«Unsere Angst vor dem Beschiss»

Max Merker erzählt dem «Züritipp», weshalb er in seinem Stück einen Comedian spielt.

Aus den Schauspielern Christoph Rath und Max Merker (rechts) werden Comedians.

Aus den Schauspielern Christoph Rath und Max Merker (rechts) werden Comedians.

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«Christoph Rath und ich sprechen auf der Bühne total ehrlich, ehrlich. Oder sagen wir: fiktiv ehrlich, fiktiv intim. Ich sage beispielsweise nicht, dass mich Katzen sexuell erregen – auch wenn das stimmen würde. Aber was ist schon ehrliches Sprechen? Damit setzen wir uns im Stück auseinander. Es ist im Moment ja fast eine Masche, dass alle sagen: ‹Ich bin voll ehrlich› oder ‹Das wird man wohl noch sagen dürfen?...›. Das Phänomen ist besonders kennzeichnend für einen populistischen Politikstil, der gerade Konjunktur hat. Dieses ständige Bestätigen der eigenen Ehrlichkeit entlarven wir.

Das Ausstellen einer scheinbaren Ehrlichkeit kommt daher, dass alle dauernd das Gefühl haben, betrogen zu werden oder zu kurz zu kommen. Unsere grösste Angst – ich schliesse mich da nicht aus – scheint jene vor dem ständigen Beschiss zu sein, ohne das sagen zu dürfen. Und wenn es dann endlich einer ausspricht, hat man das tolle Gefühl, dass sich endlich etwas ändern würde. Man kann sich geradezu berauschen an der eigenen Empörung. Deshalb passt es, dass wir als Stand-up-Comedians auftreten: Stand-up-Comedians sprechen ihr Publikum direkt an. Sie sind Einzelgänger, die versuchen, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Mittelmässige und schlechte Komiker beschweren sich dabei in ihren Programmen dauernd über Nichtigkeiten. Auch Christoph fragt das Publikum oft: ‹Das kennen Sie doch auch?!› Ein gutes Stand-up-Programm funktioniert oft durch das kollektive Gefühl des Gekränktseins.

Für unseren Abend haben wir uns mit dem amerikanischen Performance-Künstler Andy Kaufman auseinandergesetzt. Er spielte bereits früh mit einer irritierenden ambivalenten Opferhaltung, mit Ehrlichkeit und Inszenierung. Dabei versuchte er ständig, die Grenzen des eigenen Genres aufzulösen. Auch unsere zweite Inspiration, der Autor Karl Ove Knausgård, spielt mit den Grenzen seines Genres. Er benutzt das Medium des total ehrlichen Romans, man weiss nicht genau, was Fiktion und was tatsächlich autobiografisch ist, um sein Beleidigtsein zu zelebrieren. Er sieht sich als Einzelgänger in einer feindlichen Welt, ähnlich einem literarischen Stand-up-Comedian, der alleine auf der Bühne steht und bereit ist, sich vor der Welt respektive dem Publikum zu beweisen. Denn wenn man glaubt, nichts mehr zu verlieren zu haben, kann man es immer noch allen zeigen.»

Samstag, 20 Uhr, Winkelwiese.

Erstellt: 26.04.2017, 16:54 Uhr

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