«Gute Kunst muss mich irritieren»

Der Direktor des Ballett Zürich nimmt sich des «Nussknackers» an. Christian Spuck über den Bruch mit Klischees, zu perfekte Tänzer und nagende Selbstzweifel.

«Tänzer müssen Künstler sein.» Spuck mit seiner Kompanie beim Proben.

«Tänzer müssen Künstler sein.» Spuck mit seiner Kompanie beim Proben.

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Sie sagten einmal, Ihr Beruf als Choreograf sei hauptsächlich Mittel zum Zweck, Geschichten zu erzählen.
Ja, jede Kunst, die auf der Bühne stattfindet, sollte doch eine Geschichte erzählen. Das kann eine Geschichte sein, die schon existiert, neu erfunden oder abstrakt ist – beispielsweise über das Verhältnis von Raum und Zeit.

Warum faszinieren Sie Geschichten so sehr?
Seitdem wir existieren, gibt es Geschichten von Menschen über Menschen. Die berühmtesten haben eine allgemeingültige Aussage über das Menschsein und dessen Schwierigkeiten. Ich finde, eine gute Geschichte hat immer ein bisschen dieses Erkenne-dich-selbst. Auch unser Leben ist eine Geschichte. Sie brauchen sich nur auf eine Strassenkreuzung in Zürich zu stellen – all diese vielen vorbeigehenden Menschen, sie alle haben so viele Geschichten in ihrem Leben. Es gibt mehr davon als die unzähligen Sandkörner aller Wüsten zusammen.

Nach dem «Sandmann» inszenieren Sie nun den «Nussknacker». Warum dieses Faible für die dunklen Geschichten von E. T. A. Hoffmann?
Ich mag seine Geschichten gern, weil es oft Märchen sind. Er lässt diese nicht irgendwo im Märchenwald stattfinden, sondern holt sie in unser Wohnzimmer. Auf einmal durchtränken Fantasie und das Surreale unsere Wirklichkeit. Er spielt mit Realitäten, mit unserer Wahrnehmung.

Sie irritieren Ihr Publikum also gerne.
Ja, aber nicht aus einer Provokation heraus. Eine gute Irritation führt beim Publikum zum Überraschtsein und Nachdenken. Wenn ich Kunst anschaue, erwarte ich, dass ich irritiert werde – und nicht Altbekanntes neu verpackt betrachte.

Irritieren Sie manchmal auch Ihre Tänzer?
Das beginnt sehr früh im Entstehungsprozess. Ich führe ausführliche Gespräche mit den Tänzern, bevor wir ein neues Stück anfangen, so wissen sie, was sie erwartet. Zu «Nussknacker» hatten sie alle eine bestimmte Erwartungshaltung, weil die meisten schon verschiedene Versionen des Stücks getanzt haben. Ich glaube, es macht ihnen Spass, nun einen «Nussknacker» mitzukreieren, der nicht dem Klischee entspricht.

Sie mögen keine Tänzer, die Ihre Choreografien nur tanzen, um ihre Technik zu präsentieren.
Für mich müssen Tänzer Künstler sein. Ich muss spüren, dass sie etwas mitzuteilen haben; dass sie über mehr als nur brillante Technik verfügen und bereit sind, ein Risiko einzugehen. Wenn ich mit anderen Kompanien arbeite, erlebe ich Tänzer, die eine saubere Technik und wunderschöne Körper haben. Für einen kurzen Moment ist dies faszinierend. Doch haben sie mit diesem perfekten Instrument nichts zu sagen, wird es schnell langweilig.

Die Ballettwelt setzt zu viel auf virtuose Schritte und zu wenig auf Inhalte?
Es sollte umgekehrt sein: Mit Tanz kann man spannende Geschichten erzählen. Auch auf höchstem technischem Niveau. Aber der Kern für mich ist, dass ich Künstler auf der Bühne habe. Ich erwarte von Tänzern, dass sie eine Vorstellung kreieren und dem Publikum das Gefühl geben, die Choreografie würde in dem Moment des Tanzes entstehen.

Bei Spuck schwebt der Primoballerino auf dem Skateboard über die Bühne. Die meisten denken bei Ballett aber an Spitzenschuhe und Tutus. Nervt Sie dieses Klischee?
Nein, aber mich nervt, wenn Choreografenkollegen, auch jüngere Generationen, superbegabt sind aber doch nur das Klischee bedienen und Ballett aus den 60er- und 70er-Jahren zeigen. Sie negieren, dass es Künstler wie George Balanchine, William Forsythe, Ji?í Kylián oder Mats Ek gibt, die den Tanz neu erfunden haben. Unsere Aufgabe als Choreografen der jetzigen Generation ist, dieses Wissen mitzunehmen. ­Ballett ist mehr als weisse Trikots und schöne Spitzenschuhe.

Mit Ihrem «Nussknacker» sind Sie vom berühmten Bolschoi-Ballett eingeladen. Mit welchen Gefühlen reisen Sie in die Hochburg des klassischen Balletts?
Die letzte «Nussknacker»-Produktion dort ist aus den 60er-Jahren – das Publikum wird schon sehr überrascht sein. Manchmal hatte ich Nächte, in denen ich nervös wurde und dachte, dass ich meine Version doch klassischer choreografieren sollte. Doch in den Gesprächen mit Moskau hiess es immer: «Spuck, bleib dir treu.» An sich selbst zu glauben, ist manchmal aber das Schwierigste. Die Vorstellungen sind mittlerweile ausverkauft. Stattfinden wird der Zürcher «Nussknacker» also auf jeden Fall.

Sie haben spät die Theaterwelt erobert. Erst mit 21 Jahren haben Sie mit Tanzen angefangen. Ihre Eltern hatten darauf bestanden, dass Sie zuerst Schule und Zivildienst beenden.
Es gibt Menschen, denen fällt so was in den Schoss. Wunderkinder, die auf einmal im Ballettunterricht hochgehen wie eine Rakete, gibt es immer wieder. Bei mir war das nicht der Fall. Die komplexe Koordination im Ballett muss man sehr früh lernen. Weil sich alles so verzögerte, war ich im Ballett nie die grosse Leuchte. Aus mir wäre nie ein Prinz geworden. Sehr oft wollte ich die Flinte ins Korn werfen. Doch habe ich mich durchgebissen. Was ich erreicht habe, dieses Privileg, eine so tolle Kompanie zu leiten und zu gestalten, war jahrzehntelange Arbeit.

Statt Pirouetten zu üben, haben Sie als Zivi in der Psychiatrie gearbeitet.
Bis heute bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie mich zurückgehalten haben. Der Vorteil war, dass ich im zweijährigen Zivildienst in der Psychiatrie unheimlich viel über das Menschsein gelernt habe. Ich bin Menschen begegnet, die an der Kante von Hell und Dunkel leben und extremen Gefühlen ausgesetzt sind. Diese Erfahrung hat mir auf meinem Weg sehr geholfen.

Was wollen Sie noch erreichen – vielleicht auch über Zürich hinaus?
Ich habe noch Träume als Künstler, was ich noch machen könnte oder die ich mir wünschte. Aber darüber spreche ich nicht, sonst gehen sie nicht in Erfüllung.

Christian Spuck (48):Der gebürtige Marburger leitet in Zürich seit fünf Jahren das grösste Ballettensemble der Schweiz mit 50 Tänzerinnen und Tänzern.
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2017, 14:34 Uhr

Nussknacker und der Mausekönig

Auch Erwachsene zieht sie immer wieder in Bann: die Geschichte vom Mädchen Marie, das sich in einen unheimlichen Fiebertraum hineinsteigert. Ein Ende setzt ihm der siegreiche hölzerne Nussknacker – als Maries Traumprinz. «Nussknacker» als Ballett ist ein weltweiter Weihnachtshit ­geworden – teilweise von grossen Ballettkompanien zur Adventszeit an die 100-mal aufgeführt. Das ­Märchen von E. T. A. Hoffmann hat in den allermeisten Bühnenversionen viel von seinem dunkel-romantischen Ursprung verloren. In einer Neuproduktion des Klassikers lässt Christian Spuck die Fantastik der Hoffmann-Version zur weltberühmten Musik von Tschaikowsky auferstehen. Statt in Drosselmeiers Werkstatt erwachen die Figuren in einem alten Revue-Theater zu neuem Leben. Bei Spuck gleitet Nussknacker auf dem Skateboard über die Bühne, und die Zuckerfee verzaubert im Muffins-Tutu. Spuck erzählt seine «Nussknacker»-Geschichte in filmreifen Tanzbildern.

Premiere, 19 Uhr
Opernhaus
Eintritt 29–230 Franken
Bis 15.4.2018

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