«Ich bin nur einem einzigen Ratschlag gefolgt»

Er produzierte «Cats», «Les Misérables» und «Miss Saigon». Nun verrät der Brite sein Lieblingsmusical und was sein Erfolgsrezept für die grosse Bühne ist.

Er hat mehrere ewige Bühnenhits produziert: der 72-jährige Cameron Mackintosh.

Er hat mehrere ewige Bühnenhits produziert: der 72-jährige Cameron Mackintosh. Bild: John Persson/Chicago Tribune

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Mit Musicals verdiente Cameron Mackintosh ein Vermögen, laut «Forbes» war es 2016 über eine Milliarde. Dabei sei für den gebürtigen Londoner Geld nie ein Antrieb gewesen, wie er selbst sagt. Mackintosh begann als Handlanger hinter der Bühne, arbeitete sich hoch und machte aus seiner Liebe zu Musicals ein Riesengeschäft.

Begegnet man ihm persönlich, wirkt er im ersten Moment englisch-zurückhaltend. Doch kaum beginnt Mackintosh von seinen Musicals zu erzählen, gerät er ins Schwärmen. Er spricht von ihnen, als seien sie seine Kinder. Niemand im West End oder am Broadway versteht es besser, seine Produktionen zu vermarkten. «Mister Musical» setzt nicht nur immer wieder neue Produktionen an, er kauft sich gleich die Theaterhäu­ser dazu. Mackintosh ist Chef von Music Theatre International, das die Produktionsrechte für Musicals lizenziert. Er besitzt acht West-End-Theater, die er alle spektakulär restaurieren liess.

Der 72-Jährige hat ein Faible für Gebäude mit Geschichte. Zusammen mit seinem Partner lebt er im britischen Somerset in einem Priorat aus dem 13. Jahrhundert. Für seine Verdienste im Bereich Musiktheater hat ihn die Queen bereits vor 22 Jahren zum Ritter geschlagen.

Sie haben bis heute mehr als 46 Musicals produziert. «Les Misérables» ist dabei mit Abstand Ihr erfolgreichstes. Darf man Sie noch fragen, welches Ihr Lieblingsmusical ist?
Würden Sie auch Eltern fragen, welches ihr Lieblingskind ist? Das würde niemand machen. Ich liebe alle meine Musicals gleich.

Aber jeder Vater hat insgeheim doch seinen Liebling.
Sagen wir es so: Victor Hugo schrieb eine der grössten Novellen unserer Zeit und wird wohl ewig auf einer Bühne zu sehen sein. «Les Misérables» passt in ein Schulzimmer wie auch auf eine grosse Bühne mit Profis.

«Ich bin, bitte entschuldigen Sie diese kleine Prahlerei, nicht so schlecht darin, Werke zu finden, die sich für eine Neuinterpretation eignen.»Cameron Mackintosh

Viele Ihrer Stücke, dazu gehört auch «Miss Saigon», werden seit über einem Jahrzehnt aufgeführt. Wie erschafft man etwas, das über so lange Zeit funktioniert?
Ich habe mich das tatsächlich auch schon oft fragen müssen – und bin zu folgendem Schluss gekommen: Jedes einzelne meiner Musicals ist von klassischen Autoren beeinflusst worden: Hugo, Puccini, PL Travers oder TS Eliot. Das sind zeitlose Autoren, die auch von den nachfolgenden Generationen an Theatergängern verstanden werden.

Also haben Sie ein Erfolgsrezept gefunden?
Nein. Ich hätte es sonst sicherlich patentieren lassen. Aber sicher ist, dass ich mich auf die Grundidee dieser Meisterautoren stütze, ihre klassischen Erzählungen zu einem Musical umbauen kann. Ich bin, bitte entschuldigen Sie diese kleine Prahlerei, nicht so schlecht darin, Werke zu finden, die sich für einen solchen Umbau eignen. Ich nehme dann das Beste aus diesen Vorlagen und lasse das bestmögliche Kreativteam darauf los.

Eine der Produktionen von «Mister Musical», die seit Jahren aufgeführt wird: «Miss Saigon». Bild: Chicago Tribune

Dieses Talent, aus einer Idee etwas Lebendiges für die Bühne zu kreieren, hat Sie sehr reich gemacht.
Geld ist für mich kein heikles Thema. Denn am Schluss entscheidet ja das Publikum, ob man damit etwas verdienen kann, nicht der Produzent. Ich bin nur einem einzigen Ratschlag gefolgt: eine Show zu machen, weil ich daran glaube. Und es so gut wie möglich zu machen. Danach kann man nur noch hoffen, dass das Publikum das mag, was du auch magst. Aber klar – das Geld muss bei einem solchen Unternehmen stimmen, von Anfang an. Wenns ein Publikumserfolg wird, dann gibts Gewinn. Ganz einfach. Ich nenne das: die Haushaltskasse im Griff haben.

«Die Show macht das Geschäft, nicht umgekehrt.»Cameron Mackintosh

Das klingt nach Understatement. Bei Ihnen gehts nicht um ein Kässeli, sondern um Big Business.
Ganz ehrlich, ich habe mich nie als Businessman gesehen – ausser dass ich schon immer einen guten Sinn fürs Geld hatte. Ich finde, dass jeder, der Theater als Business betrachtet, den Job wechseln sollte. Die Show macht das Geschäft, nicht umgekehrt.

Sie haben als Bühnengehilfe begonnen, und nun sind Sie ganz oben. Wie haben Sie das geschafft?
Als ich in den 60er-Jahren begann, hatte kaum ein britisches Musical Erfolg. Andrew Lloyd Webber und Lionel Bart waren die Ausnahmen. Als Andrew und ich 20 Jahre später zusammenkamen, war klar: Wir haben beide diese Passion, die gleichen Visionen. Diese Verbundenheit mit Andrew, auch jene mit den «Misérables»-Schreibern Boublil & Schönberg führten dazu, dass wir diesen Erfolg feiern konnten. Wir kreierten vier der grössten Musicals der Geschichte...

... «Les Misérables», «The Phantom of the Opera», «Cats» und ...
... «Miss Saigon», das 1989 die ganze Welt eroberte. Als alle sahen, wie gut diese Werke beim Publikum ankamen, bekamen wir Anfragen von überall, aus vielen, vielen Ländern. So wurde unser Geschäft zu einer veritablen Industrie. Die Kehrseite der Medaille ist, dass heute der Anspruch vorherrscht, alle Musicals müssten nun eine ähnlich lange Laufzeit haben wie zum Beispiel «Cats», das ja alle Rekorde schlug. Während einst eine Laufzeit von zwei Jahren als Erfolg gewertet wurde, müssen es heute mindestens zehn sein. Dieser Erwartungsdruck ist lächerlich.

«Vielleicht kommen noch ein, zwei neue Stücke – bevor für mich dann der letzte Vorhang fällt.»Cameron Mackintosh

«Miss Saigon» ist eines dieser Musicals, die immer und immer wieder neu aufgelegt werden. Kann das nicht ein bisschen langweilig werden?
Würden Sie das auch bei Shakespeare oder Wagner fragen? Eben. Dieser Stoff ist so grossartig, so klassisch, dass jede Generation ihn neu interpretieren sollte.

So wird die Mackintosh-Produktion in Zürich aussehen: der offizielle Trailer von «Miss Saigon». Video: YouTube/MissSaigonOfficial

Sie haben aus den Londoner West-End-Musicals eine globale Marke gemacht. Was visieren Sie als Geschäftsmann als Nächstes an?
Nun, ich bin mit allen meinen laufenden Projekten so stark ausgelastet, dass ich ehrlich gesagt derzeit nicht nach Neuem Ausschau halte. Aber irgendwann kommen vielleicht noch ein, zwei weitere Stücke dazu – bevor für mich dann der letzte Vorhang fällt.

Theater 11
Thurgauerstr. 7
Fr (Premiere) /Di 19.30 Uhr, Sa 14.30 und 19.30 Uhr, So 13.30 und 18.30 Uhr, Mi 18.30 Uhr
Eintritt 70 – 150 Franken
Bis 13.1.2019
www.theater11.ch

(Züritipp)

Erstellt: 30.11.2018, 16:45 Uhr

Miss Saigon

Von Cameron Mackintosh, GB 1989

«Miss Saigon» gilt als Blockbuster-Musical. Es wird seit über 25 Jahren weltweit gespielt. Auch weil der Klassiker sich mit der jüngeren Weltgeschichte auseinandersetzt. Die Liebesgeschichte der Vietnamesin Kim und des amerikanischen Soldaten Chris spielt in den letzten Tagen des Vietnamkriegs. Die beiden verlieben sich, werden jedoch kurz darauf getrennt. Die amerikanischen Truppen ziehen sich zurück. Kim bringt einen gemeinsamen Sohn zur Welt, während Chris in seiner Heimat neues Glück findet. Auf schicksalhafte Weise kreuzen sich ihre Wege in Bangkok wieder. Das Musical «Miss Saigon» berührt durch seine Geschichte mit wahren Begebenheiten, mit seiner Musik und Kulissen wie im Film. Spätestens wenn der Helikopter abhebt, wird der Theaterbesuch auch zum Kinoerlebnis. (seh)

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