«Risikofreude und Unternehmergeist sind unsere Triebkräfte»

Das Riffraff ist 20 Jahre alt. Frank Braun, Programmleiter und Mitgründer, über Herausforderungen und warum ihm nicht immer zum Feiern zu Mute ist.

Seit 20 Jahren an der Neugasse: das Kino Riffraff.

Seit 20 Jahren an der Neugasse: das Kino Riffraff. Bild: Urs Jaudas

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Das Riffraff veranstaltet erstmals ein Sommerfest. Was ist geplant?
Es gibt auf den Leinwänden allerlei Überraschungen, Fragestunden mit Filmemacherinnen wie zum Beispiel mit Sabine Boss, auf der Bühne der autofreien Neugasse treten Live Acts wie Tobias Carshey oder die langjährige Riffraff-Mitarbeiterin Big Zis auf; unsere Freunde vom Filmkunstfestival Porny Days haben die Queer-Performerin Tropikahl Pussy aufgeboten, und bis vier Uhr morgens verwandeln sich die beiden Riffraff-Häuser zu Dancehalls. Auf Hungrige warten unter anderem Glaces von Eisvogel, Street Food von Lily’s und unsere eigenen Houdini-Hotdogs.

Ist Ihnen überhaupt zum Feiern zumute? Das Riffraff kämpft – wie auch andere Kinos – mit vielen Herausforderungen. Etwa damit, dass wegen Netflix Leute zu faul sind, um ins Kino zu gehen.
Wir haben auf jeden Fall etwas zu feiern. Wenn Sie mir vor 20 Jahren gesagt hätten, dass die Neugass Kino AG heute über 100 Mitarbeiter beschäftigt, dann hätte ich wohl gelacht. Aber klar, es gibt einen Strauss von Problemen, mit denen wir derzeit zu kämpfen haben. Und diese sind alle erst in den letzten paar Jahren praktisch gleichzeitig aufgetaucht.

Wieso soll ich meinen Arsch lupfen, um im Kino einen Film anzuschauen?Frank Braun, Programmleiter Riffraff


Zum Beispiel?
Die generellen Kinobesucherzahlen sind schon seit längerem rückläufig. Von dieser Entwicklung sind wir ebenfalls betroffen. In diesem Jahr sind die Besucherzahlen schweizweit regelrecht eingebrochen – gegenüber dem Vorjahr um nahezu 20 Prozent. Und daran sind nicht alleine die WM und der Hitzesommer schuld. Ich kann Ihnen ein konkretes Beispiel nennen: Unseren bisher erfolgreichsten Film des Jahres, «Dene wos guet geit», haben im Riffraff bislang 6000 Personen gesehen. Früher waren für unsere Jahrespitzenreiter fünfstellige Zuschauerzahlen normal. Und ja, das boomende Online-Angebot fördert die passive Konsumhaltung. Wieso soll ich meinen Arsch lupfen, um im Kino einen Film anzuschauen? Diese Frage ist heute für viele nur noch eine rhetorische. Zudem werden in den Kinos immer mehr Filme mit immer mehr Kopien gleichzeitig gestartet.

Am Samstag werden hier Foodtrucks stehen und Konzerte stattfinden: das Kino an der Neugasse.

Wie zeigt sich das?
Wir stemmen uns gegen die allgemeine Nivellierung im Programmangebot. Unser Profil, das wir uns über viele Jahre erkämpft haben, ist unsere DNA. Es gibt immer wieder Filme, von denen wir überzeugt sind, dass sie gross genug sind, um in Zürich auf mehrere Häuser verteilt zu werden. Wenn er zu unserem Erbgut passt, ziehen wir mit. Aber wenn es sich um einen Film handelt, dessen Erfolgsaussichten eher bescheiden sind, versuchen wir, die Filmverleiher davon zu überzeugen, dass bei der Anzahl der Startkopien weniger mehr ist. Wir finden aber immer weniger Gehör und sind mangels Alternativen genötigt, mitzuspielen, obwohl es zu einer unsinnigen Verstückelung des Publikums führt. Mit dem Kosmos ist diese Situation leider nicht besser geworden, im Gegenteil.

Selbstverständlich bekommen wir die sechs Säle des Kosmos zu spüren.Frank Braun, Programmleiter Riffraff


Sie leiden unter dem Kosmos.
Selbstverständlich bekommen wir die sechs Säle des Kino Kosmos, die sich in der Nähe befinden, zu spüren. Das haben wir vorausgesehen. Gleichzeitig kommt es aber selber nicht auf Touren. Es schmerzt, mitanzusehen, dass die idealistischen Initianten in der Planungsphase die kritischen Fragen nach der Verhältnismässigkeit in den Wind schlugen und ein viel zu grosses Ding gedreht haben. Meiner Meinung nach ist das Kosmos das Kind eines Masterplans, das in seiner Auslegung nichts mit dem Rest der Stadt zu tun hat. Man muss das kurz gegenüberstellen, um die Diskrepanz zu begreifen: Unsere Kinos Riffraff und Houdini kommen heute auf total 650 Sitzplätze. Das Kosmos startete auf einen Schlag mit 800 Sitzplätzen. Ihm bleibt gar keine andere Wahl: Es ist zum Raubbau an der Zürcher Kinokultur verdammt.

Hat die Neugass Kino AG damals nicht mit dem Riffraff die Arthouse-Gruppe konkurriert und mit dem Houdini den Markt ebenfalls übersättigt?
Wir haben nicht vergessen, wie es ist, sich als Newcomer behaupten zu müssen. Risikofreude oder Unternehmergeist sind für uns wichtige Triebkräfte. Erfahrung oder gutes Kalkül gehören aber unbedingt dazu. Als wir vor mehr als 20 Jahren die Riffraff-Idee entwickelten, stiessen wir in einen Stadtteil vor, der brachlag. Unsere Basis für das weitere, schrittweise Wachstum war der Erfolg. Das gilt für das Riffraff wie auch für das Houdini. Unsere Betriebe übersättigen den Markt nicht, sie erweitern ihn.

Das Haus war allerlei: Pneulager, Hippiemarkthalle mit Planschbecken, Spielautomatenhöhle und Billard-Lokal.Frank Braun, Programmleiter Riffraff


Als im März 1998 an der Neugasse das Kino Riffraff eröffnete, war die Gegend ein Drogenquartier. Über die Idee eines Kinos im Kreis 5 haben Zweifler gelacht. Das kann man sich heute kaum mehr vorstellen.
Nicht alle haben damals an die Tatsache geglaubt, dass ein Kino für Independent-Filme hier sofort einschlagen könnte. Aber wir waren keine Quereinsteiger. Anfang der Neunzigerjahre hatten wir das Kino Morgental in Wollishofen wieder auf Touren gebracht. Dass auf lange Sicht ein Einzelkino keine Zukunft haben würde, liess uns weitersuchen. Das Riffraff kann deshalb als Spin-off des mittlerweile zu einer Apotheke umgenutzten Morgentals bezeichnet werden. Dass wir in der Neugasse im Kreis 5 fündig wurden, war dann ein Glücksfall. Die Liegenschaft war ursprünglich vor mehr als gut 100 Jahren mit einem Volkstheatersaal, der Stummfilme vorführte, errichtet worden. Der Kinobetrieb existierte später unter dem Namen «Modern» bis 1946. Dazwischen war das Haus allerlei: Pneulager, Hippiemarkthalle mit Planschbecken, Spielautomatenhöhle und Billard-Lokal. Mit der Prämisse, dass wir keine Pornofilme zeigen, konnten wir das neue Kino realisieren.

Das Riffraff hat sich wie das Xenix schnell auch als Bar, nicht nur als reiner Kinobetrieb etabliert. Welchen Stellenwert hat die Gastronomie heute?
Bis heute generieren wir etwa einen Drittel des Umsatzes mit der Bar sowie dem Bistro mit Lounge, die 2002 im angrenzenden Neubau dazugekommen sind. Wobei wir mit der Gastronomie nie den Kinobetrieb querfinanzierten. Unser Kerngeschäft war stets das Kino; trotzdem wollen wir, dass die Leute länger bei uns verweilen. Es ist uns nach wie vor wichtig, an einem Gastrobetrieb festzuhalten, auch wenn der Laden nicht mehr so brummt wie früher. Anfangs gabs im Riffraff Bistro sogar gedeckte Tische. Das hat nicht funktioniert. Selbst nach vielen Jahren schrauben wir immer wieder an der Gastronomie.

Nicht nur für deine Filme, auch für seine Drinks wird das Riffraff geschätzt: das Riffraff Bistrot.

Welches sind die drei erfolgreichsten Filme der letzten 20 Jahre, die im Riffraff gezeigt wurden?
Auf dem Riffraff-Siegertreppchen stehen mit «Mani Matter – Warum syt dir so truurig» und «Mais im Bundeshuus» gleich zwei Schweizer Dokumentarfilme zuoberst. Gefolgt vom deutschen Stasi-Drama «Das Leben der Anderen». Auf Platz 4 folgt mit dem Langstrassenkrimi «Strähl» gleich nochmals ein Schweizer Film.

Und welchen hätten Sie gerne gezeigt, haben aber nie die Lizenz dafür bekommen?
Einige. Aber es ist wohl «My Neighbour Totoro» von Hayao Miyakazi, wo ich es am meisten bedauere, dass es mir nicht gelang, ihm zu einem Kinostart in der Schweiz zu verhelfen. Es ist fast 30 Jahre her, als ich ihn das erste Mal an einem Festival gesehen habe. Ein Schlüsselerlebnis war das für mich damals. Und ich bin heute noch überzeugt, dass dieser japanische Anime, der auf den ersten Blick als harmloser Kindertrickfilm durchgehen könnte, von unserem Publikum begeistert aufgenommen worden wäre. Mittlerweile geniesst er weltweit Kultstatus. Ich konnte mich später etwas damit trösten, dass ich im Riffraff Miyakazis’ spätere Meisterwerke wie «Princess Mononoke» oder «Spirited Away» vorstellen konnte.

Erstellt: 16.08.2018, 16:43 Uhr

Frank Braun

Programmleiter und Mitgründer des Riffraff.

Frank Braun, 1965 in Winterthur als Sohn eines Predigers geboren, ist seit knapp dreissig Jahren in der Kinobranche tätig. Er arbeitete beim Xenix, initiierte das Fantoche in Baden und kümmerte sich als Co-Geschäftsführer bis zur Schliessung 2002 um das Kino Morgental in Wollishofen. Seit 1998 betreibt er als Mitglied der Geschäftsleitung die Neugass Kino AG, ein KMU mit über 100 Mitarbeitern, zu dem mittlerweile nicht nur das Riffraff, sondern auch das Houdini und das Luzerner Bourbaki zählen.

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