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Eine Sardelle und jede Menge Prügel

Marco Balzano erzählt mit Eleganz von einem finsteren Kapitel der italienischen Nachkriegsgeschichte.

Im neusten Buch des Italieners geht es um Kinderemigration. (Bild: ato-Geri-Krischker-Diogenes-Verlag)
Im neusten Buch des Italieners geht es um Kinderemigration. (Bild: ato-Geri-Krischker-Diogenes-Verlag)

Die Geschichten, die den 1978 geborenen Mailänder Autor Marco Balzano interessieren, drehen sich immer um Migration. Um Figuren, die aus Süditalien in den Norden kamen, um in der Industrie ihr Glück zu machen. In seinem Debütroman «Damals am Meer» (2011) geht es um das Schweigen zwischen den Generationen; er lässt Grossvater, Vater und Enkel gemeinsam in einem Fiat Punto von Mailand in den Süden fahren, um dort das verfallende Ferienhaus zu verkaufen.

Ninetto, der Icherzähler aus Balzanos aktuellem Roman «Das Leben wartet nicht», wächst in rauen Verhältnissen in Sizilien auf. Eine einzige Sardelle gibt es jeden Tag für ihn, auf einer Scheibe Brot. Dafür jede Menge Prügel vom Vater. Nur in der Schule erfährt er so etwas wie Förderung: Der Lehrer erzählt von Visionen einer gerechteren Welt, und er animiert die Kinder dazu, ein Tagebuch zu führen und sich ihre eigene Geschichte zu erzählen. Das tut Ninetto auch sein Leben lang. Balzano lässt ihn mit viel Sinn für Details und einem Flair für die elegante Übertreibung reden, sodass wir uns manchmal an die Filme des Neorealismo, manchmal an Fellini erinnert ­fühlen. Ninettos Stimme setzt sich, wie Balzano im Nachwort schreibt, aus Interviews zusammen, die er mit ehemaligen Kinderemigranten geführt hat.

Viel Glück ist Ninetto nicht beschieden. Schon bald darf er nicht mehr zur Schule gehen; sein Vater braucht ihn als Arbeiter auf dem Feld. Als er neun Jahre alt ist, hat er genug. Er lässt sich von einem Bekannten überreden, nach Mailand aufzubrechen und dort Arbeit zu suchen. So beginnt für ihn ein Leben, in dem er niemals richtig ankommen wird; selbst seine Frau und seine Tochter bleiben Fremde. Als er schon auf die sechzig Jahre zugeht, findet er in Gestalt von Migranten aus Afrika und China doch noch Menschen, welche die gleiche Sprache sprechen.

Do 19.30 Uhr Literaturhaus Limmatquai 62 www.literaturhaus.ch Eintritt 20 / 14 Franken

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