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Indien vs. Ghana

Zwei weibliche Stimmen der Weltliteratur sind gleichzeitig zu hören: die eine im Kosmos, die andere im Kaufleuten. Was tun? Eine Entscheidungshilfe.

Arundhati Roy (l.) und Yaa Gyasi lesen am selben Abend aus ihren Romanen.
Arundhati Roy (l.) und Yaa Gyasi lesen am selben Abend aus ihren Romanen.

Arundhati Roy Wem Arundhati Roys «Der Gott der kleinen Dinge» vor 20 Jahren die Augen geöffnet hat für die Grausamkeit des Kastensystems in Indien, wer ihr Engagement als Kapitalismuskritikerin und Politaktivistin mitverfolgt, ihre Essays gelesen und immer auf den neuen Roman gewartet hat, darf den Auftritt der streitbaren Inderin nicht verpassen. Vor allem, wenn er oder sie ein Flair für Texte hat, die den Lesern einiges zumuten, im besten Sinne – an fabulierender Detailverliebtheit und an politischer Verve. Manchmal liest sich der Roman fast lyrisch; dazu tragen auch die vielen eingesprengten Wörter aus indischen Sprachen bei. Dann wieder erinnern die Geschichten der Protagonisten an eine leidenschaftliche Reportage, in der wir Ungeheuerliches über Indien, die Gewalt von Hindus gegen Muslime, die Zerstörung der Ressourcen erfahren.

«Das Ministerium des äussersten Glücks» beginnt auf einem Friedhof. Dort lebt Anjum, eine Hijra, wie die Angehörigen eines dritten Geschlechts – Hermaphroditen, Trans-Menschen, Transvestiten – in Südostasien genannt werden. Aus ihrer Position im Dazwischen baut Anjum eine anarchische Gegengesellschaft auf. Von dort wird auch der Roman aufgerollt, der uns tief in den Kaschmirkonflikt hineinführt.

Montag, 20 Uhr, Kosmos.

Yaa Gyasi Wer neugierig ist auf neue literarische Stimmen, sollte sich für Yaa Gyasis Lesung entscheiden. Der Erstling der 1989 in Ghana geborenen und in den USA aufgewachsenen Autorin schlägt ein wie ein Komet; «Heimkehren» ist, zusammen mit Colson Whiteheads allseits gefeiertem «Railroad Underground», der Roman der Stunde. Indem beide von der Geschichte der Sklaverei erzählen, beleuchten sie die Hintergründe von Rassismus und Diskriminierung in den USA. Gyasi erzählt kraftvoll, emotional mitreissend und nah an den Figuren; wir erfahren immer nur das, was sie selbst über die aktuelle politische Lage wissen. So wird die Sinnlichkeit einer anderen Zeit lebendig, und so erfahren wir die Ohnmacht der Figuren auf verstörende Weise.

In 14 lose verbundenen Kapiteln folgt Gyasi einer Familie durch die Zeit bis in die Gegenwart. Sie setzt im Ghana des 18. Jahrhunderts an, wo zwei Schwestern, die nichts voneinander wissen, als ganz junge Frauen an die Weissen verkauft werden – die eine, Effia, als Ehefrau, die andere, Esi, als Sklavin. Die Nachkommen Essias bleiben in Ghana, wo sie Zeugen von Kolonialkonflikten werden, während Esis Kinder und Kindeskinder in den USA Sklaverei, Bürgerkrieg und Rassismus erleben.

Montag, 20 Uhr, Kaufleuten

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