Strahlendes Erbe

Bei «Chronik der Zukunft» geht es nur vordergründig um die Katastrophe von Tschernobyl. Warum man sich das anschauen sollte?

Yanna Rüger erzählt von Tschernobyl, ihrem Leben und von uns Menschen.

Yanna Rüger erzählt von Tschernobyl, ihrem Leben und von uns Menschen.

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Auf der Leinwand im Hintergrund lässt eine puppenhafte Doppelgängerin staunend die Finger durch schwarze Erde gleiten, davor auf der Bühne steht im Abendkleid die echte Yanna Rüger als strahlende Chronistin einer dunklen Stunde: In der Nacht vom 26. April 1986 kommt es in Tscher­nobyl zum Super-GAU. Rüger erzählt nun mit angenehm sonorer Stimme Geschichten betroffener Menschen. Von dem Liquidator, der mit der Dekontamination beauftragt wurde. Vom Jäger, der zurückgelassene Haustiere töten muss, von der Heimkehrerin, die in der verstrahlten Erde jetzt keine Kartoffeln mehr anbauen darf und sich darüber wundert, dass sie die Gardinen waschen soll, auch die im Schrank.

Es sind Zeitzeugenberichte, die die Schriftstellerin Swetlana Alexeijewitsch in ihrem Buch «Tschernobyl – eine Chronik der Zukunft» (1997) zusammengetragen hat und die nun die Basis für das Theaterstück von Regisseur Tom Schneider und Yanna Rüger bilden. Rüger war noch bis vor zwei Jahren Ensemblemitglied des Theaters Neumarkt. Seit Sommer 2016 arbeitet sie als freie Schauspielerin, «Chronik der Zukunft» ist die erste Produktion mit der Gruppe Infinite Cooperation.

Der Abend verknüpft eine universelle Katastrophe mit persönlicher Geschichte: Gerade, als in der Ukraine ein Kernreaktor explodiert, kommt in einem Krankenhaus in Deutschland Janna Rüger zur Welt. Die Beschäftigung mit den Ereignissen von Tschernobyl, dem, was sie für die Menschen und die Umwelt bedeuten, wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. Und auch jetzt sind all die Erzählungen in erster Linie Mittel dafür, um zum eigentlichen Thema des Abends vorzudringen: die Stellung des Menschen zu und in der Natur.

Der Abend will auch dazu beitragen, dass uns wieder bewusst wird, dass der Mensch nicht ausserhalb der Schöpfung steht, sondern mittendrin. Rüger sagt es so: «Wir müssen spüren, dass zum ­Beispiel Massentierhaltung schlecht ist, es reicht nicht, es nur zu wissen.» Was davon beim Publikum ankommt, muss nach der Premiere jeder für sich beantworten. Aber eines ist sicher: Nur schon für Yanna Rüger und die Art, wie sie erzählt, wird sich der Abend lohnen.

Rote Fabrik, Fabriktheater, Seestr. 395/Info: www.rotefabrik.ch /
Sa (Premiere), Di, Mi 20 Uhr, So 18 Uhr
Eintritt 30/20 Franken

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.02.2018, 10:34 Uhr

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