«Bei uns enden Filme nicht mit dem Orgasmus»

Co-Leiter und Gründer der Porny Days Dario Schoch über konservative Einstellungen und kostenpflichtige Pornoportale.

Einer der Filme, der an den Porny Days gezeigt wird: «Ritual Waves».

Einer der Filme, der an den Porny Days gezeigt wird: «Ritual Waves».

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Sie leiten das Festival zusammen mit drei Frauen. Gibt es deswegen manchmal Meinungverschiedenheiten?
Ja natürlich, immer wieder. Gerade in den letzten Jahren diskutierten wir intensiv, wie und wo wir uns in der Sex-Thematik positionieren wollen. Wir haben zudem eine sehr gute Aufgabenteilung. Ich konzentriere mich mit Aida Suljicic aufs Filmprogramm, Talaya Schmid und Angie Walti kümmern sich eher um performative Künste, Ausstellungen und Vermittlung.

Aber diese Meinungsverschiedenheiten haben nichts damit zu tun, dass Sie ein Mann sind.
Gegründet haben wir das Festival vor 8 Jahren. Zwei Frauen und ich. Ich hatte als Mann nie das Gefühl, ich sei in einer Minderheit, müsse mich speziell durchsetzen. Wir ticken sehr ähnlich, das Geschlecht spielt bei uns eine untergeordnete Rolle. Aber in den letzten Jahren gab es eine Sensibilisierung auf Genderthemen. So ist es klar, dass Frauen im Team andere Kompetenz haben, Themen zu setzen als ich als Mann.

Wie unterscheiden sich die Filme die sie zeigen von herkömmlichen Pornos?
Ich glaube unser Festivaltitel ist vielleicht ein bisschen irreführend. Wir zeigen auch explizite Filme, aber nicht nur. Unsere Filme haben einen verspielten Zugang zur Sexualität. Sie sind nicht heteronormativ. Wir zeigen vielfältige Körper in verschiedenen Interaktionen. Bei uns hören die Filme nicht mit dem Orgasmus auf. Viele Filme die wir zeigen thematisieren die Selbstermächtigung.

Welche Tendenzen sind in den Filmen spürbar?
Herkömmlichen Pornoproduktionen sind oft menschenverachtend. Für uns ist sexueller Konsens in den Filmen wichtig. Da wird auch vor der Kamera klar darüber gesprochen: «Was sind meine Grenzen», «Was ist ok und was nicht». Generell nehmen wir die Tendenz war, dass immer mehr Pornodarsteller*innen das Zepter in die Hand nehmen und selber Regie führen.Und eben: auch die Abkehr davon, im Film einen Orgasmus haben zu müssen, ist eine Entwicklung. Unsere Filme sind verspielter. Etwa der Film, in dem sich zwei Frauen nur kitzeln. Die Dominanz des Kitzelns hat eine spielerische Note.

«Das Problem ist, dass Sexarbeit noch immer stigmatisiert ist.»Dario Schoch

Wenn jetzt keine Porny Days stattfinden, wo kann man die Art Filme sehen und entdecken, die Sie zeigen?
Über bezahlte Portale. Davon gibt es einige. Eines ist PinkLabel.tv aus San Francisco. Das funktioniert dann wie Netflix: Man löst ein Abo und kann diese Filme schauen. Aber diese Portale gehen natürlich total unter in einer Welt von Gratispornos. Was aber diese Gratisportale wie YouPorn machen, ist höchst illegal. Das verstösst alles gegen das Copyright-Gesetz. Das Problem ist, dass Sexarbeit noch immer stigmatisiert ist. Die Sexarbeiter, also Darstellerinnen und Regisseure, alle, die mit Sex Geld verdienen, haben auch darum keine Lobby, die sich für ihre Rechte einsetzen. Etwa für Anwälte, die dafür sorgen könnten, dass dieser Content vom Netz runtergenommen wird.

Woher kommen denn diese Youpornfilme?
Pornos, so wie es der Schweizer kennt, wird von einer einzigen Firma dominiert. MindGeek. Niemand kennt den Namen, aber viele ihre Seiten: PornHub, YouPorn, RedTube, Brazzers und viele mehr. Hier wird nur eine Form von Pornographie gezeigt: Nämlich die männliche geprägte “Abwichserei”. Die Leute die bei uns die Filme einreichen, sind auch gefrustet von deren Suppe an Schrott und machen dann Sachen, für welche wir eine Plattform bieten.

Auf was wird bei der Auswahl der Filme und Programmpunkte geachtet?
Wir spielen nicht Moralpolizei. Wir gehen da nach dem Lustprinzip vor. Die Filme müssen Spass machen beim Zusehen. Sie müssen unterhalten, dürfen auch provozieren oder zu Diskussionen anregen. Vielleicht kriegen wir auch einmal eine Einreichung, die verstörend ist. Dann überlegen wir uns, wie kann der Film dazu beitragen, Toleranz und Verständnis dafür zu schaffen. Wenn man den Leuten Angst macht mit gewissen Praktiken, oder sie sich für Fantasien oder Perversionen schämen, dann hilft man ihnen nicht dabei.

«Jede Perversion hat es verdient, dass über sie gesprochen wird.»Dario Schoch

Was empfinden Sie als pervers?
Wenn man «pervers» so definiert, dass es ein Tabu ist, darüber zu sprechen, dann finde ich nichts pervers. Jede Perversion hat es verdient, dass über sie gesprochen wird.

An wen richtet sich das Programm?
Wir versuchen ein sehr niederschwelliges Angebot zu schaffen. So, dass sich alle willkommen fühlen. Wir wollen auch Leute ansprechen, die wenig oder gar nie mit dem Thema zu tun hatten. Das ist uns auch gelungen. Ich höre immer wieder von Besuchern, dass sie Jahre brauchten, um genug Mut zu haben, unser Festival zu besuchen. Und jetzt, da sie hier sind, merken sie, dass sie sich wohl fühlen.

Was sind Ihre zwei persönlichen Highlights während der vier Tage?
Sicher das Tanzstück von Gérard Reyes (Fr 29.11., 20.45 Uhr, Gessnerallee Nordflügel). Reyes ist ein wunderbarer Tänzer, der verschiedene Stilelemente in ein Tanzstück bringt und die Grenze zwischen ihm und dem Publikum verschwinden lässt. Das andere schöne Programm ist «Anal Pleasure For Hetero Men» (Sa 30.11., 20.40 Uhr, Kino Riffraff 3). Dort geht es um die Enttabuisierung des männlichen Anus. Da zeigen wir drei Kurzfilme, und eine Sexarbeiterin wird passend zum Thema von ihren Kunden erzählen.

Sie wollen mit dem Festival einen Kontrapunkt zur Neoprüderie setzen. Was verstehen Sie darunter?
Ich finde, die Gesellschaft ist konservativer geworden. Das Nacktsein etwa ist eher stigmatisiert. Das hat auch mit dem Gefühl zu tun, den perfekten Körper haben zu müssen, um ihn nackt zeigen zu können. Da wollen wir gegensteuern. Den Leuten sagen, dass es völlig ok ist, nicht den gängigen Körperidealen zu entsprechen Wir werden so oft mit unrealistischen Bildern zugeballert, dass wir gar nicht mehr den Bogen zu unserer Lust schlagen können. Weil wir da so in einen Zwang kommen und uns verkrampfen. Das Festival versucht den Leuten zu sagen: Vergesst doch das. Vergesst doch die Bilder die ihr in euren Köpfen habt.

Vom Do 28.11.-So 1.12.
Diverse Orte
www.pornydays.love

Erstellt: 28.11.2019, 15:22 Uhr

Dario Schoch



Dario Schoch ist bei den Porny Days mitverantwortlich für das Filmprogramm. Das Festival behandelt das Thema Sex mit Filmen, Debatten, Workshops und Performances

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