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Weinen macht Männer glücklich

In seinem Buch «Boys Don’t Cry» erklärt der britische Journalist Jack Urwin, weshalb Männlichkeit falsch verstanden wird. Und tödlich sein kann.

Hat dem Patriarchat den Kampf angesagt: Jack Urwin.
Hat dem Patriarchat den Kampf angesagt: Jack Urwin.

Kurz vor Jack Urwins 10. Geburtstag: Sein Vater kuriert daheim eine vermeintlich harmlose Erkältung aus. «Wie geht es dir?», fragt Jack. «Besser», antwortet der Vater, geht ins Badezimmer und stirbt an einem Herzinfarkt. Als die Ärzte den 51-Jährigen obduzieren, finden sie Narbengewebe auf seinem Herzen. Er musste bereits früher einen Infarkt gehabt haben. Weder hatte er deshalb einen Arzt konsultiert noch seiner Familie davon erzählt. Erst nach seinem Tod wird die Mutter rezeptfreie Herzmedikamente finden.

Mittlerweile ist Urwin 25 Jahre alt und überzeugt: «Wenn mein Vater gelernt hätte, sich ein wenig mehr zu öffnen, hätte er vielleicht nicht sein Leben lang jede Hilfe ausgeschlagen und wäre womöglich noch unter uns. Er hätte der Welt ein weiteres unnötig ausschweifendes Buch über einen emotional distanzierten Vater ersparen können.»

Über 200 Seiten dick ist «Boys Don’t Cry», diesen Frühling ist es auf Deutsch erschienen. Das Buch führt die Gedanken weiter, die Urwin 2014 in seinem Essay «A Stiff Upper Lip Is Killing British Men» im «Vice»-Magazin angerissen hat. Der Artikel wurde zehntausendfach geteilt. Angespornt von dieser grossen Resonanz und der jungen ­Feministin Laurie Penny, setzte sich Urwin weiter mit «Identität, Gefühl und Männlichkeit» – so der Untertitel des Buchs – auseinander. Themen, mit denen Feministinnen vertraut sind. Urwin fokussiert aber auf die Perspektive des Mannes, schreibt über die «toxische Männlichkeit»: Er fragte sich, weshalb Männer weniger lange leben als Frauen, sich öfters das Leben nehmen und weniger oft zum Arzt gehen. Wieso hat er als Bub keine Trauer zugelassen? Wenige Monate nach der Beerdigung seines Vaters wurde Urwin gar zum «witzigsten Schüler» seiner Klasse gewählt.

Im Vorwort seines Buchs schreibt er, dass es besser gewesen sei, Witze zu reissen, als mehrmals täglich zusammenzubrechen: «Was ich eigentlich viel lieber gemacht hätte und was mir sicher gutgetan hätte.» Urwin schreibt darüber, wie er auch später nicht zu seinen Gefühlen und Schwächen stehen konnte, was seine Ex-Freundinnen von ihm denken, was er erlebt und wie er handelt. Er erzählt, wie er seine Depressionen verschwieg und sich selbst verletzte. Hilfe holte er sich erst, als er merkte, dass er sich wie sein eigener Vater verhielt. Dieser wuchs mit einem Mann auf, der mit Alkohol die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg verdrängte: «Es ist ein vererbtes Leiden: Männer werden von Männern aufgezogen, die emotional nicht kommunizieren können», so Urwin in seinem Buch. «Die Symptome, die wir heute als PTBS – Posttraumatische Belastungsstörung – kennen, sind zum Synonym für Männlichkeit geworden.» Urwin bezeichnet das als «total beschissen».

Der Brite verweist aber auch auf Studien, schreibt über Biologie, Psychologie und Gender­theorien. Fakten und Expertenmeinungen sind ihm wichtig. «Doch das hier soll keine trockene, akademische Abhandlung werden», steht bereits auf Seite 15. Dass Urwin noch immer fürs britische «Vice» arbeitet, merkt man auch an seiner persönlichen, lockeren und manchmal flapsigen Schreibe. Einer Journalistin, die den Text wegen mangelnder Fussnoten kritisierte, entgegnete er: «Ich glaube nicht, dass das ein besonders gut geschriebenes Buch ist.» Urwin will nicht mit literarischer Qualität überzeugen, sondern möglichst vielen klarmachen: «Das Patriarchat schadet auch den Männern.»

Auf einer der letzten Seiten im Buch listet er auf, welche Vorteile Gendergerechtigkeit den Männern bringen würde. Unter anderem steht da «Glück»: «Das Wichtigste überhaupt.»

Montag, 20 Uhr, Literaturhaus

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