Der Gegenentwurf zur Europaallee

Jenseits der Bahnlinie bei der Kalkbreite war die Badenerstrasse lange Niemandsland. Nun boomt das Gebiet mit Bars, Restaurants und neuen Läden. Kommt das gut?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist Samstagmittag und die Terrasse des Lily’s Factory an der Ecke Badener-/Sihlfeldstrasse bestens gefüllt. Die Leute – bunt gemischt – sitzen in der Sonne, essen, trinken, lachen. Vor der Beruhigung der Weststrasse im August 2010 war hier urbane Wüste entlang der Transitroute. Im Lokal, das heute das zweite ­Lily’s-Restaurant der Stadt beheimatet, gingen Pornofilme und Sexheftli über die Theke. Wer hierherkam, tat es heimlich und verschwand bald wieder.

Heute ist gerade die Zone um den 62 Meter hohen Lochergutklotz ein Ort, an den man kommt, um zu bleiben. Zum Beispiel das Grand Café Lochergut, das auch Gäste aus entfernten Stadtkreisen anzieht. Sein Chef, Yves Niedermayr, war einer der Ersten, die das Potenzial der Gegend erkannten. Anfang Dezember 2012 eröffnete er etwas weiter hinten die Cocktailbar Raygrodski. «Die Badenerstrasse hat sicher auch von der Umgestaltung des Idaplatzes profitiert», sagt Niedermayr. Inzwischen zieht das einstige Zürcher Niemandsland auch Unternehmen aus anderen Städten an: Die Gelateria di Berna eröffnet bald vis-à-vis dem Raygrodski eine Filiale.

Ins kosmopolitisch-legere Grand Café Lochergut kommen Arbeiter zum Feierabendbier, Familien aus dem Quartier zum Brunch und Partygirls in High Heels auf ein Cüpli. «Das ist das Schöne an der Gegend. Es hat von allem, und alle vertragen sich irgendwie», sagt Niedermayr. Nur als sich im letzten Sommer ein Heroin­abhängiger auf einer der gewöhnlich von Alkoholikern besetzten Betonbänke vor dem Café am helllichten Tag einen Schuss setzen wollte, sei es ihm zu bunt geworden.

Die neuen sind keine Fremdkörper

Doch wie viel Erneuerung verträgt dieser Abschnitt der Badenerstrasse? Und wann droht dem Quartier eine Seefeldisierung? «Schwer zu sagen», sagt Yves Niedermayr. Noch sei die Aufwertung tatsächlich zum Nutzen der Leute, die hier leben. «Es gibt bislang keine Übersättigung mit teuren Läden und Restaurants, noch keinen Investor, der blindwütig Immobilien zusammenkauft.» Die in den letzten Jahren eröffneten Betriebe, zu denen auch das Miki Ramen gehört, wirken tatsächlich wie Ergänzungen, nicht wie Fremdkörper. Und dass es noch eine alteingesessene Änderungsschneiderei hier gibt, beruhigt. Wie vielfältig diese Ecke ist, zeigt sich auch auf Instagram. Wer #Lochergut eintippt, sieht sich einem städtischen Panoptikum gegenüber.

Jenseits der Sihlfeldstrasse gewinnt das neue Zürich ohnehin nur langsam an Terrain. Auf das Green Passion, ein kürzlich eröffnetes Geschäft für legales Cannabis, folgen Internet- und Coiffeurläden, ein Sexshop mit dem Hinweis «diskreter Eingang», eine winzige Reiseagentur – und das Restaurant Tenz, das hier seit ein paar Wochen tibetische Teigtaschen verkauft. Der erste Bote der Aufwertung dieser Passage? «Bevor das Tenz kam, erschien mir die Badener- jenseits der Sihlfeldstrasse wie ein Remake der alten Weststrasse», sinniert Niedermayr.

Und doch: Zumindest eine gewisse Verbürgerlichung der Gegend hat stattgefunden: In den Räumlichkeiten des ehemaligen Rotlichtbetriebs Pattaya-Bar an der Badenerstrasse 286 befindet sich nun eine Kinderkrippe – nachdem sich dort zuvor eine Zeit lang die Hipster das Passwort für Szenepartys zugeflüstert hatten.

Fast wie eine Familie

Etwas näher am Lochergut, an Haus Nummer 277, prangt ein Schild mit einem stilisierten Hasen und dem Schriftzug «Play Bar». Früher hiess das Lokal, das ausser am Sonntag bis vier Uhr nachts geöffnet ist, Playboy-Bar und zog nicht zuletzt die lokale Fussballprominenz an – Spieler des FCZ genauso wie dessen legendären Masseur Hermi Burgermeister. Heute ist der mit Marmor ausgekleidete Raum Berührungspunkt zwischen alter und neuer Badenerstrasse. An der Bar sitzen vorwiegend Stammgäste im reiferen Alter, auf den Sofas jene, die zwar in den Zwanzigern oder Dreissigern sind, aber nicht dauernd nur an der Langstrasse ausgehen möchten.

Die Frau, die den Laden seit neun Jahren zusammenhält, heisst Vera Widmer. Manch einer nennt sie nur die «Mutter der Badenerstrasse», was der gross gewachsenen, stets bestens gekleideten Dame durchaus gefällt. «Hier drin benimmt sich keiner daneben, wir sind – so unterschiedlich die Gäste auch sein mögen – wie eine grosse Familie», sagt sie. Zum familiären Charakter der geschichtsträchtigen Bar trägt auch bei, dass die Chefin immer mal wieder spontan Apéroplatten mit Fleischkäse oder Lachscanapés auf den Tresen stellt.

Zu später Stunde geht es ausgelassen zu, die Jukebox lässt von Falco bis Depeche Mode alles erklingen, was den zunehmend alkoholisierten Gästen einfällt. Gegen Vera aufzumucken, das wagen aber selbst die Angetrunkensten kaum. Wenn sich die zechende Kundschaft nachts mitsamt Gläsern aufs Trottoir vor dem Lokal stellt, kann die Hausherrin sehr bestimmt auftreten. «Anders als die Langstrasse, ist dieser Teil der Stadt noch immer vorwiegend ein Wohnquartier. Und mit den Nachbarn wollen wir es uns nicht verderben», sagt sie.

Wenn das Partyvolk Hunger hat

Seit vier, fünf Jahren leidet der Strassenabschnitt zwischen Lochergut und Albisriederplatz verstärkt unter dem Partyvolk, das hier vorbeizieht. «Dass ich am Wochenende Erbrochenes wegputzen und leere Flaschen entsorgen muss, ist Routine für mich», sagt Fatmir Guci, der die Bäckerei bei der Haltestelle Zypressenstrasse 2008 vom stadtbekannten Patron Oski Kuhn übernommen hat. Die jungen Leute, die am frühen Morgen aus dem nahen Club Frieda’s Büxe kommen, bescheren Guci aber auch Umsatz – und er weiss, wie man sie im Griff behält. «Wenn ich sie streng anschaue, dann benehmen sie sich», sagt der sympathische Mann, der jede Nacht um drei Uhr mit Backen beginnt und gegen fünf den Laden öffnet.

Oski Kuhn, dessen Vater die Bäckerei vor 84 Jahren gründete, berichtet, dass das Ausgehvolk schon in den Siebzigern ans Fenster der Backstube geklopft und im Morgengrauen nach frischem Gebäck verlangt habe. Eine beschwipste Bardame der Playboy-Bar sei einmal sogar rücklings in einen Korb mit Semmeli gefallen. Kuhn, inzwischen 73, gefällt es hier. Nur dass das Restaurant Rosenburg vis-à-vis Ende Jahr schliessen muss, betrübt ihn. Die Besitzer wollten wohl lieber zusätzlichen Wohnraum vermieten.

Die ganz grosse Wandlung habe dieser Abschnitt der Badenerstrasse in den Fünfzigern gemacht. «Damals verschwanden die Bäume, und Gärten in den Seitenstrassen mussten Parkplätzen weichen», schildert Kuhn, der seine Kunden wie Freunde behandelt und Kinder mit Patisserie beschenkt. Solange der Mann mit dem markanten weissen Schnauzbart hier ist, muss einem um das Quartier nicht bange sein. (Zueritipp)

Erstellt: 03.05.2017, 13:25 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...