Wie Sex auf die Ohren

Mit ihrem Podcast «Besser als Sex» erreichen Leila Lowfire und Ines Anioli ein Massenpublikum. Das Duo trifft damit den Nerv der Zeit. Über Intimes wird heute geplaudert – öffentlich.

Zeigen, was sie haben: Leila Lowfire (l.) und Ines Anioli.

Zeigen, was sie haben: Leila Lowfire (l.) und Ines Anioli. Bild: Christian Hasselbusch

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«Ein Universum an Anekdoten und Fantasien komplett unterhalb der Gürtellinie: viel Spass»: So kündigt eine verzerrte Männerstimme jede Folge von «Besser als Sex» an. Seit 2016 erzählen die deutschen Freundinnen Ines Anioli und Leila Lowfire in dem Podcast von ihren schönsten und schlimmsten Dating- und Sexerlebnissen.

Sie sind nicht die einzigen Frauen, die das machen. Podcasts boomen. Besonders beliebt sind jene, die eigentlich ein Gespräch unter Vertrauten sind. Geheimnisse und Erfahrungen werden ausgetauscht. Auch hier gilt: Sex sells. Aniolis und Lowfires Podcast zählt zu den erfolgreichsten im deutschsprachigen Raum. Rund 150 000 Fremde hören ihnen jede Woche zu, wenn sie über Schenkelsex, G-Punkt und Squirting plaudern.

Aktuell sprechen die beiden Freundinnen über Blutpenisse und Saunen. Quelle: Soundcloud/Besser als Sex

«Wir haben schon immer offen über alles gesprochen», sagt Lowfire. Die 25-Jährige wollte eigentlich Fotografin werden. Jetzt ist sie Erotikmodel, moderiert, schauspielt und tanzt in verschiedenen Musikvideos. «Es gibt bei beiden Geschlechtern verklemmte und offene Charaktere», sagt Lowfire. Sie nimmt das Ge­­spräch mit dem «Züritipp» auf der Strasse entgegen. Anioli schaltet sich wenige Minuten später ein: Sie steckte noch an einer Supermarktkasse fest.

«Jemand, der es als Challenge sieht, mich deswegen rumzukriegen, highfivet vermutlich auch seine Freunde nach Disco-Sex.»Ines Anioli, Podcasterin


Die 31-Jährige ist Radiomoderatorin. In dieser Funktion taucht Anioli immer wieder an Festivals und Konzerten auf. So liess sie Robbie Williams im vergangenen Jahr in Dresden seinen Auftritt unterbrechen, damit er auf ihren Brüsten unterschreiben konnte. Anioli ist aber auch eine – sagt sie selbst – Youtube-Nutte. Auf der Videoplattform betreibt Anioli den Kanal Olgasays. Thema: Sex.

Angst, dass Männer sie nur wegen der Videos und des Podcasts anflirten, hat Anioli nicht: «Jemand, der es als Challenge sieht, mich deswegen rumzukriegen, highfivet vermutlich auch seine Freunde nach Disco-Sex.»

Genug Erlebnisse für zehn Jahre Podcast

Vor kurzem dementierte Anioli auf Insta­gram das Gerücht, dass sie mit dem deutschen Komiker Luke Mockridge zusammen sei. Dass eine langfristige Beziehung das Ende des Podcasts bedeuten würde, schliesst sie aber aus. «Vielleicht gibt es Leute, die ihr ganzes Leben lang denselben Sex haben. Leila und ich probieren aber gern Neues aus.» Lowfire meint: «Ich kann sicher noch zehn Jahre weitermachen. Ich habe so viel erlebt. Und es gibt unzählige Aspekte und Themen, die sonst niemand bespricht.» Welche denn? «Das weiss ich nicht so genau, ich höre mir keine anderen Podcasts an», meint Anioli.

Inhaltlich unterscheidet sich «Besser als Sex» nicht von seiner Konkurrenz (siehe Box): Unverkrampfte Freundinnen, die vermeintliche Tabus brechen. Manchmal streift der Podcast durchaus Themen, die auch für Personen relevant sind, die sich nicht sonderlich um «Muschifürze» und Vergleichbares scheren. Doch auch dann bleibt der Podcast ein Geplänkel.

«Liebe Leila, du hast ja riesige Glocken und kennst dich extrem gut mit Brüsten aus.»aus dem Podcast «Besser als Sex»


Denn Anioli und Lowfire kichern viel und fachsimpeln nie. Kein Facharzt und keine Psychologin werden um eine Einordnung gebeten. Deshalb dominiert beim Hören ein Gefühl, das man aus seiner Jugendzeit kennt. Jenes, das einen überkam, wenn man den Schulplatzgesprächen der älteren Schüler lauschte und sich fragte: Ist das alles wahr und wichtig? Sollte mich das interessieren?

Kürzlich suchten die Podcasterinnen eine Antwort auf eine Frage, die eine Zuhörerin «schon etwas verrückt gemacht hat»: «Woher weiss man, ob man eine hängende Brust hat?» Nachdem Ines Anioli die Mail fertig gelesen hat, sagt sie: «Diese Person ist glaubs zwölf und noch sehr unsicher.» Dann wendet sie sich an Lowfire: «Liebe Leila, du hast ja riesige Glocken und kennst dich extrem gut mit Brüsten aus.»

Lowfire und Anioli sprechen auch über ihren eigenen Körper: zum Beispiel über ihre Brüste. Quelle: Soundcloud/Besser als Sex

Anioli und Lowfire vergleichen Oberweiten mit Milchtüten und diskutieren, wie viele Fingergelenke sie unter ihre Brüste bringen und wo sich ihre Brustwarzen befinden. Lowfires Fazit: «So lange du das Gefühl hast, dass deine Brüste cool sind und nicht hängen, würde ich mir da auch einfach nichts anhören.» Anioli hingegen schlägt eine Bruststraffung vor. Natürlich kein ernst gemeinter Ratschlag. Sie wolle auch gar keine Kummertante sein, sagt Anioli am Telefon.

Die Freundinnen erwähnen in Interviews immer wieder, wie ironisch sie seien. Und wie selten das von ihren Fans verstanden werde. Ist das Plakat der aktuellen Tournee also auch nicht ganz ernst gemeint? Die Frage verärgert die zwei. «Ironisch verstehe ich das nicht. Wir tragen ja keine Penis-Brillen», antwortet Anioli. «Wir haben das angezogen, was für uns perfekt zum Thema passt. Wir haben schöne Körper und zeigen diese auch gerne.»

Zeigen ihren Körper gerne: Ines Anioli (l.) und Leila Lowfire. Bild: Christian Hasselbusch/zvg

Im Moment ist das Duo auf Tour: In mehreren deutschen Städten sowie in Wien und Zürich erzählt es seine Storys live. Den Podcast vernachlässigt es aber nicht. In der aktuellsten Folge plauderten Lowfire und Anioli knapp vierzig Minuten lang über ihre «stinkenden Scheiden», über die Sexdates ihrer Fans und gingen auf die Frage ein: «Wird ein kleiner Penis noch grösser?» Dabei redeten sie auch über die Ausstattung ihrer Ex-Freunde. Verärgerte die das nicht? «Männer, die irritiert darauf reagieren, dass wir zum Beispiel über kleine Penisse lachen, haben halt Pech», sagt Anioli. «Es ist ja nicht verboten, zu sagen, dass mich ein grösserer Penis besser befriedigt.»

Schliesslich dürfe sie ja auch sagen, dass sie lieber Pasta mit Tomatensauce als Pasta mit Käsesauce möge. «Ist doch alles Geschmacksache.» So wie der Podcast: Die einen erinnert er an die vermeintlich verruchte «Bravo»-Leserunde im Lager, den anderen hilft er vielleicht wirklich, sich und ihre vermeintlichen Makel zu lieben. Oder zu sagen, was sie möchten. Ganz ernsthaft.

Mo — 20.30 Uhr
Plaza
Badenerstr. 109
Ausverkauft
www.plaza.ch

(Züritipp)

Erstellt: 26.11.2018, 16:57 Uhr

Deutschsprachige Podcasts über Sex und Liebe

Abrufbar auf gängigen Portalen wie Spotify, Podtail und Deezer

Oh, Baby!
Isabel lebt mit ihrem Freund am Stadtrand von München. Ihre Freundinnen sind alle knapp zehn Jahre jünger und single. Mit ihnen thematisiert die Endzwanzigerin Sex & Co. In jeder Folge sind ausserdem Isabels Freund sowie die Frauenärztin Sheila de Liz und die Sexualtherapeutin Beatrice Wagner dabei.


Schnapsidee
Seit Ende 2017 spricht die Autorin und Songwriterin Anna Zimt mit ihrer Freundin Paula über Dating, Liebe und Sex. Zimt führt eine offene Ehe, Paula ist single. Alle zwei Wochen widmen sie sich einem anderen Thema. Zum Beispiel «Sexting und Telefonsex».


Beste Freundinnen
Hinter «Beste Freundinnen» stecken die beiden besten Freunde
Jakob und Max. Für ihren Podcast wählten die zwei den Slogan «Das ist der ultraehrliche Männerpodcast.» Da sich die beiden mittlerweile mehr mit Windeln als mit Dates beschäftigen – beide haben Kinder –, gründeten sie den Podcast «Beste Vaterfreuden».


Interrobang
Die Freundinnen Nicole und Julia plauderten von November 2015 bis August 2016 in unregelmässigen Abständen über Sex. Immer wieder gingen sie auf Fan-Fragen ein oder luden einen Mann in ihre Show ein. Ausserdem schweiften sie manchmal auch ab – und sprachen zum Beispiel über Skateboards und Musik.


#Twentysomething
Lina Mallon schreibt schon länger einen Blog. 2017 fing die Deutsche mit ihrem Podcast an. Er ist weniger explizit als die anderen: Mallon spricht mehr über das Zwischenmenschliche und Beziehungen, aber auch über ihre Reisen und Erfahrungen mit Social Media.

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