«Staune immer noch, wie anders China ist»

Mit seiner Show bringt der Deutsche Raoul Schoregge die besten Artisten aus China nach Europa. Er hat dabei viel über das riesige Land gelernt.

Nach zehn Jahren im Zirkusinternat lässt sich in allen Lebenslagen ein Apfel essen.

Nach zehn Jahren im Zirkusinternat lässt sich in allen Lebenslagen ein Apfel essen. Bild: Tim Faltin

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Liu Wen Long hat für die ganze Truppe gekocht. Der Artist, der später schwere Tonvasen auf seiner Stirn balancieren wird, serviert mit der Anmut eines Balletttänzers viele kleine Teller mit chinesischem Essen. Die Stimmung im Backstagebereich der Stadthalle in Singen, Süddeutschland, ist kurz vor der Show entspannt. Nervosität kommt hier keine mehr auf. Seit November ist die zwölfköpfige Artistentruppe aus China in Europa unterwegs. Wenn die Tour im Juni endet, wird der Chinesische Nationalzirkus rund 160 Shows absolviert haben. Um einen solchen Parcours zu meistern, braucht es vor allem eines: Disziplin. Und davon haben die Chinesen eine Menge, wie Raoul Schoregge weiss. Seit über 15 Jahren steht er hinter dem interkulturellen Projekt. Er kennt das Land, die Eigenheiten und Missverständnisse.

Alle denken bei einem chinesischen Zirkus zuerst einmal an den Drill, an unmenschlich harte Ausbildungsbedingungen. Nervt Sie das?
Natürlich ist das eine Pauschalisierung, die hier nur schwer wegzubringen ist. Aber ärgern tue ich mich nicht mehr. Ich habe eher das Bedürfnis, aufzuklären.

Bitte!
Man muss wissen, dass es in China rund 1000 Zirkusschulen existieren. Dabei ist klar, dass es da auch schwarze Schafe gibt; Lehrer, die ihre Macht missbrauchen, Kinder und Jugendliche schlecht behandeln. Da kann man schon von physischem und psychischem Missbrauch sprechen.

Klingt schrecklich.
Ja. Aber das sind wie gesagt Ausnahmen. Ich habe schon viele Schulen in China besucht. Und eigentlich überall habe ich sehen können, wie zugunsten des Schülers unterrichtet wird. Es muss immer um die Sache gehen, ums Ziel, ein guter Artist zu werden. Auch wenn das bedeutet, dass dieser Weg zuweilen sehr schmerzvoll ist. Es ist wie im Spitzensport: Ohne Entbehrungen gehts nicht – vor allem, wenn auf 40 Ausbildungsplätze 400 Bewerber kommen.

Die Aufnahme in ein Zirkusinternat ist also begehrt. Warum?
Man muss sich bewusst machen, dass der Beruf des Zirkusartisten in China einen ganz anderen Stellenwert hat als hier in Europa. Wer die zehnjährige Ausbildung meistert, ist in der Gesellschaft anerkannt. Und wer 30 Jahre lang auftritt, hat ausgesorgt und bekommt mit 46 eine hohe staatliche Künstlerrente.

Schoregge beginnt von Sun Qing Qing zu erzählen, seiner rechten Hand. Sie ist so eine angesehene Zirkusartistin, war in China eine Artistin zweiten Grades. Davon gibt es im 1,4-Milliarden-Land gerade mal 500. Die 36-Jährige könnte also bald in Rente gehen. In ein paar Tagen erwartet sie ihr zweites Kind. Trotzdem schleppt sich Sun durch den zugigen Backstagebereich der süddeutschen Provinzstadt und schaut, dass sich ihre Schützlinge rechtzeitig bereitmachen. In wenigen Minuten beginnt die Show. Produzent Schoregge erzählt, wie wichtig Qing Qing sei, wie sehr sie ihm mit ihrem guten Namen habe Türen öffnen können.

Sie sind ausgebildeter Clown und haben vor 17 Jahren angefangen, chinesische Artisten nach Europa zu holen. Wie war das damals, als Sie zum ersten Mal in diesem kommunistischen Land Geschäfte machen wollten?
Es ist zentral, die richtigen Leute zu kennen und zu wissen, wie das System funktioniert. Mit der Staatsgründung 1949 wurde die Zirkusausbildung verstaatlicht, zentralisiert. Es gab damals genau zwei Künstleragenturen. Ohne die beiden ging nichts. Das wussten die natürlich auch. Und ich machte viele Anfängerfehler, die auf fehlendes Verständnis dieser Kultur zurückgingen.

Zum Beispiel?
Ich sagte ihnen gleich zu Beginn, dass ich in drei Tagen wieder den Flieger nehmen müsse. Ein taktischer Fehler. Denn sie zögerten danach die Verhandlungen hinaus, gingen mit mir essen, liessen mich zig Schnapsgläser heben. Nach drei Tagen war ich platt. Und zu wessen Gunsten der Vertrag war, den ich am Flughafen unter Zeitdruck unterschreiben musste, ist wohl nicht schwierig zu erahnen.

Clever. Aber was ist daran spezifisch chinesisch?
Alles! In China agiert man nach den 36 Strategemen, die dem General Tan Daoji zugeschrieben werden. Diese Verhaltensgrundsätze besagen zum Beispiel: ausgeruht den erschöpften Feind erwarten. Oder: den ­Tiger vom Berg in die Ebene locken; dort, wo er auf ­ungewohntem Terrain ist. Was glauben Sie, ­warum so viele europäische Geschäftsmänner stets nach China reisen, um weit weg von zu ­Hause Verhandlungen zu führen?

Haben sich denn diese Unterschiede mittlerweile nicht nivelliert? China hat sich immerhin wirtschaftlich geöffnet.
Klar gibts diese Entwicklung. Auch unser Projekt trägt dazu bei. Aber ich komme immer noch ins Staunen, wie anders China in gewissen Dingen ist. Nehmen wir meine Regieassistentin Qing Qing. Sie hatte sich einst während einer Show das Kreuzband gerissen und trotzdem ­weitergemacht. Warum? Bevor sie ihr Gesicht verliert, setzt sie lieber ihr Knie aufs Spiel.

Aber gründet diese selbstzerstörerische Aufopferung nicht einfach auf einem gnadenlosen System, das vielleicht auch nicht mehr zeitgemäss ist?
Natürlich ist das nicht gesund. Aber ist denn eine russische Ballettschule gesünder? Oder ein deutsches Fussballleistungszentrum?

Ein Gong erklingt. Die Show beginnt. 500 Menschen bekommen während knapp dreier Stunden die klassische Zirkuskunst Chinas zu sehen. Balance, Kraft, Kontorsion – eine 2000-jährige Tradition, die auf Kriegstaktik und Darbietungen aus dem Teehaus zurückgeht. In China gilt Zirkus als Hochkultur, die ausschliesslich in Theatersälen gezeigt wird. Das Zirkuszelt ist dort darum gänzlich unbekannt.
Kochtalent Liu Wen Long zeigt dem deutschen Publikum nun seine Nummer mit den schweren Tonvasen, wirft sie hoch in die Luft. Eine landet auf seinem Nacken, als wäre sie federleicht. Vollkommene Körperbeherrschung. Die Nummer ist das Resultat eines entbehrungsreichen Lebens. Mit sechs kam Long ins Zirkusinternat: Er musste jahrelang um sechs Uhr morgens aufstehen, noch vor dem Frühstück joggen, den ganzen Tag trainieren und am Abend die Schulbank drücken. Wie alle anderen in der Truppe bestand er mit zwölf die Prüfungen in allen relevanten Disziplinen wie Stuhlstapeln, Tellerdrehen oder Akrobatik. Alle Schüler lernen zu Beginn alles, erst später kommt die Spezialisierung. Mit 16 wurde Long zum Profi, zum offiziellen Künstler des Volkes. In einem Land, in dem das Kollektiv über allem steht, haben er und seine Kolleginnen und Kollegen heute ein relativ eigenständiges Leben und vor allem: die Bewunderung der Leute. An diesem Abend ernten sie begeisternden Applaus des Publikums.

Sa, 19.30.
Spirgarten, Lindenplatz 5
www.chinesischer-nationalcircus.eu

Eintritt 50 Franken

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.02.2018, 16:47 Uhr

Bild

Raoul Schoregge

Hongkong Hotel - die neue Show

Nach Produktionen wie «Seidenstrasse» oder «Verbotene Stadt» nimmt sich der Nationalzirkus des Themas Hongkong an. In einem Grandhotel kommen verschiedene Menschen zusammen, betrunkene Geschäftsreisende aus Europa, chinesische Hotelangestellte, Damen im Morgenrock. Die knapp zweistündige Show zeigt die klassischen Bereiche der chinesischen Zirkuskunst: Akrobatik mit Kontorsionen (Verbiegungen), Tellerdrehen oder dem Balancieren von Vasen oder Stühlen. Die Show kombiniert kurzweilig westliche Unterhaltungselemente (zwei europäische Clowns sind Teil der Truppe) mit fernöstlicher Zirkuskunst. (cix)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Mamablog Tigerhai-Mama am Beckenrand

Geldblog Teilzeitarbeit wird zur Vorsorgefalle

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Prinzessin auf der Rose: Während des jährlichen Seerosenfestes in Taipeh posiert ein Mädchen auf einem der gigantischen Exemplare für ein Foto. (16.August 2018)
(Bild: Tyrone Siu) Mehr...