Ohne seine Bücher geht es nicht

Aus der Liebe unseres Autors zur Literatur von Julian Barnes wurde mehr. Die Geschichte einer Freundschaft.

Der Brite liest im Rahmen des Openair Literatur Festivals: Autor Julian Barnes.

Der Brite liest im Rahmen des Openair Literatur Festivals: Autor Julian Barnes. Bild: Urzula Soltys

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Menschen, deren Werk man verehrt, persönlich kennen zu lernen, ist immer riskant. So unterschiedliche Autoren wie der Amerikaner John Irving und der Deutsche Arno Schmidt sind sich da einig: «Wenn das Beste und Klarste von ihm nicht in seinen Gedichten steckte, wäre er kein sehr guter Schriftsteller», steht bei Irving, und «den schäbigen Rest» sollte man sich besser nicht anschauen, schrieb Schmidt.

Als Verlagslektor, was ich zwanzig Jahre lang war, lernt man, dass Autoren grosser Werke unangenehme Zeitgenossen sein und dass absolut reizende Leute ganz entsetzliche Kunst produzieren können. Manchmal aber hat man Glück. Als ich 1987 als Lektor im Haffmans-Verlag Julian Barnes kennen lernte, hatte ich seine vier ersten Romane gelesen sowie drei der Krimis, die er unter dem Pseudonym Dan Kavanagh publizierte.

Liebe, Tod, Sex und Kunst

Immer ging es bei dem 1946 geborenen Engländer um Liebe, Tod, Sex und Kunst, also keine besonders originellen Themen. Dennoch waren alle Bücher grundverschieden – und immer hatte ich das Gefühl: «Der schreibt genau für mich.» Wie der wohl als Mensch sein mochte?

Zuerst sah ich ihn im französischen Fernsehen, wo mir zwei Dinge auffielen: seine lange Nase und sein exzellentes Französisch. Als wir uns persönlich kennen lernten, stellte ich fest, wie wenig gerecht ihm Fotos werden: Weil seine Oberlippe so schmal ist, wirkt er auf Bildern fast verkniffen, dabei ist er ein ausgesprochen witziger Mann. Und seine warme, tiefe Stimme gehört zu den schönsten, die ich kenne. Zum Glück gibt es Hörbücher von ihm.

Die Frage nach der Farbe von Johannisbeerkonfitüre

Sein Grundton ist ironisch, aber es ist nie die Von-oben-herab-Ironie eines Thomas Mann. Die barnessche Ironie ist vielmehr liebevoll und mitfühlend. Ausserdem sind der Autor und seine Figuren neugierig: In «Flauberts Papagei« (1984), dem schönsten Buch der Welt über die Liebe zum Lesen, macht sich der Icherzähler Gedanken darüber, wie die Erfindung der Eisenbahn sich auf den ausserehelichen Geschlechtsverkehr auswirkte. Und er konsultiert einen Lebensmittelspezialisten mit der Frage, was für eine Farbe Johannisbeerkonfitüre im 19. Jahrhundert gehabt haben mochte, weil sein grosses Idol Gustave Flaubert einmal einen Sonnenuntergang entsprechend beschrieben hatte.

Dieser Icherzähler gibt im Lauf des Buchs nur widerwillig preis, was er eigentlich für einer ist und was ihn umtreibt. Auch sein Schöpfer schätzt Diskretion über alles. Aber in manchen Büchern spricht er sehr wohl von sich: In «Nichts, was man fürchten müsste» (2008) geht es um den Tod. Barnes ist der einzige mir bekannte Mensch, der nicht Angst vor dem Sterben, sondern vor dem Totsein hat.

Ausgerechnet in dem Jahr, als dieses Buch erschien, erkrankte Pat Kavanagh, seine Frau, die er über alles liebte, an einem Hirntumor und starb wenige Monate später. 2013 erschien «Lebensstufen». Barnes selbst sprach jeweils von seinem «sonderbaren Buch», denn in dessen ersten beiden Teilen erzählt er von Ballonfahrt, Fotografien aus der Luft und der Affäre eines englischen Offiziers mit der französischen Schauspielerin Sarah Bernhardt. Im dritten Teil aber geht es um den Tod von Pat, und wir merken, dass der Autor in den ersten beiden Teilen Bilder geschaffen hat, die er im dritten Teil braucht, um seine Trauer zu beschreiben.

«Weil sie offensichtlicher als jede andere Kunst das Herz brechen will.»Julian Barnes über die Oper

Wer je einen geliebten Menschen verloren hat, wird immer wieder zu diesem Buch greifen. Darin beschreibt Barnes auch, warum er zum Opernfan geworden ist: «Weil sie offensichtlicher als jede andere Kunst das Herz brechen will.» Er hat den Ehrgeiz, so viele Opern wie möglich zu sehen, und Termine für Zürcher Lesungen werden danach ausgewählt, was dann im Opernhaus läuft.

Noch schöner, als von Julian Barnes ins Opernhaus mitgenommen zu werden, ist es, von ihm bekocht zu werden. Wie er das tut, beschreibt er in der Essaysammlung «Fein gehackt und grob gewürfelt» mit dem bezeichnenden Untertitel «Der Pedant in der Küche». Und wer sich fragt, was an einem solchen Abend geredet wird, lese die hochkomischen Phil-und-Joanna-Texte in «Unbefugtes Betreten».

Mindestens so gern, wie er seine Leser zum Lachen bringt, macht er sie aber auch fertig. Ich erzählte ihm, seine Dreiecksgeschichte «Darüber reden» (1991) habe in mir nachgeschwärt, als hätte man mich mit einer vergifteten Waffe verletzt. Die Fortsetzung davon, «Liebe usw.» (2000), schickte er mir mit dem Kommentar: «Wenn dich der erste Teil deprimiert hat, wirst du nach diesem hier Prozac nehmen müssen.» Es ging dann ohne. Aber ohne Barnes-Bücher ginge es nicht, manche durfte ich mit übersetzen, und die allermeisten habe ich mehrmals gelesen.

Am Anfang war der Witz

Grundlage unserer Freundschaft waren Witze: In «Flauberts Papagei» konnten wir zwei Wortspiele machen, die nur auf Deutsch gehen. Ich fragte den mir damals noch nicht persönlich bekannten Autor, ob wir das dürften. «Nichts Schöneres als ein zusätzliches Wortspiel», schrieb er begeistert zurück.

Ausserdem übersetzte ich das französische Wort für «masturbieren» mit «von der Palme schütteln». Darauf kam Barnes 2010 in seinem Essay «‹Madame Bovary› übersetzen» zurück: «Da Flaubert an dieser Stelle meines Romans in Ägypten masturbiert wurde, schien mir das ein Gewinn gegenüber dem englischen Text. Die Zugabe für deutsche Leser schuf eine Art Fair-Trade-Übersetzung.»

Nachdem «Flauberts Papagei» zu einem internationalen Erfolg geworden war, versuchten deutsche Verlage, Barnes mit riesigen Vorschussangeboten von unserem Kleinverlag fortzulocken. Doch der Autor meinte: «Die hätten im Parterre einsteigen können wie Haffmans», und blieb uns treu. Manchmal lohnt es sich eben doch, einen Autor persönlich kennen zu lernen.

Fr 12.7.— 20 Uhr
Alter Botanischer Garten
Pelikanstr. 40
Julian Barnes liest aus seinem Roman «Die einzige Geschichte»
Moderation: Thomas Bodmer
www.literaturopenair.ch

Erstellt: 10.07.2019, 11:19 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Absolutist der Liebe

In seinem neuen Roman «Die einzige Geschichte» macht uns Julian Barnes unwillkürlich zu seinen Komplizen. Mehr...

Die Gefahren der Liebe

Julian Barnes erzählt von einem Komponisten und von einem 19-Jährigen, der sich in eine viel ältere verheiratete Frau verliebt. Mehr...

Best of Barnes

Unsere Romantipps und die beste Reihenfolge, um ins Werk von Julian Barnes einzusteigen.

Vom Ende einer Geschichte
2011
Stimmt das, woran wir uns genau zu erinnern glauben? Oder war in Tat und Wahrheit alles ganz anders? Für diesen kurzen Roman wurde der Autor 2011 mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

Metroland
1980
Zwei englische Gymnasiasten gebärden sich als frankophile Bürgerschrecke. Der eine ist ausgerechnet im Mai 1968 in Paris. Aber viel mehr als Barrikaden und brennende Autos begeistert ihn, was er beim ersten Sex erlebt. Barnes’ Erstling sei besonders auch Frauen empfohlen, die wissen möchten, was in den Köpfen mancher Männer abgeht.

Die einzige Geschichte
2018
Ein 19-Jähriger verliebt sich in eine verheiratete 48-Jährige. Die beiden brennen nach London durch, doch mit der Zeit muss der Mann feststellen, dass die geliebte Frau Alkoholikerin geworden ist. Der erste Satz des Buchs stellt die entscheidende Frage: «Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?»

Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln
1989
Was ging wirklich ab auf der Arche Noah? Und wie schöpft man Kunst aus einer Katastrophe? Jedes Kapitel ist völlig anders, und doch hängen alle zusammen.

Duffy
1980
Diesen Krimi über einen neurotischen bisexuellen Ex-Polizisten veröffentlichte Barnes unter dem Pseudonym Dan Kavanagh. Duffy ist eine der originellsten Krimi-Hauptfiguren, die es je gegeben hat. Ab 30. August wird «Duffy» beim Kampa- Verlag wieder lieferbar sein. Alle anderen Barnes-Bücher gibt es, deutsch von Gertraude Krueger, bei Kiepenheuer & Witsch. (bod)

Julian Barnes

Der 73-jährige in London lebende Brite wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet. 2011 erhielt er für «The Sense of an Ending» («Vom Ende einer Geschichte») den Booker Prize. 2017 wurde der Roman mit Charlotte Rampling verfilmt.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...