Diese Möbel werden begleitet von Geistern

Die minimalistischen Werke der Zurich-Art-Prize-Gewinnerin Leonor Antunes bauen auf ein solides Fundament.

Typisch Leonor Antunes: Sie nimmt bestehende Möbel als Vorlage und macht was Neues draus.

Typisch Leonor Antunes: Sie nimmt bestehende Möbel als Vorlage und macht was Neues draus.

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Installation Man sieht es auf den Fotos oben zwar nicht auf den ersten Blick, aber: Diese Objekte sind wie gemacht für Halloween. Wieso? Weil ihre Erschafferin eine ist, die von Geistern begleitet wird.

So schrieb es mal eine Kunstkritikerin in San Francisco, und es stimmt: Wo die portugiesische Künstlerin Leonor Antunes (geb. 1972) auftaucht, da wabern auch immer die Seelen diverser toter Künstler, Architekten und Designer herum. Und zwar, weil Antunes deren Werke und Lebensgeschichten nicht nur ganz genau studiert hat, sondern sich in ihren eigenen Arbeiten auch immer darauf bezieht. Erschafft mit ihren Objekten Gedankenräume: Leonor Antunes. Bild: Marc Domage

Nehmen wir das geflochtene Ding im Bild rechts. Halb unfertige Liege, halb Schubkarre ohne Räder, macht sich das Teil im Ausstellungsraum breit wie eine sich räkelnde Katze. Tatsächlich ist es ein nachgemachtes, vergrössertes Stück eines Stuhls der (bei uns praktisch unbekannten) kubanischen Möbeldesignerin Clara Porset († 1981), das Leonor Antunes zu einem funktionslosen Kunstobjekt weiterentwickelt hat.

Grausam, finden Sie? Einem Möbel seine Daseinsberechtigung zu nehmen? Na, na. Denn ja: Man kann auf dem Teil zwar nicht mehr sitzen. Dafür funktioniert es wunderbar als Fragen-Generator: Wer war diese Clara Porset? (Eine total unterschätzte Design-Pionierin und Selfmade Woman avant la lettre.) Was ist das für eine Flechttechnik, die sie in ihren Möbeln verwendete (traditionell mexikanisch)? Warum kennen wir beides eigentlich nicht? Und sind Möbel nicht ganz generell eine geniale Sache?

So öffnet Leonor Antunes, wo immer sie ihre Objekte in Museen hineinstellt, jeweils Gedankenräume. (Die Pflanzen im Bild links sind übrigens Einwanderer aus Asien und Afrika; Stichwort Migration, Stichwort Kolonialisation etc., das können Sie weiterdenken, wenn Sie mit dem Text durch sind.)

Das ist clever, braucht manchmal ein bisschen Effort seitens des Kunstkonsumenten – und wurde nun mit dem Zurich Art Prize belohnt, den die gleichnamige Versicherung seit 2007 jedes Jahr verleiht (von der Preissumme von 100 000 Franken gehen 20 000 ins Töpfchen des/r Gewinners/in, der Rest fliesst in eine Ausstellung im Haus Konstruktiv; gewonnen haben schon Tino Sehgal, Mai-Thu Perret, Haroon Mirza u. a.).

Kluge Wahl. Antunes war schliesslich schon an den letzten beiden Venedig-Biennalen vertreten, und derzeit macht sie auch eine gute Falle in der reizvollen 5-Künstlerinnen-Ausstellung «Resonating Spaces» in der Fondation Beyeler. Aber wer sich einfach nur etwas gruseln will, wegen der Geister und so: Auch okay.

Haus Konstruktiv
Selnaustr. 25
Ab Donnerstag Bis 12.1.2020
Öffentliche Führungen in der Schau von Leonor Antunes
jeweils Mi 18.30 Uhr und So 11.15 Uhr;
Führung mit Kuratorin / Haus-Konstruktiv-Direktorin Sabine Schaschl:
Mi 27.11., 18.30 Uhr
www.hauskonstruktiv.ch

Erstellt: 31.10.2019, 13:58 Uhr

Parallel dazu:

Roman Clemens / Camille Graeser

Wie immer gehen parallel zur Zurich-Art-Prize-Ausstellung zwei weitere Schauen im Haus Konstruktiv auf. Diesmal kommt – erstens – einer zum Zug, der am Bauhaus, das ja heuer seinen Hundertsten feiert, in Dessau studierte und dann nach Zürich kam, um 1932–1943 als erster Bühnenbildner am Opernhaus zu wirken: Roman Clemens. Am 10.11. und 15.12. finden zudem geführte Stadtspaziergänge «Auf den Spuren von R. Clemens» statt (Anmeldung online!).

Zweitens gehts um einen der Zürcher Konkreten, nämlich um Camille Graeser. Wie kam es, dass ein Möbeldesigner aus Stuttgart zu einem Tonangeber der Schweizer Kunst wurde? Designs, Gemälde und Reliefs machen schlauer. Und ein Vortrag (4.12.) nimmt sich Graesers aus Gender-Studies-Sicht an.

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