinen. Das Wähnen. Tränenmeer 4», und das Motto lautete: «Schreitend über die Wellen, oder versinkend in den Wellen, welche man ‹Das Leben› nennt». Marthaler zog fortan mit Roths ­Büchern von Stadt zu Stadt, von Zürich nach Basel, bis Paris und Hamburg. Und immer wieder tauchten Bruchstücke aus diesen Schriften in seinen Inszenierungen auf, bevorzugt ein Gedicht über ein sogenanntes «Mastkalb». Sicher haben wir von ­diesem Dichtertier schon mal gehört. Jetzt kommt es aber, O-Ton Schauspielhaus, zur «hochöffentlichen Begegnung von Roth und Marthaler». (bu)

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Pfauen Alle Vorstellungen bis am 30. April 2020 sind abgesagtwww.schauspielhaus.ch

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