«Ich liebe den Schweizer Dialekt, darin steckt viel Komik»

Die deutsche Komikerin Tahnee spricht über den Frauenmangel in der Szene – und verrät ihr Schweizer Lieblingswort. Am Sonntag tritt sie im Kaufleuten auf.

Lehrer konnten sich den Namen nicht merken. Heute wissen alle: Tahnee!

Lehrer konnten sich den Namen nicht merken. Heute wissen alle: Tahnee! Bild: zvg

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Pünktlich um 14.30 Uhr klingelt, wie abgemacht, das Telefon, Tahnee am Apparat. Wir hätten da 100 Fragen, sagen wir. (Es wurden dann weniger.) Kein Problem, sagt die Comedienne, die am Sonntag mit ihrem zweiten Solo-Programm «Vulvarine» im Zürcher Kaufleuten auftritt.

1. Wie melden Sie sich am Telefon? Sagen Sie: Hallo? Tahnee? Oder den Nachnamen?
Hallo, sag’ ich, es ist am sichersten, man weiss ja nie, wer dran ist.

2. Ist Tahnee Ihr einziger Vorname?
Offiziell schon.

3. Was ist in amtlichen Dokumenten als Ihr Beruf eingetragen?
Ich wünschte, es stünde da Gaukler.

4. Wie gross sind Sie laut Pass? 160 cm.

5. Machen Sie sich manchmal grösser?
Das einzige, wo es sinnvoll wäre, grösser zu sein, ist an Konzerten.

6. Tragen sie gern High Heels?
Nein, um Gottes willen. Nein, nein, nein.

7. Man nennt sie: «Die Tanne»
Ich habe selber nie Tanne gesagt. Das waren Lehrer, weil sie sich meinen Namen nicht merken konnten. Deswegen war ich in der Schule gern mal die Tanne.

8. Welche Bäume mögen Sie sonst im deutschen Wald?
Herbst ist meine liebste Jahreszeit. Deshalb finde ich den Ahorn so fantastisch. Er hat die schönsten Farben. Auch das Wort Ahorn ist toll.

9. Wie wächst man als Tahnee in Heinsberg auf, einer Kleinstadt an der Grenze zu den Niederlanden?
Na, man wächst halt auf. Im Rahmen dieser Möglichkeiten.

10. Das erste Bild aus Ihrer Kindheit?
Ich nehm an, das war der Ultraschall.

11. Sprechen Sie auch Holländisch?
Ein bisschen. Ich hab es mir selber beigebracht, auf Besuch bei meiner holländischen Verwandtschaft. Ich brabble gerne nach. Und fake auch gut.

12. Waren Sie schon immer lustig?
Na sicher. Und immer öfter.

13. Fanden Ihre Lehrer Sie lustig?
Oh, nein, ich glaube nicht. Ich war in der Schule nie der Klassenclown.

Tahnee über Liebe unter Frauen: Szene aus dem aktuellen Programm «Vulvarine». Video: YouTube/MySpass.com

14. Und umgekehrt: Fanden Sie Ihre Lehrer lustig?
Teilweise. Unweigerlich. Es gab schon den einen oder anderen Kandidaten.

15. Sie haben mal gesagt, Sie wollten Hausfrau werden.
Nee, das habe ich bestimmt nicht gesagt.

«Ich wollte immer, ob Schauspiel oder Musical, ins lustige Segment.»Tahnee

16. Was wollten Sie als Kind werden?
Architektin.

17. Warum wurden Sie es nicht?
Weil ich das geworden bin, was ich wirklich werden wollte.

18. Sie wurden Komikerin.
Das ist das grösste Glück. Ich wollte immer, ob Schauspiel oder Musical, ins lustige Segment. Und ich liebe, was ich tue. In meinem Job habe ich eine unendliche Freiheit.

19. Wo hatten Sie Ihren ersten Auftritt?
Als Kind? Zuhause.

20. Die erste Rolle?
Mit sechs oder sieben am Kinderkarneval. Ich habe die Omas aus unserem Dorf nachgemacht.

21. Wann wurden Sie Tahnee?
Ich glaube, ich werde es jeden Tag ein bisschen mehr.

22. Ihr erstes Programm hiess: #geschicktzerfickt. Jetzt treten Sie mit Vulvarine auf. Welche Angebote, glauben Sie, macht Amazon, wenn man solche Begriffe googelt?

Diese Frage haben wir Tahnee aber nicht gestellt, weil nicht relevant. Und auch nicht diese:

23. Gerade läuft in der Schweizer Hitparade das Lied «Faszination Glied». Muss Kunst immer explizit sein?

24. Warum hört sich das Wort «Lesbe» nicht so gut an?
In einer meinen ersten Nummern habe ich mich über die Phonetik des Wortes ausgelassen. «Lesbe» tönt so hart im Deutschen. Und ist auch negativ besetzt.

25. In welcher Sprache tönt der Begriff schöner?
Auf Spanisch.

«Es gibt immer so kleine Ängste, die man hat.»Tahnee

26. Was würden Sie in Ihrem Wikipedia-Eintrag ändern wollen?
Den müsst ich erst mal lesen. Da stimmt sicher die Hälfte nicht.

27. Es heisst über Tahnee: «Sie ist offen homosexuell und thematisiert ihre sexuelle Orientierung auch seit 2014 auf der Bühne.»
Komisch. Heterosexuelle thematisieren es ja auch auf der Bühne. Steht da aber wahrscheinlich nicht. Mein Gott, wir sind eben noch nicht so weit, dass es egal ist.

28. Welche Wörter könnte man aus dem Duden ohne grossen Verluste für die Menschheit streichen?
«Sättigungsbeilage».

29. Gehört auch «Angst» zu diesen Wörtern?
Angst ist ein grosses Wort. Und so etwas wahnsinnig Irrationales. Es gibt immer so kleine Ängste, die man hat. Wenn schon könnte man sagen, dass ich ein grosser Zweifler bin.

30. Gibt es ein Rezept gegen das Unglücklichsein? Hilft kochen?
Ja, tatsächlich. Und auch: Filme aus der Kindheit gucken. Ein Film, der mich in eine andere Welt transportiert hat, war «Harry Potter».

31. Ist Köln, wo sie leben, eine Lieblingsstadt?
Schon eine tolle Stadt. Liegt mitten in Deutschland, was für eine Tour-Künstlerin wichtig ist. Köln ist vor allem eine sehr offene und sehr liberale Stadt, was mir sehr gefällt. Was schade ist: Köln ist unfassbar dreckig. Eine Stadt muss aber nicht unbedingt schön sein, um eine Lieblingsstadt zu sein.

32. Wo könnten Sie auch noch leben? 33. Zürich? 34. Paris? 35. Berlin? 36. Wo sonst?
Meine eigentliche Lieblingsstadt ist Wien. Meine zweite Heimat. Ich liebe diese Stadt über alles.

37. Warum spricht in einer Ihrer Nummern die Katze Wienerisch?
Das ist eine rhetorische Frage. Natürlich, weil ich es will.

38. Welches ist Ihr Lieblingswort im Schweizer Dialekt?
Einmal habe ich gesagt: «Ich frühstücke gern Mösli.» Es wurde sehr gelacht, und ich wusste am Anfang nicht warum. Deshalb finde ich «Mösli» ein lustiges Wort.

39. Was sonst macht die Schweiz lustig?
Ah, Sie meinen das ganze Land? Gehen Sie gerade all in?

40. Ja, die Schweiz als solche.
Ich liebe den Schweizer Dialekt. In den Details steckt schon viel Komik, gerade auch in den unterschiedlichen Umgangsformen miteinander.

41. Wie geht man denn in der Schweiz miteinander unter?
In der Schweiz ist man sehr höflich. Man sagt hier: «Könnten wir vielleicht bitte noch ein Fotoli machen?» Vor allem im Rheinland sagt man schon mal «Komm ich will ein Foto!».

42. An den Swiss Comedy Awards waren Sie neben Irene Brügger (Frölein Da Capo) am Schluss die einzige Frau auf der Bühne. Warum ist Comedy immer so männerlastig?
Das gilt generell.

44. Konkret?
Ich habs mal versucht so mit dem Tierreich zu vergleichen. Die männlichen Vertreter werben eher um die Gunst der Frauen. Da wird gebalzt, da werden Tänzchen aufgeführt. Die Frau ist dann diejenige, die sagt: Ja oder nein.

45. Aber auch Frauen müssen sich mehr auf der Bühne präsentieren.
Es gibt eine Tendenz nach oben. Sie haben ja an den Swiss Comedy Awards gesehen: es sind schon zwei (lacht).

«Ich kenne auch manche unlustigen Kollegen.»Tahnee

46. Was können Frauen dafür tun, dass es mehr Tahnees auf der Bühne gibt?
Es muss einfach Frauen geben, die sagen, ich habe Lust auf diesen Beruf. Es geht auch darum, dass sich Frauen mehr zutrauen und sagen: Ich kann das auch.

47. Männer sagen das oft.
Ich kenne auch manche unlustigen Kollegen. Nur weil so viele Männer auf der Bühne stehen, heisst das nicht, dass sie alle gut sind.

Bringt zum Lachen: Tahnee über Mädelsabende und Dorfkirmes. Video: YouTube/MySpass.com

48. Das ist schon Frage 44. Möchten Sie selber mal eine Frage stellen?
Nein, ich bin gottseidank keine Journalistin.

49. Sie haben gesagt: «Sehr gern würde ich mal als Angela Merkel verkleidet entspannt shopping gehen». Was soll daran so entspannt sein?
Ich wüsste nicht, wann ich das gesagt haben soll. Wenn dann, war das überraschenderweise nur ein Scherz.

50. Möchten Sie überhaupt manchmal eine andere sein?
Ich bin sehr zufrieden. Grundsätzlich möchte ich keine andere sein.

51. Und nicht grundsätzlich?
Ich fände es mal schön, komplett unerkannt irgendwo hinzugehen. Was mich schon stört, sind diese Smartphones, die einem einfach ins Gesicht gehalten werden, wenn ich im Supermarkt Klopapier oder so kaufe.

52. Zu wieviel Prozent ist Tahnee auf der Bühne die Frau, die Sie sind?
Auf der Bühne zeige ich einen Strang meiner Persönlichkeit, und das zu 100 Prozent.

«Ich sorge aber dafür, dass ich immer im Rucksack ein Buch dabei habe.»Tahnee

53. Können Sie ein Gedicht auswendig?
Nee, auswendig nicht, aber ich liebe Gedichte.

54. Ein Lieblingsroman?
Romane habe ich früher viele gelesen. Mittlerweile erzähle ich selber Geschichten auf der Bühne.

55. Und Sachbücher?
Eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist von Carolin Emcke: «Wie wir begehren». Die Frau finde ich grossartig.

56. Wann lesen Sie?
Früher hatte ich fürs Lesen mehr Zeit. So ein gemütlicher Abend auf der Couch, der wird immer seltener.

57. Warum?
Ich bin wahnsinnig viel unterwegs. Ich sorge aber dafür, dass ich immer im Rucksack ein Buch dabei habe.

58. Schauen Sie auch Netflix?
Netflix ist super zum Abschalten im Hotel nach einem Solo, wenn man zwei Stunden auf der Bühne komplett ausgerastet ist.

59. Welches sind die besten Serien, die man auf Netflix sehen kann?
Die letzte Serie die ich super fand war die deutsche Produktion «Dark».

60. In Ihrem Programm geht es auch um die Superkraft der Vulvarine. Welche Superkräfte möchten Sie selber haben?
Diese klassischen Sachen wie Fliegen oder Unsichtbarkeit nutzen sich irgendwann ab. Eine Freundin hat gesagt, sie würde gerne essen, ohne fett zu werden.

Es ist 14.48 Uhr. Man könnte Tahnee noch so allerhand fragen: Über die Reaktionen ihrer Fans («Ich hasse eigentlich Comedy, aber die ist echt super.»). Über ihren Alice-Weigel-Witz, den sie in Zürich gemacht hat. Über vieles andere mehr. Lassen wir aber mal die Fragen 61-66. Und gehen zur letzten.

67. Kann das Lachen die Welt retten?
Ach, nee. Retten nicht. Aber ein bisschen fröhlicher machen. Und entspannter. Ich glaube, das mit dem Retten ist vorbei.

So 20.10. — 20 Uhr
Kaufleuten
Pelikanplatz 18
Eintritt 35 / 45 Franken
www.kaufleuten.ch

Erstellt: 19.10.2019, 08:43 Uhr

Tahnee

Die 27-Jährige ist Stand-up-Comedienne und lebt in Köln. Sie ­moderierte das TV-Kultprogramm «Nightwash» und tritt im Augenblick mit ihrem zweiten Soloprogramm «Vulvarine» auf. Auch sonst hat die Frau Superkräfte. Freundlichkeit gehört dazu. Und Witz.

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