Den Circus Knie gibts jetzt als Musical

100 Jahre National-Circus: Rolf Knie bringt in seinem Musical die Geschichte einer Dynastie auf die Bühne.

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Hereinspaziert! In die Geschichte des Circus Knie. Hundert Jahre ist der Schweizer National-Circus nun unterwegs. Wir sehen in eine Dynastie hinein, die bis in die Zeit um 1800 zurückreicht.

Es zeigen sich hier Männer, die mit ihrem Putz nicht herrlicher in Erscheinung treten könnten: alles Könige der Unterhaltung, geschniegelt und gestriegelt. Und wir begleiten auf ihrem Weg die Frauen, die so schön sind wie Prinzessinnen. Mit Geschick haben sie den Karren immer tüchtig mitgezogen.

Ein Tusch auf diese Menschen! Denn sie alle schufen um sich eine Welt von Sensationen: mit Gauklern, Artisten und Clowns, mit Pferden, Elefanten und Tigern, mit Luftnummern und auch Shows unter Wasser. Exotische Völkerschauen und eine Liliputanertruppe waren darunter. Aber Zirkus ist eben volkstümliches Amüsement, ein Traumfänger für das grosse Publikum.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

So bringt Rolf Knie, Jahrgang 1949, Ur-ur-ur-Enkel des Urvaters Friedrich Knie, die Geschichte einer Dynastie auf die Bühne. Sein Musical, so sagt er, ist zum Lachen und zum Weinen. Also so, wie der Zirkus selber ist: emotionell bewegend.

Gute Zeiten hat der Zirkus gehabt. Und auch schlechte Zeiten. Den schwärzesten Moment in der Geschichte beschreibt ein Kapitel, es heisst «Auftritt vor Hitler». Rolf Knie hat von dieser Episode erzählt, wie sein Vater, Fredy Knie sen., «von der deutschen Propaganda gezwungen wurde, in Berlin aufzutreten, vor Adolf Hitler».

Das sei die Bedingung gewesen, damit Deutschland wieder Artisten in die Schweiz lasse. Ohne Polo Rivel, La Tirana oder Miss Rosita hätte der Zirkus seinen Betrieb einstellen müssen. Und wirklich: Die Affiche für Dezember 1943 im Berliner Wintergarten verzeichnet: «Fredy Knie, Kunstreiter».

Der Name steht ganz gross an erster Stelle im Programm, noch vor den Pantzer-Brothers, der Kaleidoskop-Tänzerin Renée Debauga, der Japaner-Gruppe Hoshi Toko oder der Pariser Strassensängerin Mlle. Miette. Ein Schweizer also unter den Artisten der Achsenmächte und aus den von Deutschland besetzten Gebieten. Der Eintritt kostete 1 Mark.

Manege frei: Das Musical erzählt ganz artistisch die Geschichte des Zirkus. Foto: Lukas Pitsch

Fredy Knie war nicht allein. Im Scala, dem zweiten grossen Berliner Variété, führte Rolf Knie sen. seinen berühmten Elefanten Sandry vor, der wohl seine Treppensteig-Nummer zeigte. Zu dieser Zeit war die deutsche Hauptstadt schon, wie die Zeitungen schrieben: «Heimatkriegsgebiet Berlin!», Bomben der Alliierten fielen vom Himmel. Stalingrad war gefallen, die russische Armee rückte Tag für Tag näher. Deutschland stand vor dem Untergang. Aber im Wintergarten leuchteten in der Nacht immer noch die Sterne an der grossen Kuppel. Die Unterhaltung liess die Menschen für einen Moment vergessen, was draussen war. Und wer sie waren: Nazis.

Menschen, die vorüberziehen

Wie war das aber mit Hitler? Und dem verweigerten Handschlag seines Vaters, von dem Rolf Knie erzählt? Kurzes Mail an Harald Sandner, der ein Itinerar über Hitlers Wege angelegt hat, akribisch sind dort alle Stationen verzeichnet. Die Antwort: «Ihre Frage ist schnell mit einem klaren Nein zu beantworten. Selbst wenn Hitler in Berlin gewesen wäre, was nicht der Fall war, wäre er nicht mehr in den Wintergarten gegangen.»

Jedenfalls sagt Rolf Knie, es sei für seinen Vater der schwerste Entscheid gewesen, nach Berlin zu reisen. Aber er habe alles dafür getan, damit sein Unternehmen, das er seit 1940 gemeinsam mit seinem Bruder Rolf führte, überleben könne. Und er habe sich auch gefürchtet, als Nazi dazustehen, wenn die ganze Geschichte publik geworden wäre. Nichts über dieses Engagement stand in den Schweizer Zeitungen. Allein die «Tat» schrieb, dass «Fredy Knie mit seinen Schulpferden und Rolf Knie mit seinen Elefanten von einer erfolgreichen Auslandtournee zurückgekehrt» seien.

«Haben die Knies vor Napoleon gespielt, gaben ihnen die Habsburger eins aufs Dach, und umgekehrt»Rolf Knie

Der Zirkus aber ist immer ein unpolitisches Unternehmen. Die Knie-Elefanten und die Knie-Pferde haben auch für Guisan gearbeitet. Ein Bild zeigt den General im Kreis der Knie-Direktion. «Haben die Knies vor Napoleon gespielt, gaben ihnen die Habsburger eins aufs Dach, und umgekehrt», sagt Rolf Knie. Im Lauf der Zeit hat der Zirkus einiges durchgemacht: Deutsch-Französischer Krieg, Weltkrieg eins und zwei, andere Krisen.

Und immer haben die Knies den Karren weitergezogen; «Anspannen!», sagt da Katharina Knie im Stück von Carl Zuckmayer aus dem Jahr 1928, das 1934 auch im Zirkuszelt der Knies aufgeführt wurde – nach anfänglichen Bedenken der Direktion. Denn alle Knies machen sich eine sehr genaue Vorstellung davon, wie ihre Geschichte erzählt werden soll. Jeder hat da eine eigene Sicht. Nicht immer ist man sich da einig. Zum 100-Jahr-Jubiläum kommen zwei Bücher heraus, und eben das Musical.

Als Teil des Erbes

Rolf Knie ist zwar seit 1984 nicht mehr dabei, der Zirkus-Clown ist Kunstmaler und Unternehmer in eigener Sache geworden. Nun will er mit seinem Musical «dem Namen Knie etwas zurückgeben». Die Namen der Geschichte, wie sie das Musical erzählt, sind hier: Friedrich und Antonia Knie aus der Gründergeneration, er machte die Show, sie kümmerte sich um das Business. Das wird der Zweiklang sein, der die Geschichte des Zirkus bis in die Gegenwart begleitet. «There’s No Business Like Show Business» heisst das Lied dazu, Rolf Knie hat es selber in der Manege gesungen.

Jede Figur hat in der Vergangenheit etwas dazu beigetragen, dass der Zirkus seinen Weg weiterging: Marie Knie, die aus den Arena-Produktionen eine Goldgrube machte, ihr Sohn Friedrich, der mit seinen Brüdern ein Zelt auf Pump kaufte und 1919 den National-Circus gründete. Und ganz besonders Fredy Knie sen., der den Zirkus zu dem gemacht hat, für das der Name Knie heute steht.

Einer ist auch dabei, der keinen Platz im Zirkus mehr hatte: Es ist Eugen Knie, genannt der schöne Eugen. Er war ein grandioser Hochseilartist, geliebt vom Publikum, seine Künste waren aber nicht mehr gefragt: Die Nummer passte nicht mehr ins Zelt. Eugen zog sich zurück. Der Himmel hat im Zirkus immer seine Grenzen.

Di 12.3. / Mi 13.3. — 20 Uhr
Air Force Center
Dübendorf, Überlandstr. 271
Eintritt 48 bis 178 Franken
Bis 3.5. in Dübendorf
Auch der Circus Knie zeigt ein Jubiläums-Programm, vom 4. Mai bis 2. Juni in Zürich.
www.kniemusical.com

(Züritipp)

Erstellt: 06.03.2019, 13:33 Uhr

Knie – Das Circus Musical

Die Elefanten auf der Bühne hat er selber gemacht. Und auch sonst gibt Rolf Knie für sein Musical alles, er ist Produzent, Regisseur, Autor. Für das grosse Spektakel stehen mehr als 20 Musicaldarsteller, Artisten und Tänzerinnen auf der Bühne. Nach Dübendorf, wo die Produktion Premiere hat, ist das Musical in Bern und Basel zu sehen.

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