Raus aus der Kälte

Ballettdirektor Christian Spuck macht aus Schuberts «Winterreise» einen Ballettabend. Von der Grundstimmung her ändert sich einiges.

Solostücke wechseln sich in Spucks Choreografie mit Ensembleszenen ab: die Tänzer Mélissa Ligurgo und Jan Casier.

Solostücke wechseln sich in Spucks Choreografie mit Ensembleszenen ab: die Tänzer Mélissa Ligurgo und Jan Casier. Bild: Gregory Batardon

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Verloren, verletzt und vereinsamt – nur wenige Kunstwerke haben die innere Zerrissenheit so zum Ausdruck gebracht wie Franz Schuberts «Winterreise». Es ist eine Reise in die Stimmungslage eines verlassenen jungen Mannes, der 24 Lieder lang einsam umherirrt.

«Ein Mann, der sich selbst bemitleidet, hat etwas Unzugängliches. Ich fand denZyklus bis auf zwei Lieder ziemlich öde», sagt Christian Spuck. So wie dem Ballettdirektor geht es vermutlich vielen bei der ersten Begegnung mit Schuberts berühmtem Liederzyklus. Damals mit 15 Jahren, zur Zeit der Grammofon-Ära, hörte Spuck das Stück erstmals. Die Schallplatte hatten ihm seine Eltern geschenkt.

Komponierte Interpretation

Für seine Choreografie hat Spuck nun die «komponierte Interpretation» des deutschen Komponisten Hans Zender gewählt. Dieser hat im Kern Schuberts Musik bewahrt und mit neuen Klängen modernisiert. Mit uns vertrauten Geräuschen holt er sie in die Gegenwart: mit heulenden Windmaschinen, knirschendem Schnee, schrammelnden Klängen wie aus der Vorortbeiz. «Die Fassung ist viel berührender, rätselhafter und durchlässiger. Sie bricht mit dem Serienhaften des Originals und öffnet den Blick auf das Stück», sagt Spuck.

Exklusiver Einblick: Das Ballett Zürich bei der Probe der «Winterreise».

Schuberts lyrischem Ich setzt der Choreograf starke, teils absurde Bilder entgegen. Er verbindet Charakterstudie mit Surrealem, das Schöne mit Irritierendem. Bäume in der Winterlandschaft erwachen als fremdartige, insektenähnliche Wesen zum Leben.

Poetische Symbole wie Irrlichter, Krähen, eine Wetterfahne oder ein Wegweiser kreiert das Ensemble in verrätselter Form. Schuberts Zyklus assoziieren die meisten mit einer Winterlandschaft, wie wir sie kennen. Bei Spuck hingegen findet auch ein afrikanischer Antilopen­­kopf seinen Weg auf die Bühne: «In Afrika fühlen sich die Menschen gleich wie wir, wenn sie verlassen werden.»

Das Ballett Zürich und der junge Schweizer Tenor Mauro Peter untersuchen in ihrer Winterreise das Gefühl von Einsamkeit mit schlichten, eindrücklichen ­Bildern. Sehnsucht nach Liebe und Trost verweben sich zu einem lebendigen Tableau der Emotionen. «Fremd einge­zogen, fremd ausgezogen» heisst es bei Schubert. Und bei Spuck? Statt Lust am Leiden, wie zu Schuberts Zeiten, klingen auf der Opernhausbühne nun Trost und Hoffnung an.

Sa — 19 Uhr
Opernhaus
Sechseläutenplatz
Eintritt 24–198 Franken Bis 2.12.
www.opernhaus.ch

(Züritipp)

Erstellt: 13.10.2018, 07:20 Uhr

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