Deutsche Italianità

Carsten «Erobique» Meyer und Jacques Palminger inszenieren einen italienischen Open-Air-Liederabend in Zürich. Über Italienreisen und echte Leidenschaft.

Fast so leidenschaftlich wie Italiener: Die beiden Nordländer Jacques Palminger (l.) und Carsten Meyer.

Fast so leidenschaftlich wie Italiener: Die beiden Nordländer Jacques Palminger (l.) und Carsten Meyer. Bild: Boris Müller

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Die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel. Das Leben hat sich auch im Kreis 5 nach draussen verlagert. Es ist einer dieser Tage, an denen Zürich Italien noch ein Stück näher ist als sonst. Jacques Palminger steht vorm Restaurant Cinque, getarnt mit sandfarbenem Anglerhut und schaut den Menschen beim Essen zu. Als wir ankommen, fragt der grosse Mann mit dem Schnurrbart erst mal nach: «Sind wir verabredet?» Wir sind – und ganz offenbar nicht die Einzigen, die den Hamburger Künstler erkennen. Palminger gibt regelmässig Konzerte in Zürich, er ist Teil der Telefonscherz-Formation Studio Braun und seit dem Mocumentary über die fiktive deutsche Band Fraktus, die in den 80ern ganz nebenbei den Techno erfunden haben will, noch ein Stück bekannter. Wir sollen schon mal reingehen, sagt Palminger, er warte noch auf «Carsti». Er meint Carsten Meyer, besser bekannt als Discomusiker Erobique.

Ihm haben Fraktus ihre Songs zu verdanken, letztes Jahr sass er für Herbert Fritschs hinreissende Soiree «Wer hat Angst vor Hugo Wolf?» im Pfauen am Klavier. Im Cinque, zwischen Maradona-Schrein und Madonna-Figuren, wollen wir mit Meyer und Palminger über ihr aktuelles Projekt reden: einen italienischen Open-Air-Liederabend mit dem ganzen Theater-Neumarkt-Ensemble.

Als Meyer durch die Tür kommt, trägt er ein rotes Polohemd, in der Brusttasche seines grauen Anzugs steckt ein Tuch mit Punkten, sein freundliches Gesicht ziert ebenfalls ein Schnauz. Palminger ist neben seinem Hut auch sonst primär sandfarben gekleidet. Die viereckige Hornbrille sei «vom Flohmarkt, da hat er neue Gläser reinmachen lassen», erklärt Meyer.

Ohne Spass nicht denkbar

Die zwei wirken auf sympathische Weise aus der Zeit gefallen, als gehörten sie hier zum angestaubten, liebevoll zusammengestellten Inventar. Kennen gelernt haben sich die Wahl-Hamburger 1998 bei einem Benefizabend für ein in Not geratenes chinesisches Szenerestaurant; und lieben sich seither innig – wenn auch nur platonisch, wie später noch diskutiert werden wird. «Ich habe Musik gemacht, und Jacques hat einen Dia-Vortrag über LSD gehalten.» Beide gehören neben Rocko Schamoni und Heinz Strunk zu einem Kreis Hamburger Kunst- und Kulturschaffender, deren Tun ohne Spass nicht denkbar ist.

Jetzt sitzen Meyer und Palminger bestens gelaunt bei Pulpo-Salat und Crevetten-Risotto und erzählen von italienischen Lieblingslokalen und Italienreisen. Von 1976 bis 1979 ist Meyer wie so viele regelmässig mit den Eltern nach Rimini gefahren. In Erinnerung an Italo-Disco-Zeiten hat er mit «Urlaub in Italien» darüber ein Lied geschrieben. Auch Palminger war in seiner Jugend viel im Süden, wenn auch ohne Eltern. Oft, um – überfordert von der Gastfreundschaft – schnell wieder abzuhauen.

Aber eigentlich sei es, und da wird Carsten Meyer ernst, die echte, ungekünstelte Leidenschaft, die ihn an den Italienern so fasziniere: Die Fähigkeit Liebeskummer und andere Dramen zu zelebrieren und nicht alles wegzuwischen wie wir. «Das ist auch ein Grundgedanke unseres Liederabends.» – «Crisi di Nervi» (zu Deutsch: Nervenzusammenbruch) huldigt mit live interpretierten Schlagern und dramatisierten Szenen aus italienischen Filmen dem südlichen Nachbarland. «Die Italiener können nicht nur mit der Liebe besser umgehen, sondern auch mit der Musik, die fühlen, was sie singen», sagt Meyer und führt auch gleich ein Beispiel an: «Der Sänger Gino Paoli hat sich mit dreissig aus Liebeskummer eine Kugel in die Brust geschossen, der ist mittlerweile 82, tritt immer noch auf, und die Kugel steckt noch immer in seiner Brust.» Palminger hingegen war vor kurzem in Palermo bei Passionsspielen und beeindruckt: Da weine dann die ganze Stadt inklusive der schwarzen Security-Männer.

«Wir lieben Klischees»

Von der Überlegung, dass die deutsche respektive Schweizer Begeisterung für Italien manchmal auch etwas Überhebliches haben könnte, will man am Tisch nichts wissen. «Ich war immer total beeindruckt. Von allem!», sagt Palminger, und Meyer ergänzt: «Ich würde sofort tauschen. Klar, man muss aufpassen, dass man nicht in Klischees verhaftet bleibt. Aber ein bisschen gehört es für uns und unseren Abend dazu, Italien zu stilisieren.» – «Wir lieben Klischees und die Möglichkeit, uns dazu zu verhalten», sagt Palminger. Man wisse durchaus, dass man hier die Gastarbeiter lange Zeit nicht nur gut behandelt hat. Auch diese Tatsache bekommt im Liederabend ihren Platz; als Quelle dienen Interviews aus den Fünfzigerjahren. «Wir wollen nicht allen den Spass verderben, aber unbedingt den Bezug zu Zürichs Umgang mit den Italienern herstellen», sagt Meyer.

Für den Abend haben sie bewusst bekannte Musik ausgewählt, um nicht didaktisch zu ­werden. «Volare» und «Azzurro» wird man trotzdem nicht hören. Ein Song musste aber unbedingt dabei sein: «Ancora tu» von Lucio Battisti. «Schöner wirds nicht!», findet Palminger, der – mit der Erklärung «Ich esse sehr langsam, ich kaue gern, weil mein Magen keine Zähne hat» – seit geraumer Zeit vor seinem Risotto sitzt. «Wir wollen italienische Lieder nicht nachspielen wie eine Hotelband, sondern die Musik lebendig werden lassen. Und das kann Carsten.» Weil Meyer, den man als musikalischen Leiter für den Abend angefragt hatte, Lieder mit kleinen ­Ansagen dazwischen nicht reichten, hat er ­Kollege Palminger als Regisseur dazugeholt. «Um so was szenisch aufzuwerten, da ist Jacques der Richtige.»

Die beiden reden oft und gut übereinander – genauso wie über die Sängerinnen und Musiker, die ihnen zur Seite stehen. Es besteht kein Zweifel daran, dass da zwei gern miteinander arbeiten und sich mit ihrer Begeisterung anstecken. Sei es für das soeben am Nachbartisch servierte Tiramisù oder fürs gemeinsame Projekt. «Crisi di Nervi» sollte eigentlich im Niederdorf aufgeführt werden, bis man sich an den Platz vor dem Club Helsinki erinnerte. Ein guter Ort für einen Liederreigen, der sich auch ein bisschen als Strassenmusik verstanden wissen will. «Zum grossen Finale, und das sollen ruhig alle wissen und schon mal Text lernen», findet Meyer, «wird Gianna Nanninis ‹Bello e impossibile› gesungen.»

Wie viel Italien tatsächlich in Zürich steckt, wird sich an der Premiere zeigen. Palminger und Meyer haben grosse Erwartungen: «Wir hoffen, dass nicht nur mitgesungen und mitgeklatscht wird, sondern wir wollen auch, dass Tränen fliessen.» Man könne den Abend durchaus als kulturelle Gegenbewegung zu einer verbissenen Zeit verstehen, sagt Meyer und bestellt sich beim Kellner auch ein Tiramisù.

Jacques Palminger (53) geboren in Nordrhein-Westfalen, bildet mit Rocko Schamoni und Heinz Strunk das Künstlertrio Studio Braun. Er arbeitet als Musiker und Regisseur. Er hat den Liederabend «Crisi di Nervi» mit Handlung angereichert.

Carsten Meyer (44) geboren ebenfalls in NRW, tritt seit 1997 als Erobique mit unkonventioneller Discomusik auf. Er ist Teil des Elektrotrios International Pony und arbeitet auch als Theaterkomponist. Bei «Crisi di Nervi» hat er die musikalische Leitung.

vor dem Helsinki. Bis 1.7. (Zueritipp)

Erstellt: 14.06.2017, 16:45 Uhr

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