Er zeichnet, wie es ist

Hannes Binder kanns nicht gut mit dem Computer. Mit seinem Bleistift zeigt er uns aber die digitale Gegenwart.

«Ich ging in Schuhen aus Gras»: Schabkartonzeichnung von Hannes Binder.

«Ich ging in Schuhen aus Gras»: Schabkartonzeichnung von Hannes Binder. Bild: Hannes Binder / Pro Litteris

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Sonst heisst es immer: Nichts über die Zeitung in der Zeitung. Wir machen hier eine Ausnahme. Denn erstens hat der Zeichner und Illustrator Hannes Binder, dem jetzt der Strauhof eine grosse Ausstellung ausrichtet, viel für den Tagi gemacht. Zweitens gehen wir gern der eigenen Geschichte nach.

1989 erschien «Die Reportage» im «züri-tip» (der sich noch so schrieb) als fortlaufend gezeichnete Serie. Der Comic erzählt von einer Reise in ein fiktives Land hinter dem Eisernen Vorhang. Der Zeichner hat die Aufgabe, das Geschehen in diesem Transanien mit dem Stift zu dokumentieren – Fotografie, elektronische Medien sind dort verboten. Nach der Rückkehr nach Zürich wird ihm aber beschieden, bei der Zeitung keine Zukunft mehr zu haben. Der Art Director sagt: «Es ist ein Anachronismus, heute noch einen Zeichner zu beschäftigen. Der Computer hat das übernommen, schneller, besser.»

Konzentriert im Atelier: Hannes Binder bei der Arbeit.

So hat Hannes Binder beschrieben, wie ein Zeichner von der Zukunft eingeholt wird. Am Bleistift hat er festgehalten. «Ich habe die moderne Welt einfach abgelehnt», sagt er im Gespräch in seinem Atelierhaus hoch über der Stadt. «Als Zeichner bin ich nicht kompatibel mit dem Computer.»

Binder, Jahrgang 1947, ist in Zürich geboren und hat hier die Künstlerklasse der Kunstgewerbeschule absolviert. Erste Schritte als Illustrator machte er in Mailand, dem damaligen Mekka für Grafiker; in Hamburg hat er dann für das «Zeit-Magazin», eine Musikzeitschrift und ein Wochenprogramm gearbeitet. Es folgte die Rückkehr nach Zürich, der «züri-tip» erfand sich gerade neu auch als Plattform für Comic-Künstler. Auf witzige Art wurde hier die Aktualität vermittelt, «Die Reportage» ist dafür immer noch das schönste Beispiel. Bis eben die Computer («Magictosh» heissen sie im Comic) in die Redaktion gekarrt wurden. Der Rat für den Zeichner: ab in die Kunst.

Rilke und Carpaccios Damen: Mit dabei auch ein QR-Code. Bild: Hannes Binder / Pro Litteris

Es war die Zeit der Wende. Binder hat sich auf die Illustration von Büchern verlegt. Mit einer Technik, die aus dem 19. Jahrhundert stammt, bringt er Friedrich Glauser, Gottfried Keller, Heinrich Böll oder Mörike in unsere Gegenwart. Und hat sich mit seinen Adaptionen einen Namen geschaffen. Er ist: der Binder. Man liest die Autoren mit seinen Augen.

Seine Technik ist die des Schabkartons. «Ich verwende Karton, der mit einer Gipsfarbenschicht belegt ist und darüber einem dünnen Film Schwarz. Und das schabe ich mit einem Messer weg, und es entsteht eine weisse Linie.» Diese Technik hat Zukunftspotenzial. Zur Strauhof-Ausstellung erscheint im Limmat-Verlag die Graphic Novel «Der digitale Dandolo». Schauplatz ist Venedig, «es gibt keinen Ort, der so analog ist», sagt Binder. Und doch: Auf seinen Bildern gibts jetzt einen QR-Code. Der Weg führt, Ironie der Geschichte, stracks zu den alten Meistern.


Die doppelte Lektüre

Man liest seine Bilder. Und sieht Friedrich Glauser, Gottfried Keller, Eduard Mörike, Franz Kafka neu. Faszinierend, welch fantastische Räume Hannes ­Binder mit seinen Buchillustrationen erschliesst. «Doppelte Lektüre» heisst die Werkschau im Literaturmuseum Strauhof. Gezeigt werden neben Original­illustrationen und Reproduktionen auch Skizzen und Arbeits­materialien. Im Video erzählt Binder über sein Schaffen und ist auch beim Kratzen eines Schabkartons zu sehen. Alles in allem: eine Einladung zum Schauen. (bu)


Strauhof
Augustinergasse 9
Vernissage Do 6.2., 18.30 Uhr Bis 17.5.
Eintritt 10 Franken.
Rahmenprogramm mit Comic-Workshop für
Kinder (7. März, 14 Uhr) oder Künstlergespräch mit Hannes Binder (30. April, 18.30 Uhr)
www.strauhof.ch

Erstellt: 05.02.2020, 16:37 Uhr

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