Explizite Körper auf Zürichs Theaterbühnen

Ernestyna Orlowska verbindet den Körper mit Do-it-yourself. Alexandra Bachzetsis arbeitet mit Verdoppelungen.

Das Double als Thema: «Chasing a Ghost» spielt mit Vorstellungen.

Das Double als Thema: «Chasing a Ghost» spielt mit Vorstellungen. Bild: Mathilde Agius

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Chasing A Ghost

Jeder Körper, sagt Alexandra Bachzetsis, sei in irgend­einer Form ein trainierter Körper. «Jemand, der Fussball spielt, bewegt sich anders als jemand, der mehrheitlich im Büro sitzt. Das ist Bewegungsmaterial, das mich interessiert und mit dem ich arbeite.» Bewegtbilder sind alle ihre Arbeiten, sie haben Alexandra Bachzetsis zum Star der Szene gemacht. «Most provocative choreographer of our time» schreibt das Art Institute Chicago. Der Anlass: die Premiere ihrer neuen Arbeit «Chasing a Ghost», die nun auch in Zürich zu sehen ist – bevor das Stück weiter in die Welt zieht: nach Essen, Wien, Luxemburg.

Zürich ist Ausgangsort. Hier hat Bachzetsis, Jahrgang 1974, das Liceo Artistico besucht. Es folgen die Stationen: Dimitri-Schule in Verscio, Performance-Studien in Belgien und den Niederlanden, Aufenthalte in Berlin mit der Zusammenarbeit mit Sasha Waltz und Gent mit den Les Ballets C de la B. Ganz bei sich ist Bachzetsis in den eigenen Arbeiten. Es sind, von «Perfect» bis zu ­Chasing a Ghost», Variationen auf ein Thema. Wie schreibt sich der Körper in eine Geschichte ein? Wie die Geschichte in den Körper? Jedes Stück nimmt in der Bewegung die Gegenwart in sich auf. Und da muss man gar nicht so komplizierte Wörter verwenden, um das Geschehen zu beschreiben; es braucht nur einen Blick. Oder vielleicht auch zwei.

«Mich zog es auf die Bühne, weil ich da eine Rolle spielte und die eigene Person dahinter zurücktrat», sagt Bachzetsis. Das Private versteckt sich in ihren Stücken unter einer Maske. Aber nur so ­können wir uns selbst – und den anderen – erkennen.

Gessnerallee
Gessnerallee 8
Eintritt 16 Franken
Vorstellungen: Do bis Mo 20 Uhr,
ausser So: 18 Uhr
www.gessnerallee.ch


Bodiy

Auf einem Haufen: In «Bodiy» purzeln manchmal die Figuren übereinander. Bild: Janosch Abel

«Wir meinen: Ernestyna Orlowskas Arbeiten beinhalten das ganze Spektrum durchgeknallter Performancekunst.» Gut gebrüllt, Rote Fabrik. Denn ein bisschen durchgeknallt ist schon, was in «Bodiy», der dritten abendfüllenden Produktion dieser Künstlerin aus Bern, läuft: Wir sehen hier, wie die Kunst den Menschen auf die Pelle geht.

In Socken sitzt das Publikum im Kreis. Vier Kunstfiguren entern die Bühne. Sie schieben sich vorwärts – auf vier Beinen. Denn gekoppelt sind die Arme an Prothesen. Und mit diesen werden jetzt die Zuschauer angestupst. Weg frei!, scheinen die Figuren zu sagen.

Und natürlich steht das Publikum auf. Denn man will ja nicht der Kunst im Weg sein, wenn sie auf etwas Grosses zusteuert. Im Fall von «Bodiy» sind das grosse Brüste – falls man in den Halbschalen, die auf der Bühne stehen, Brüste erkennt.

«Bodiy» wurde erstmals an den feministischen Theater- und Performance-Tagen in Bern gezeigt. Im Programm hiess es: «Vier Performerinnen verwandeln sich in surreale Fantasiewesen, betonen, sezieren, befreien ihre Körper und hinterfragen die Beziehung zwischen ihnen und dem Publikum.»

So ist es, wenn das Publikum auf der Bühne eigentlich nur angestupst wird: Gleich ist von der Phänomenologie des Körpers die Rede. Ernestyna Orlowska ist aber Expertin in Expanded Theater und bewegt sich heute ­behände in diesem Zwischenbereich von Tanz, Installation und Skulptur. Wunderbar, wie sie mit den Formen von Theorie und Praxis spielt.

Und so gehen wir gern in die Landschaft hinein, wo der Körper sich als Hülle und Vorstellung zeigt.

Fabriktheater
Seestr. 395
Eintritt 30 / 20 Franken
Vorstellungen Do bis Sa 20 Uhr
www.rotefabrik.ch

Erstellt: 30.01.2020, 09:08 Uhr

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