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Die Streithennen Karamasoff

In einem fünfstündigen Theatermarathon bringt der Berner Autor Matto Kämpf eine moderne Version von Dostojewskis «Die Brüder Karamasow» auf die Bühne.

Familienidylle? Weit gefehlt! Die Schwestern streiten, prügeln und betrinken sich zum Jahresende.
Familienidylle? Weit gefehlt! Die Schwestern streiten, prügeln und betrinken sich zum Jahresende.
Rob Lewis Photography

Die Gleichung «Mann gleich Mensch» mag zu Zeiten Fjodor Dostojewskis funktioniert haben – nicht aber 2018. Gesellschaftskonflikte können nicht mehr nur von Männern verhandelt und auf der Theaterbühne gespielt werden, findet Autor und Theatermacher Matto Kämpf. «Viele philosophierende und handelnde Männer und daneben ein paar eitle und hysterische Frauen – das hat mich angeödet», begründet Kämpf seinen Entscheid, den Dostojewski-Klassiker «Die Brüder Karamasow» mit Frauen in den Hauptrollen, und somit Schwestern, auf die Bühne zu bringen.

Der Roman des Russen begleitet Kämpf schon seit seiner Jugend, mittlerweile hat er ihn mehrmals gelesen. Doch weshalb diese Faszination für ein Werk, von dem viele zwar den Titel, aber nur wenige den Inhalt kennen? «Mir scheint, die Sache sei Dostojewski in diesem Buch im besten Sinne aus dem Ruder gelaufen. Er ahnte seinen Tod und wollte nochmals alle Themen, die ihn zeitlebens beschäftigt haben, in einem grossen Tableau mit unzähligen Figuren darstellen», sagt Kämpf.

Der Berner hat nicht nur die Männerrollen mit Frauen besetzt, sondern den Stoff aus dem Jahr 1880 ins Jetzt umgeschrieben. Statt dreier streitender adliger Brüder aus Russland stehen drei streitende Schwestern, die die Silvesternacht in Bern verbringen, im Zentrum. Weshalb dieser Transfer in die Gegenwart? «Es sind Themen und Figuren, die uns heute noch interessieren. Und wenn diese in die heutige Zeit übertragen werden, ergibt sich etwas Neues, im besten Fall auch wieder Interessantes.» Es sei ihm bewusst, dass er, der sich für das Absurde und den schwarzen Humor interessiere, in Kombination mit Dostojewski, dem Realisten, der sich für Psychologie und Soziologie erwärmte, auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben würde. Doch es ist eben genau diese Reibung, für die sich Kämpf interessiert, als Schriftsteller, der mit seinen Werken oft provoziert und polarisiert.

Die Geschichte der Karamasows ist so verworren, dass Dostojewski 1200 Seiten brauchte, um sie zu erzählen. Matto Kämpf benötigt dafür fünf Stunden (aufgeteilt in vier 75-minütige Teile) und beweist, dass «Binge Watching» nicht nur auf Netflix, sondern auch im Theatersaal geht.

So, 15 Uhr Theater Winkelwiese Winkelwiese 4, www.winkelwiese.ch Ausverkauft

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