Warum sind die Mütter immer so Böse?

Nicolas Stemann macht aus Schneewittchen eine Beauty Queen der Gegenwart. Für Kinder – und auch Erwachsene.

Auf der Probe für «Schneewittchen»: Noch ist alles eine Möglichkeitsform.

Auf der Probe für «Schneewittchen»: Noch ist alles eine Möglichkeitsform.

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Das ist ja für einen Schauspieler der Horror, normalerweise. Er kommt an ein neues Theater, das Ambitionen hat, wie jetzt das Schauspielhaus Zürich unter Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg. Und das Erste, was der Schauspieler macht: Er spielt den Zwerg im Weihnachtsmärchen. Zipfelmütze auf! Das ist allen passiert, die jetzt mit «Schneewittchen» unterwegs sind: Jeder spielt mal einen Zwerg. Und das ist vielleicht das Schönste, was einem überhaupt an einem Anfang passieren kann.

«Schneewittchen», Zusatz «Beauty Queen», ist Chefsache. «Ich wollte schon lange wieder einmal ein Kinderstück machen», sagt Regisseur und Hausherr Nicolas Stemann; lang ists her seit dem ersten Mal. Seine Tochter ist jetzt sieben, ihr hat er immer Märchen erzählt und auch vorgespielt – auch das «Schneewittchen».

Und gemerkt, welch dramatisches Potenzial in dieser Geschichte ist. Nehmen wir zum Beispiel nur die Szene mit dem Spiegel: Der Spiegel druckst vor der Königin herum, weil er die Wahrheit sieht, aber sie nicht zu sagen wagt. Ein wunderbares Bild. Und auch sehr komisch.

Es dreht sich um Äusserlichkeiten

Spieglein, Spieglein an der Wand – man könnte hier auch fragen, gerade aus heutiger Sicht: Was soll dieser Beauty-Contest? Worüber wird eine Frau definiert? Oder ein Mädchen? Wann beginnt dieser Blick von aussen? Warum sind die Mütter immer so böse? Wo bleibt eigentlich der Vater? Und: Ist dieses Schneewittchen als Figur nicht eine eher seltsame Passivkonstruktion?

Ein Kind, das vom Prinzen zur Frau gemacht wird, weil es so schön tot ist? Nicht zuletzt: Wie sieht eigentlich die Haushaltsaufteilung bei den Zwergen aus? Schneewittchen bekommt bei ihnen nur Asyl, wenn es kocht, bettet, wäscht, näht und strickt.

Solche Fragen stellen sich vielleicht. Das Theater aber gibt eine andere Antwort. «Ich denke das Märchen für Kinder. Das Schöne bei dieser Arbeit ist, dass solche Spitzfindigkeiten gar nicht so zentral sind», sagt Stemann. So hat er ein neues Stück geschrieben. Und auch ein paar Sachen verändert. Zum Beispiel diskutiert hier der Hirsch lange mit dem Jäger über seine Opferrolle: «Du willst ja von Schneewittchen die Organe und nicht von mir.» Was machen? Man kauft vegane Leber, und alles ist gut.

Jetzt ist Schluss mit Märchen

Vor allem hat Stemann einen Märchenerzähler eingeführt, der genug von Märchen hat: Er will über die Wahrheit in der Welt sprechen. Da ist aber auch ein Aufpasser, der sagt: Nein, du musst weiter Märchen erzählen. In diesem Spannungsfeld spielt die ganze Geschichte. Da sind ganz viele Absurditäten drin. «100% Fun, Fun, Fun» ist auch die Ansage des Schauspielhauses. Und doch soll sich, ganz märchenhaft, ein bisschen von der Wahrheit in dieser Welt zeigen.

Solche Lösungen bietet Stemann für die Gegenwart eines Märchens an. «Ich habe in dieser Arbeit gemerkt, wie schön es sein kann, naiv an die Sache ranzugehen.» Sein Blick auf die Geschichte ist interessant für kleine Menschen. Und auch für grosse. Da macht Stemann gar keinen Unterschied.

Der Director’s Cut des «Schneewittchens», als Version für Erwachsene im Dezember angekündigt, ist einfach ein bisschen länger und wird am Abend gespielt. «Wenn ich für Erwachsene arbeite, mache ich eigentlich Kindertheater», sagt Stemann. Nicht vom Inhalt her, natürlich. Der Anspruch bleibt aber derselbe: Das Publikum kann die ganze Zeit etwas erleben. Es sieht: Auch Zwerge haben mal ganz gross angefangen.

So — 16 Uhr / Mi — 10 Uhr
Schauspielhaus
Pfauen, Rämistr. 24
Eintritt 20–40 Franken.
Weitere Vorstellungen bis 29.12.
www.schauspielhaus.ch

Erstellt: 06.11.2019, 16:58 Uhr

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