«Mich interessieren die Risse»

Simone Lappert ist die erste Schweizer Autorin, deren Bücher bei Diogenes erscheinen. Uns erzählt sie von ihrem Zweitling «Der Sprung».

Erfolgreiche Abgängerinnen des Bieler Literaturinstituts: Die Autorin Simone Lappert.

Erfolgreiche Abgängerinnen des Bieler Literaturinstituts: Die Autorin Simone Lappert. Bild: Ayse Yavas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das zweite Buch gilt als das schwierigste, vor allem wenn das Debüt erfolgreich war. Wie gross war der Druck für «Der Sprung»?
Die Unsicherheiten betrafen vor allem das Schreiben, ich wollte meinem Stoff und den Figuren gerecht werden, über Öffentlichkeit habe ich beim Schreiben nicht nachgedacht. Auf­regend war vor allem der Verlagswechsel. Jetzt, wo das Buch da ist, bin ich natürlich schon neugierig ­­darauf, was der Text mit den Leserinnen und ­Lesern macht.

Ich schreibe aber generell sehr langsam – und auch sehr stark mit den Ohren, das dauert.Simone Lappert

Sie sind bei Diogenes unter Vertrag, wie kam das?
Metrolit, mein vorheriger Verlag, wurde wieder eingestellt. Ich war als Autorin sozusagen verlagsobdachlos. Mein damaliger Lektor und Verleger Peter Graf stellte nach dem Aus den Kontakt zu Diogenes her. Mit viel Herzklopfen schickte ich 50 Seiten des unfertigen Manuskripts an den Verlag und freute mich riesig, als Philipp Keel anrief. Dass ich die erste Schweizer Romanautorin bei Diogenes bin, ist mir erst später bewusst ge­worden.

Ihr Debüt «Wurfschatten» erschien vor fünf Jahren. Wieso hat es so lange gedauert bis zum Zweitling?
Der Stoff forderte viel von mir, ich wollte mir Zeit nehmen und meine Figuren kennen lernen. Ich schreibe aber generell sehr langsam – und auch sehr stark mit den Ohren, das dauert.

Nicht nur die Bedeutung, sondern auch der Klang eines Worts oder der Rhythmus eines ­Satzes tragen zum Inhalt bei.Simone Lappert

Wie meinen Sie das?
Nicht nur die Bedeutung, sondern auch der Klang eines Worts oder der Rhythmus eines ­Satzes tragen zum Inhalt bei. Deshalb lese ich mir meine Texte jeweils laut vor. Text ist für mich ­immer auch Klangkörper.

Basiert Ihr Roman «Der Sprung» auf einer wahren Geschichte?
Die Inspiration war ein Ereignis, das so ähnlich stattfand, ja, ich habe es aber stark fiktionalisiert, um die Menschen dahinter zu schützen. Die Situation einer Person, die stundenlang auf einem Dach stand, der Auflauf der Schaulustigen, die Brutalität und Ohnmacht der Situation, das hat mich nicht mehr losgelassen.

Es geht auch um die Einöde einer Kleinstadt.
Die möglichen Geschichten der Leute, die auf der Strasse standen und zum Dach hochschauten, die Frage nach den Hintergründen ihres Verhaltens, standen für mich im Zentrum. Ich schrieb aus der Frage heraus, wie unsere Erfahrungen und Prägungen das Bild beeinflussen, das wir uns von anderen machen. Ich hatte das Gefühl, dass das in einem kleineren Geflecht, in dem die Menschen sich eher kennen, besser gelingt.

Beide Ihre Romane sind thematisch eher schwer. Sind Tragödien spannender als Komödien?
In solchen Kategorien denke ich nicht. Mich interessieren die Risse, die sich durch eine Biografie ziehen, was passiert, wenn zurechtgelegte Strategien nicht mehr funktionieren, und wir uns neu erfinden müssen. Aber ich glaube, «Der Sprung» ist nicht nur ein schweres und negatives Buch, trotz des erschütternden Ereignisses. Manu, die Hauptfigur, stösst auch Entwicklungen an.

Do 19.9. — 19:30 Uhr
Literaturhaus
Limmatquai 62
Mit musikalischer Begleitung von Martina Berther
Eintritt 20 / 14 Franken
Weitere Lesung: Mo 23.9., 19.30 Uhr, Winterthur, Coalmine, Turnerstr. 1
www.literaturhaus.ch

Erstellt: 18.09.2019, 16:03 Uhr

Zum Buch «Der Sprung»

Im zweiten Roman der 33-jährigen Autorin hält eine junge Frau eine Kleinstadt während 24 Stunden in Atem: Sie steht auf einem Dach.

Weshalb sie dort oben ist und wie die Anwohner auf das Ereignis reagieren – Spoiler: unter anderem mit Rufen wie «Spring doch!» –, erzählt Lappert clever und packend auf 300 Seiten.

Anhand von zehn Figuren, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, deren Geschichten sich aber zunehmend verweben, wird deutlich, wie schnell Menschen aus ihrem Alltagstrott fallen.

Artikel zum Thema

Scharlatane und Plünderer

R. O. Kwon, Karina Sainz Borgo und Tom Combo stellen ihre neusten Bücher vor. Lesungen, die Sie nicht verpassen sollten. Mehr...

Das ist neu auf Zürichs Bühnen

Führung beim Neumarkt, mehr Diversität im Schauspielhaus und ein neues Tanzhaus: die Übersicht der Veränderungen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Das Bauhaus ist 100

Geldblog Nestlé enttäuscht den Markt

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...