Sie saufen bis zum bösen Erwachen

Ehedramen wie «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?», das nun im Neumarkt zu sehen ist, können fürchterlich absurd sein.

Alkohol ist auch keine Lösung: Martha und ihr Partner in der Krise.

Alkohol ist auch keine Lösung: Martha und ihr Partner in der Krise. Bild: Dan Cermak

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Die Tränen sind Eis geworden. Und die werden jetzt in den Bourbon gekippt. Cheers! möchte man da sagen, zu einem Stück, das der besoffene Wahnsinn ist: Edward Albees «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?». Seit 1962 singen Martha und George dieses alte Lied auf der Bühne, es ist ihre Kampfzone für die Szenen einer Ehe, zusammen mit Nick und Honey als jüngere Sparringpartner. Tausendmal schon gesehen, den Streit dieses Päärli, könnte man sagen. Und fürchtet sich auch ein bisschen. Gibt es nicht ein Lied, das heisst: «I’m Afraid of Who’s Afraid of Virginia Woolf»?

«Was, das macht ihr da?» Heike M. Goetze, die «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?» nun für das Theater Neumarkt inszeniert, kennt die Reaktion. Achtmal hat sie das Stück sicher schon gesehen, und keine der Vorstellungen hat ihr sehr gefallen: zu psychologisch kam alles daher, mit dem ganzen Boulevard-Groove von Genderthematik und so. Da sagt die Frau zum Mann: Du bist eine Flasche! Und der Mann sagt: Lüg nicht immer!

Party mit tödlichem Ende

Goetze lässt die Geschichte auf einer ganz anderen Ebene spielen, sie zeigt, wie sie sagt, den «rituellen, metaphysischen Moment des Zusammenseins». Und da kommt sie Albee wieder sehr nahe. Aus Spass und Spiel entwickelt sich da eine richtige Walpurgisnacht. Ein Probenbesuch zeigt: Es wird spannend.

Noch sind die Mimosen aus Plastik, der richtige Baum kommt erst später auf die Bühne. Die Schauspieler Marie Bonnet, Simon Brusis, Daniel Hoevels und Anna Elisabeth Kummrow gehen auf der Probe Schritt für Schritt durch das Stück, alle Tonarten werden ausprobiert. Die Stimmen gehen durcheinander, vom Fauchen eines Kätzchens bis zum Grumbeln eines Mannes.

Requiem auf ein ungelebtes Leben

Die Szene spielt in der Nacht, die dann einen ganz eigenen Drive entwickelt, und mit dieser Party wird eine Reise beginnen bis in den Morgen hinein. Dann wird aber einer tot sein, ermordet. Ehedramen können auch fürchterlich absurd sein. Aber dann beginnen wir mit Heike M. Goetze zu sehen, wie diese Stück «ein extremes Abbild von heute» ist, nämlich ein Requiem auf ein ungelebtes Leben.

Das Publikum kann sich jedenfalls freuen. Vielleicht bekommen die Zuschauer im Neumarkt auch einen kleinen Bourbon, wie es schon zu «Biedermann und die Brandstifter», auch einer famosen Arbeit von Goetze, Bier und Schnittchen gab.

Sa 30.3. (Premiere) bis Mo 29.4.
Theater Neumarkt
Neumarkt 5
Eintritt 20 / 45 Franken
www.theaterneumarkt.ch

Erstellt: 27.03.2019, 17:25 Uhr

Szenen einer Ehe

Das Theater lebt von kleinen Dramen. Hier eine Auswahl von Ehekrisen auf der Bühne.

Ein Sommernachtstraum (1598), William Shakespeare
Ehe im on/off-Modus: Die Natur der Dinge gerät in diesem Spiel in Aufruhr, und Oberon und Titania, die die Elfen und Waldgeister regieren, haben grossen Streit. Er will etwas von ihr, sie will es ihm nicht geben, und da sieht der Mann rot. Er lässt seiner Frau ein Zaubermittel in die Augen tröpfeln, sie verliebt sich subito - in einen Esel. Ungeheuerlich ist diese Geschichte, doch es kommt zum Happy-End. Aus dem Wald, wo alle Liebe durcheinanderkommt, geht es zurück ins staatlich konzessionierte Ehe-Gebiet. Nur dem Esel geht es am Ende nicht so gut.

Nora oder Ein Puppenheim (1879), Henryk Ibsen
Ehe mit Tür-zu-Effekt. Es ist die alte Geschichte: von der Frau, die es so lustig haben will wie ein Vögelchen, und vom Mann, der sie in seinem Käfig hält. Eben «Nora» von Henrik Ibsen, uraufgeführt 1879, mit Originaltitel «Et dukkehjem», übersetzt als «Ein Puppenhaus». Am Schluss wird Nora die Tür aufmachen und ihren Mann, der ihr fremd geworden ist, und die Kinder verlassen. Ein Akt der Emanzipation? Oft wird das Stück in diese Richtung interpretiert. Mit Frauenbefreiung hat das Weggehen jedenfalls nur wenig zu tun. Mehr mit der Hoffnung auf eine Rückkehr. Nora glaubt aber nicht mehr an Wunder.


Ein Totentanz (1900), August Strindberg
Die Ehe als Gefängnis. Es ist die Geschichte von Edgar und Alice. Der Mann und die Frau leben in einem Turm auf einer Insel, seit ihrer Hochzeit vor 25 Jahren sind sie in Liebe und Hass verbunden, sie küssen sich und spucken sich an. Es ist die kleine Hölle. Vieles ist zerbrochen in dieser Zeit. Das Paar beschliesst am Ende des ersten Teils, ein bisschen aufzuräumen in ihrer Geschichte. Was jetzt? Beide sprechen jetzt von der Silberne Hochzeit. Strindberg, der Inferno-Spezialist, in Hochform.


Der Gott des Gemetzels (2006), Yasmina Reza
Ehe im Hamsterrad. Zwei Ehepaare. Ein Elternabend. Tausend Verletzungen. Unbeschadet kommt aus dieser Komödie, die ganz harmlos mit einem Streit unter den Buben begonnen hat, niemand heraus. Nicht nur ein Handy geht in einer Vase baden, auch die Männer und die Frauen müssen unten durch. Eigentlich geht hier die ganze Zivilisation flöten, samt einem Hamster. Erfolgsautorin Yasmina Reza gibt hier das Rezept für das Unglücklichsein - und auch für Clafoutis, einem Mittelding zwischen Auflauf und Kuchen. Und manchmal kommt ein Stück davon aus den Personen heraus.

Malaga (2010), Lukas Bärfuss
Eine Ehe im Krisenmodus. Und natürlich ist ein Kind das Opfer. Der Vater müsste eigentlich das Kind über das Wochenende hüten, ein Ärztekongress kommt ihm dazwischen. Die Mutter hat auch was anderes an diesem Datum vor, sie will mit ihrem neuen Liebhaber nach Malaga reisen. Am Babysitter, die die Mutter ausgesucht hat, entzündet sich der Streit. Der Vater will dem jungen Mann nicht die siebenjährige Tochter überlassen. Aber retten lässt sich da schon nichts mehr, nicht die Tochter, nicht die Ehe, nicht das ganze Beziehungs-Theater. “Ein Fall für die Psychopathologie”, urteilte nach der Zürcher Uraufführung eine Kritikerin.

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