«Es geht allen nur um den Profit»

Die Autorin Güzin Kar hat ihr erstes Theaterstück «Sweatshop» geschrieben – über die Ausbeutung in der Modeindustrie und wieso uns diese Missstände kaum interessieren.

Das neue Stück am Schauspielhaus beleuchtet die dunklen Seiten der Modeindustrie.

Das neue Stück am Schauspielhaus beleuchtet die dunklen Seiten der Modeindustrie. Bild: Tanja Dorendorf

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Das Stück basiert auf einer norwegischen Doku über drei junge Modeblogger, welche eine Textilfabrik in Kambodscha besuchten. Das Trio war erschüttert, der Regisseur der Webserie weinte. Ging es Ihnen ähnlich, als Sie «Sweatshop» geschaut haben?
Ich habe die Serie erst geschaut, nachdem ich für die Mitarbeit am Stück angefragt wurde. Ich habe eine gespaltene Meinung zu solchen Doku-Soaps, da ich weiss, wie sehr es bei diesen Formaten auch um den Effekt geht. Entsetzt oder überrascht war ich nicht. Ich wusste ja bereits ­vorher, wie Kleidung produziert wird.

Das wussten doch eigentlich auch diese Blogger?
Ich weiss nicht, ob sie es bewusst verdrängt haben oder wirklich so naiv waren. Ich habe während der Recherche mit vielen Leuten gesprochen. Meist trifft beides zu. Die Jüngeren sind oft besser informiert. Bei den Älteren gibt es wirklich einige, die es schlicht nicht wissen. Ich frage mich dann immer: Wie kann das sein? Ich persönlich gehöre eher zu jenem Teil, der es verdrängt. ­Während der Arbeiten am Stück war das nicht mehr möglich. Ich habe in dieser Zeit auch weniger eingekauft.

«Sweatshop» ist Ihr erstes Theaterstück. Wie ist es dazu gekommen?
Das Stück ist die zweite Zusammenarbeit des Schauspielhauses Zürich mit dem Jungen Theater Basel, und alle kannten sich bereits. Bis auf die Schauspielerinnen und Schauspieler war das Team komplett, als ich dazustiess. Ich wurde als Autorin angefragt, da sie meine Kolumnen und Bücher kannten.

Wie haben Sie das Stück über dieses schwierige Thema erarbeitet?
Es war nicht die klassische Rollenteilung, dass ich erst schrieb und es dann auf der Bühne umgesetzt wurde, sondern die Arbeitsprozesse gingen ineinander über. Ein grosser Teil entstand als Improvisation, und der letzte Teil des Stücks ist das Resultat unserer Recherchen.

Wie haben Sie recherchiert?
Noch bevor wir wussten, wohin das Stück gehen sollte, haben wir eine Unmenge an Ma­terial gelesen und geschaut: Zeitungsartikel, Bücher, Dokfilme. Wir wollten uns einen soliden Background aneignen, denn so ein grosses Thema kann man nicht mit Halbwissen oder nach ­Gefühl umsetzen. Wir haben uns aber auch mit verschiedenen Experten ausgetauscht.

Was für Experten waren das?
Vertreter von NGOs, CEOs grosser Modefirmen, Fachleute aus dem Verkauf und auch aus der Psychologie. Natürlich hörten wir immer ­wieder, dass die Situation in den Textilfabriken gar nicht so schlimm sei, es Kontrollen gebe und man die Situation laufend verbessere. Ich wage aber zu bezweifeln, dass das wirklich zutrifft. Ein Beispiel: Viele Firmen zahlen bereits die gesetzlich fest­gelegten Minimallöhne. Für uns Konsumenten klingt das super. Doch die Minimallöhne liegen meistens unter dem Existenzminimum.

Die Clean Clothes Campaign hat ausgerechnet, dass die Lohnkosten der Arbeiterinnen nur 0,5 bis 3 Prozent des Endpreises ausmachen. Würde man ihren Lohn verbessern, wäre das Shirt in der Schweiz nur wenige Rappen teurer.
Man könnte auch einfach die Riesenmargen verkleinern, dann würde sich nicht einmal der Verkaufspreis ändern! Aber es geht nur um ­Profit – die Produzenten wollen möglichst viel Gewinn erwirtschaften, die Konsumenten möglichst viel Mode für wenig Geld kaufen können. Das ist das Fatale daran: Kleider sind Wegwerfartikel ge­worden. Und die Modemagazine denken, es sei ein Naturgesetz, dass man jedes halbe Jahr neue Trends ausrufen muss.

Davon wird sich die Modebranche aber kaum lösen – es gibt ja auch immer mehr Mid-Season-Kollektionen.
Wir müssen das Unmögliche denken! Pelz war bis vor ein paar Jahrzehnten auch noch gesellschaftlich völlig akzeptiert. Jetzt ist er es – bis auf diese Kragen und Bommel – nicht mehr. Trägt zum Beispiel eine Lehrperson einen Pelzmantel, wird sie sich vor ihrer Klasse verantworten müssen. Billigkleider zu kaufen, sollte ähnlich geächtet sein. Wieso sagt man nie «Ich finde es nicht gut, dass du ein Shirt aus einer solchen Produktion trägst»?

Endet so ein Gespräch nicht bei der Streitfrage, ob sich der eine dem anderen moralisch überlegen fühlt – so, wie es auch bei Diskussionen zwischen Veganern und Fleischessern oft passiert?
Ist das wirklich so? Ich kenne viele Vegetarier und Veganer, aber so eine Diskussion habe ich noch nie erlebt. Ich esse Fleisch, aber es hat mich noch nie jemand deswegen angegriffen. Ich merke aber, dass ich trotzdem in einen Rechtfer­tigungsdrang komme. Es ist vermutlich das schlechte Gewissen, das sich meldet, noch bevor jemand etwas sagt. Denn eigentlich könnten ich und alle anderen sehr viel weniger oder gar kein Fleisch essen. Doch wir machen es nicht. Ich erwarte aber auch nicht, dass wir bei jedem Treffen über das Thema Fair Fashion reden. Aber dass die Produktionsbedingungen unserer Kleider nie Thema sind, ist seltsam.

Wie oft sprechen Sie darüber?
Ich habe vermutlich auch privat alle mit ­diesem Thema genervt! Es ist immer die gleiche Frage: Wieso interessiert es eigentlich niemanden? Darauf weiss niemand eine Antwort – auch das Theaterstück nicht.

Haben Sie trotzdem eine Vermutung?
Ich erkläre es damit, dass Kleider für die meisten eine noch grössere Bedeutung haben als Essen. Wir überlegen uns, was wir wann anziehen und welche Wirkung wir erzielen. Es hat ­immer etwas mit der eigenen Darstellung zu tun. Und es ist viel schwieriger festzulegen, was ich eigentlich möchte. Ist eine gute Hose eine fair produzierte? Oder eine, die nicht aus giftigen Materialien besteht? Oder keine Jeans aus ­gentechnisch veränderter Baumwolle, die ganze Kulturen vernichtet? Und wie erfahre ich, was hinter dem Kleidungsstück steckt? Ich kenne mich ­übrigens mit den vielen Labels und Zertifikaten bis heute nicht aus, obwohl ich mich nun ein Dreivierteljahr damit beschäftigt habe.

Werden Sie sich nach der Derniere weiter für das Thema einsetzen?
Vom Einzelkampf halte ich nichts. Dass ich beschliesse, nie mehr etwas zu kaufen, ist gut ­gemeint, hilft aber auf Dauer nicht. Wir müssen uns zusammenschliessen, Aktionen planen und politisch handeln. Und wir müssen uns stärker mit dem Thema auseinandersetzen – das wollen wir auch mit dem Stück erreichen.

Sa—20.00 Uhr
Schauspielhaus Pfauen
Rämistr. 34, www.schauspielhaus.ch, Eintritt 30/60 Franken
Weitere Aufführungen bis 16.6.

Erstellt: 02.05.2018, 11:25 Uhr

Güzin Kar

Die Drehbuchautorin, Filmregisseurin und Kolumnistin wurde 1971 in der Türkei geboren, wuchs im Fricktal auf und lebt seit Jahren in Zürich. «Sweatshop» ist ihr erstes Theaterstück. ­Aktuell arbeitet sie an einer ­zweiten Staffel der SRF-Serie «­Seitentriebe».

Sweatshop - Deadly Fashion

2015 schickte die norwegische Tageszeitung «Aftenposten» drei Modeblogger zwischen 17 und 21 Jahre nach Kambodscha. Dort sollten sie in einer Textilfabrik ihre Kleidungsstücke selbst herstellen. Die Doku wurde mittlerweile von 1,5 Millionen Menschen geschaut und löste europaweit eine Diskussion über die Arbeitsbedingungen in der Bekleidungs-industrie aus. Das Theaterstück «Sweatshop» basiert lose auf der Web-­Serie und fragt nach den Zusammenhängen zwischen Gier, Sexyness und Ausbeutung in weit entfernten Ländern. Das Stück hat der Regisseur Sebastian Nübling gemeinsam mit den Darstellerinnen und Darstellern des Jungen Theater Basel und des Schauspielhauses erarbeitet. (evh)


Von Güzin Kar, mit Texten von Lucien Haug und Ensemble, Regie: Sebastian Nübling

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