«Mich kennt ja keine Sau»

Wer ist der Deutsche, der zum Saisonauftakt im Schauspielhaus gleich Hamlet spielt?

Jan Bülow: Von der Schauspielschule ins Schauspielhausensemble.

Jan Bülow: Von der Schauspielschule ins Schauspielhausensemble. Bild: Fabienne Andreoli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Aufgedreht von den Proben, rutscht Jan Bülow auf dem Gartenstuhl eines Cafés hin und her, zieht an seiner Zigarette und spricht über Shakespeare und Zürich. Der gebürtige Berliner mag die Stadt sehr, ganz im Gegenteil zu Rivella.

Anfang dieses Jahres war der 22-Jährige das erste Mal überhaupt in Zürich. Schauspielhaus-Dramaturg Andreas Karlaganis hatte ihn in einer Studioinszenierung der Berliner Schauspielschule Ernst Busch, an der Bülow bis vor kurzem studierte, gesehen und ihn zum Vorsprechen eingeladen. «Als ich dann tatsächlich die Zusage fürs Ensemble bekam, war das ein Traum», sagt Bülow. Viel über das Engagement nachgedacht habe er danach nicht mehr, er flog zurück nach Berlin und freute sich über seinen neuen Job.

«Er ist begabt, spielfreudig und interessiert sich für die Untiefen der Hamlet-Textur.»Barbara Frey

«Dann kam plötzlich wieder ein Anruf aus Zürich.» Einen Auszug aus «Hamlet» sollte er für ein zweites Vorsprechen vorbereiten. Dass er in der engeren Auswahl für die Hauptrolle war, realisierte er nicht. «Ich musste ja eh was vorspielen, also dachte ich, sie geben mir einfach irgendeinen Text.» Dass er die Rolle des Hamlet «zuerst nicht so gut hinbekommen hat», wie er selbst sagt, hat Regisseurin und Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey nicht davon abgehalten, Bülow zu verpflichten.

«Er ist begabt, spielfreudig und interessiert sich für die Untiefen der Hamlet-Textur. Die Verletzlichkeit und Melancholie von Hamlet sind ihm genauso wichtig wie dessen Kraft und Wut», antwortet Frey auf die Frage, weshalb sie ihn verpflichtete. «Barbara», Bülow nennt die Intendantin nur beim Vornamen, «wollte die Rolle mit einem Schauspieler besetzen, der das Alter hat, das Shakespeare für die Figur einst vorsah.»

Alles, was Sie über Hamlet wissen müssen. Video: YouTube/Sommers Weltliteratur to go

Bülow spricht immer und immer wieder über Shakespeare und scheint keine zufriedenstellenden Worte zu finden. «Es ist die Sprache, die mich begeistert. Man kann die Sätze immer weiter entziffern, es steckt so viel in und zwischen ihnen.» Auch dass seine Geschichten, genau wie die der griechischen Mythologie, bis heute gespielt und erzählt würden, fasziniere ihn.

Dass Bülow nun eine dieser Figuren und eine der grössten Theaterrollen überhaupt spielt, scheint er noch immer nicht glauben zu können: «Das kann man ja eigentlich niemandem sagen, dass ich gleich mit dieser Rolle einsteige. Die wird sonst Leuten gegeben, die einen Namen haben an einem Haus. Und mich kennt ja keine Sau.» Für einen 22-Jährigen wirkt Bülow, trotz dem einen oder anderen Allgemeinplatz, äusserst reflektiert. Oft blitzt ein jugendlicher Schalk durch. Etwa, als er sich bei der Begrüssung für die klebrigen Hände entschuldigt, weil er eben noch sein Haar frisch gegelt habe.

«Ich in der Rolle des Hamlet: Das kann man ja eigentlich niemandem sagen.»Jan Bülow

Als «höchst neugierigen, offenen jungen Menschen» empfindet Barbara Frey ihren Schützling. Das Engagement in Zürich ist nicht Bülows einziges Projekt zurzeit. Im Herbst steht er für ein neues Biopic über Udo Lindenberg vor der Kamera; er spielt den Sänger in jungen Jahren. Und Ende des Jahres ist er in der neuen Netflix-Serie «Dogs of Berlin» zu sehen.

Zur Schauspielerei gekommen ist er durch seinen jüngeren Bruder. Der wollte mit zehn Jahren zum Film, da wollte der Ältere auch. Die Jungs waren bei einer Agentur und hatten ihre ersten Minirollen. Seine Mutter sei Theatergängerin, sagt Bülow, sein Vater weniger. «Er wollte einfach, dass ich etwas studiere», sagt Bülow.

Apropos Familie: Nein, mit Loriot alias Vicco von Bülow ist er nicht verwandt. «Der Vicco hat ja noch ein ‹von› in seinem Namen», sagt der Schauspieler lachend. Doch wenn es so weitergeht mit der Karriere des Jan Bülow, dann werden ihn die Leute bald nicht nur wegen seines bekannten Nachnamens kennen und ansprechen.

Do / Mo — 20:00 Uhr
Pfauen
Rämistr. 34
www.schauspielhaus.ch
Eintritt 10–108 Franken Bis 1.11.
Restkarten an der Abendkasse

(Züritipp)

Erstellt: 12.09.2018, 15:41 Uhr

Artikel zum Thema

Beziehungen unter Zombies

Am Zürcher Pfauen eröffnete die Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey mit einem «Hamlet» – der schwärzer und strenger kaum sein könnte. Mehr...

«Es soll spannend sein – und ein bisschen freakig»

Der Cirque du Soleil gastiert mit «Totem» in Zürich. Wir haben mit Schlangenfrau Oyuna-Erdene Senge übers Zirkusleben, Grenzen und Gene gesprochen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...