Wenn eine Sekunde ein halber Tag ist

In zwölf Stunden durch eine Romanwelt: Eine Reise auf den Spuren von Kurt Guggenheims Zürich-Chronik.

Die erste Station dieser Theaterreise: Villa Patumbah.

Die erste Station dieser Theaterreise: Villa Patumbah. Bild: Dominique Meienberg

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Die Reise beginnt am Morgen um zehn Uhr in der Villa Patumbah, sie endet zwölf Stunden später im Kulturhaus im Zwinglihaus. Dazwischen liegt ein ganzer Roman: «Alles in Allem» (1952-55) von Kurt Guggenheim, er beschreibt auf über 1200 Seiten Handel und Wandel in Zürich vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des 2. Weltkriegs.

Diese literarische Chronik lässt sich jetzt begehen. Peter Brunner und Wolfgang Beuschel laden ein zur grossen Theaterreise. Sie führt Station zu Station durch ein Gebiet, das die Geschichte von Zürich in der Gegenwart zeigt. «Guggenheims Stadt öffnet eine Vielfalt von Bühnen, auf denen das Leben seine Szenen spielt», sagt Gesamtleiter Peter Brunner.

Kurt Guggenheim (1896-1983) ist uns ein Wegweiser durch die Zeit. Er beschreibt die Entwicklung einer Stadt und deutet sie - immer im Blick auf die eigene Erfahrung. «Ob ich aus der Nacht der Zeit für eine Sekunde erwacht bin und dann wieder in die Nacht zurücksinke - was geht es mich an; diese Sekunde, dieses arme, klägliche, herrliche Leben, bei dem ich dabei sein durfte und in dem ich nicht allein war, sondern mit andern Menschen zusammen; darum geht es mir.»

Teaser des Theaterspaziergangs: Video: YouTube/Alles in Allem Zürich Eine Theaterreise

Um diese Sekunde, in der das ganze Leben ist, geht es auf dieser 12-Stunden-Reise, sie führt an Orte, die direkt und indirekt mit dem Buch zu tun haben. Die Villa Patumbah steht für das gehobene Leben im Seefeld, das Gaswerk in Schlieren - Schauplatz im Roman des Gordon-Bennett-Ballonwettfliegens - für die industrielle und Entwicklung.

Essen ist im Ticketpreis inbegriffen

Überall an den acht Stationen sieht das Publikum zu, was die Romanfiguren aus ihrem Leben so machen. 17 Schauspielerinnen und Schauspieler geben ihnen auf der Bühne, die die Stadt ist, ein neues Leben. Und natürlich macht das literarische Leben in diesen zwölf Stunden auch mal Pause. Denn eine Pause braucht auch der theaterbegeisterste Mensch.

Ganz praktisch jetzt die Frage: Was essen die Menschen auf dem Spaziergang durch einen Roman, was trinken sie? Peter Brunner sagt: Das Essen ist im Ticketpreis inbegriffen. Und der Menü-Plan sieht etwa so aus. Mittagspause: im Gaswerk Schlieren mit Grill (Fleisch, Vegi). Kleine Zwischenverpflegung in der Kaserne, schliesslich war dort mal die Militärkantine. Apéro riche wird im Zehntenhaus angeboten. Zum Abschluss gibts im Kulturmarkt Suppe. Die Getränke zahlt das Publikum selbst: Wein, Bier, Mineralwasser, Süssgetränke, Süssmost. Damit kommt man gut durch.

Essenz und Gedanken des Autors erhalten

Mit dem ÖV fährt das Publikum von Ort zu Ort, quasi durch einen ganzen Roman. Wie aber hat Peter Brunner selber einen gangbaren Weg durch die Geschichte gefunden, die Kurt Guggenheim erzählt?

Seine Antwort: Es ging darum, die Essenz des Inhalts sowie Kernaussagen und Hauptgedanken des Autors zu erhalten - und dabei doch eine reduzierte Form zu finden. «Wir erzählen in der Lese-Inszenierung Guggenheims Roman über die Geschichte einzelner Figuren, die das Publikum während des Tages begleiten werden und zu denen es eine emotionale Verbindung finden wird. Der Romanablauf wird dabei beibehalten, und an der wunderbaren Sprache von Kurt Guggenheim erfolgten keinerlei Eingriffe. Denn Guggenheim schrieb eine Poesie der Stadt, die für ihn eine imaginäre Persönlichkeit ist.»

«Das Vorlesen des ganzen Romans würde 50 Stunden dauern.»Wolfgang Beuschel

Wolfgang Beuschel, bei dem die künstlerische Gesamtleitung ist, fügt bei: «Das Vorlesen des ganzen Romans würde 50 Stunden dauern. Wir haben den Stoff auf fünfeinhalb Stunden reduziert. Peter Brunner hat eine erste Strichfassung vorgelegt, bei der ich geholfen habe zu streichen. Jetzt erzählen wir den Roman, vergleichbar mit einer Serie, entlang von Einzelpersonen und Familien, auf die wir nicht verzichten wollten.

Und aus dieser Vorlage wächst durch die Reflektion und Zusammenarbeit mit den Regisseuren und Schauspielern unsere Endfassung. Das Publikum soll den Geschichten folgen können. Dazu braucht es auch Erholung. Wir haben deshalb an einzelnen Standorten, zum Beispiel in Schlieren, längere Spielpausen eingeplant.»

Ein Grossprojekt mit vielen Beteiligten. Bild: Jojo Kunz

Welche Ort sind mit welchen Geschichten verbunden? Peter Brunner sagt, Kurt Guggenheim habe die Stadtentwicklung anhand verschiedener Baustile und Bauwerke beschrieben, er verleihe den Häusern einen individuellen Charakter, lasse sie Geschichten über ihre Erbauer und Nutzer erzählen. Die Stationen, die auf der Reise besucht werden, haben direkt und auch indirekt mit Romanvorlage zu tun, es sind Flecke auf der Karte eines imaginären Guggenheim-Gebiets (siehe Box rechts).

Letzte Frage an Peter Brunner: Die Exkursion gibt Zugänge zu Orten, die sonst verschlossen sind. Was haben Sie während der Arbeit über die Stadt entdeckt? Seine Antwort: «Guggenheim ist ein Verführungskünstler. Wer sich wie ich seit Jahren mit ‹Alles in Allem› auseinandersetzt, erlebt beim täglichen Gang durch Zürich die diffuse Anwesenheit und Präsenz des Romans und damit auch des Autors. Ich flaniere oft mit den Augen Guggenheims durch die Stadt und erlebe dessen ungewöhnliche Stadtansichten. Zürich ist für mich nicht mehr dasselbe Zürich – Zürich ist zu einer neuen Stadt geworden.»

Sa 11.5. bis 30.5.
Patumbah-Park
Zollikerstr. 128
Eintritt 145 Franken
Die Theaterreise ist ausverkauft, es besteht eine Warteliste.
www.alles-in-allem-zuerich.ch

(Züritipp)

Erstellt: 09.05.2019, 17:18 Uhr

Die Stationen des Spaziergangs

Die Villa Patumbah steht für das gehobene Leben im Zürcher Seefeld, die der deutsche Fabrikant Gustav Wilhelm Meng im Buch verkörpert. Der echte Villenbesitzer, Karl Fürchtegott Grob, wurde durch Tabakplantagen in Sumatra zu einem der reichsten Zürcher. Kolonialismus, Sklavenarbeit, Kapitalismus verkörpern den Übergang in eine neue Zeit, der sich auch der Romanheld Meng verpflichtet fühlte.

Das Gaswerk Schlieren. Kommt im Buch über das Gordon-Bennett-Ballonwettfliegen prominent vor, steht aber als Industriedenkmal für die industrielle und wirtschaftliche Entwicklung nach 1900.

Das Zehntenhaus hat im Roman keine Bedeutung. Zürich-Affoltern als Aussenquartier hingegen schon. Die Ausdehnung der Stadt, die Agglomeration beschäftigte Kurt Guggenheim. Im Buch, aber auch in seinen Tagebuchnotizen.

Das Seewasserwerk Moos (Kaverne) ist die älteste Trinkwasser-Aufbereitungsanlage der Stadt. Der Ort steht für die im Buch beschriebenen sanitären,hygienischen, technologischen und elektrizitätswirtschaftlichen Entwicklungen und für das Bevölkerungswachstum der Stadt.

Der Kulturmarkt im Zwinglihaus ist ein Kulturort für Veranstaltungen aus verschiedenen Kultursparten, ist ein Restaurant und bietet schweizweit ein einmaliges Qualifizierungsprogramm für arbeitslos gemeldete Kulturschaffende an. Soziale Aspekte sind wesentliche Teile von «Alles in Allem», aber auch die Entwicklung der Kirchen unter dem Aspekt der Zuwanderung von Arbeiterfamilien vom Land in die Stadt. Wiedikon und Aussersihl waren Hotspots dieses Wachstums. Die 1925 eingeweihte Kirche im Kulturmarkt, kurioserweise im ersten Stock dieses Hauses gelegen, ist Zeugnis dafür. Der Innenraum der Kirche wurde von einem Freundeskreis avantgardistischer Künstler gestaltet, die teilweise in Wiedikon beheimatet waren. Dieses gemeinsame Denken und Modernisieren der religiösen Kunst hätte Kurt Guggenheim gefallen.

Die Kaserne steht im Buch „Alles in Allem“ für die persönliche Zäsur. Thematisiert am Beispiel von Aaron Reiss, Guggenheims Alter Ego, den gesellschaftlichen Umbruch der im Gefolge des Ersten Weltkriegs einsetzte. Die Örtlichkeit markiert einen Epochenbruch. Stichworte: Moderne Kriegstechnik, soziale Unrast, Erstarken der Arbeiterbewegung, Generalstreik, Sturz der alten Ordnung, Revolutionen usw. usf.). Guggenheim beschreibt diesen Wandel vielschichtig und vielstimmig.

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