Co-Working-Space, der Arbeitsplatz der Zukunft?

Gemeinsam arbeiten ohne miteinander zu arbeiten: Was ist dran an diesem Konzept? Wir haben zwei Orte besucht.

Das Ambiente muss stimmen: Coworking Spaces sind immer «fancy» eingerichtet.

Das Ambiente muss stimmen: Coworking Spaces sind immer «fancy» eingerichtet. Bild: Urs Jaudas

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Freischaffende Kreative, die an ihrem Laptop sitzen und so tun, als würden sie arbeiten, aber eigentlich nur auf Facebook surfen und den ganzen Tag Kaffee trinken: So die klischierte Vorstellung der Arbeit in einem Co-Working-Space.

Die Realität sieht mittlerweile anders aus: In den Zürcher Co-Working-Spaces, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, sitzen längst nicht mehr nur Grafiker, Architekten oder freie Autoren. Mittlerweile haben IT-Entwickler, E-Commerce-Spezialisten, Start-ups, aber auch Grossunternehmen das geteilte Büro für sich entdeckt.

Miteinander für sich arbeiten

In den historischen Hallen des Steinfels-Areals sind zwei Männer auf einem braunen Ledersofa in einer Besprechung, zwei weitere diskutieren in einem verglasten Sitzungszimmer. An den Pulten sitzen Menschen verschiedenen Alters und schauen konzentriert in ihre Bildschirme. In und auf den vollgestellten Regalen wuchern Pflanzen. Kreatives Chaos würden es die einen nennen. Jürg Rohner, Gründer von ­Citizen Space, nennt es eine «familiäre und ungezwungene Atmosphäre».

Pflanzen, Objekte, verschiedene Arbeitsplätze: Im Citizen Space stehen die Zeichen auf Kreativität. Bild: Urs Jaudas

Etwas weniger familiär ist es am Ernst-Nobs-Platz im Kreis 4: Seit Anfang Jahr vermietet hier Headsquarter Desks, wie sie selbst die Arbeitsplätze nennen. Rund 300 Members habe man aktuell, erzählt Community-Managerin Daniela Aebi im Café Nobs, das ebenfalls zu Headsquarter gehört. Hier können alle arbeiten (und Kaffee trinken), ebenso in der nebenan liegenden Sofaecke. Im eigentlichen Co-Working-Space im zweiten Stock haben sich verschiedene Unternehmen eingemietet; das grösste belegt 60 Plätze.

Öffnet sich oben die Lifttür, steht man in einer grossen, offenen Küche mit einem langen Tisch. Nebenan ist eine Lounge mit pastellfarbenen Sofas sowie Pflanzen. Dieser offene Space sei für die Community, um sich zu treffen, sich auszuruhen oder aus dem Office zu kommen, erklärt Aebi. Denn mit wenigen Ausnahmen befinden sich die Arbeitsplätze in verglasten Büros. Dazwischen gibt es Chatboxen zum Telefonieren, Meetingräume – und einen Gymraum.


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Als Jürg Rohner 2007 den Citizen Space als ersten seiner Art in der Stadt eröffnete, musste er oft erklären, was ein Co-Working-Space sei. «Der Unterschied zur Bürogemeinschaft ist, dass du weder Verpflichtungen noch Verantwortung hast», sagt er. Rohner arbeitet auch hier, er ist Grafiker und sitzt mit seinem Team an einer Pultinsel. Eine solche hat auch das Sporttechnologie-Start-up Got Courts gemietet.

Internationaler Dialog in Zürich

Marketingmanager Francis Larkin betont, dass es gerade für junge Unternehmen ein grosser Vorteil sei, wenn es keinen Kostenaparat gebe, der sie erdrücke. Er findet es «mega nice», hier zu arbeiten, und den Citizen Space «ein cooles Office». Zudem sei er mit seiner Lage in der Nähe des Bahnhofs Hardbrücke «easy accessible». Wie in der Start-up-Szene scheint auch in der Co-Working-Szene ohne Englisch nichts zu gehen. Die meisten Namen der Spaces sind Englisch, im Headsquarter spricht man von «Desks», «Services» und «Members».

Eines dieser Members ist Roger Ziegler. Der Marketingmanager für Nike ist gerade auf dem Weg in das Café Nobs zum «Bier um vier». Einmal pro Woche können die Mitglieder abends gratis Bier trinken. Denn obwohl man sich von den klassischen Co-Working-Spaces unterscheide – Headsquarter etwa hat einen Empfang für die Kunden der Members; hier gehts mehr um Business als um Kreativität –, betont Community-Managerin Aebi, dass der Gemeinschaftsgedanke auch hier zentral sei.

Bequem und heimelig muss es sein: Im Headsquarter trifft man sich in den Gemeinschaftsräumen zu Sitzungen. Bild: Urs Jaudas

An der Bar erzählt Ziegler, wie nach einer grossen Reorganisation bei Nike nur noch ein kleines Team übrig blieb, das nicht mehr viel Platz brauchte. «Den Austausch hier mit Leuten aus anderen Branchen ist sehr inspirierend», sagt Ziegler, der vorher in einem herkömmlichen Büro gearbeitet hat.

Effizient arbeiten in kleinen Teams

Nicht nur Austausch, sondern das Zusammenarbeiten steht im Citizen Space noch stärker im Vordergrund: Der Grafiker gestaltet etwas für das Start-up, der Entwickler hilft dem E-Commerce-Team. Und anders als bei Headsquarter gibt es hier auch flexible Plätze. Vadim Bauer etwa sitzt an einem alten Holztisch, vor sich lediglich sein Laptop. Er sei circa drei Tage in der Woche hier, sagt der IT-Spezialist. «Ich hatte auch ein eigenes Büro, aber der logistische wie finanzielle Aufwand ist natürlich viel grösser. Und man ist weniger flexibel.»

Diese Flexibilität ist nicht nur für Selbstständige wie Bauer attraktiv, sondern auch für Unternehmen: Wer wächst, mietet Plätze dazu, wer schrumpft, gibt sie wieder ab. Aufwand und finanzielle Belastung sind so minimal. Die Nachfrage ist da; Aebi wie Rohner bestätigen, dass sie sehr gut ausgelastet seien, sogar Wartelisten führten. Und für 2020 kündigen mehrere Co-Working-Spaces neue Standorte in Zürich an.

Erstellt: 06.11.2019, 16:21 Uhr

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