Das scheusslichste Velo Zürichs

Auf die nicht totzukriegende Fahrradklauerei in der Stadt gibt es nur eine Antwort: Geballte Hässlichkeit!

Würden Sie dieses Velo klauen? Eben ...

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Schönheit ist gemeinhin ein Privileg im Leben. Nicht aber, wenn es ums Velofahren geht. Je schicker ein Velo, desto schneller wird es einem unter dem Hintern weggeklaut. Wer zum Beispiel ein Bianchi-Rennrad aus den Achtzigern länger als ein paar Wochen sein Eigen nennen möchte, muss es entweder über Nacht in einen Tresorraum einsperren oder ganz besondere Verbindungen zu den Zweiradschutzheiligen unterhalten. Meines blieb keine zwanzig Tage bei mir.

Längere Partnerschaften sind eigentlich nur mit Citybikes aus dem Jumbo möglich oder mit unförmigen Damen-Mountainbikes. Ein solches transportiert mich nun seit einigen Wochen täglich von meinem Zuhause im Kreis 3 ins Büro. Und es würde am Abend selbst dann noch treu auf mich warten, wenn ich es morgens unabgeschlossen an der Langstrasse abstellen würde. Es ist, trotz der nun überall verstreuten Billig-Mietvelos, das scheusslichste Zweirad der Stadt.

Die Farbe – ein knalliges Rot – mag sich noch einigermassen innerhalb der bürgerlichen Konventionen bewegen, alles andere ist bei diesem gefühlte 500 Kilogramm schweren Ungetüm ein materialisiertes Spottgedicht auf die Ästhetik. Höchstens einer jener ergonomischen Lenker in Form eines Schmetterlings könnte den optischen Auftritt vielleicht noch scheusslicher machen. Allerdings müsste man dann wohl auf die metallenen Hörnli verzichten, von denen eines beschädigt ist und sich bei Regen stets mit Wasser füllt.

Apropos Metall: Während ambitionierte Hobbygümmeler auf Rahmen aus Carbon oder zumindest Aluminium setzen, scheint mir mein Velo aus massivem Gusseisen gefertigt zu sein. Selbst flachste Steigungen werden so zur sportlichen Herausforderung, zumal der Sattel ganz weit unten sitzt und sich ums Verrecken nicht weiter nach oben bewegen lassen will.

Eine Kreuzung aus Gulaschkanone, Traktor und Mountainbike


Betrachte ich das diebstahlsichere Gefährt, befällt mich eine Mischung aus Mitleid, Scham und Dankbarkeit, die bisweilen (wenn Steigungen zu bewältigen sind) in recht unverhohlenen Hass umschlägt. Die negativen Emotionen sind aber wie weggeblasen, wenn ich auf gerader Strecke ungesehen von anderen menschlichen Wesen unterwegs bin. Und bergab – das ist wie bei den dicken Kindern auf der Skipiste – erreicht das hässliche Ding ohne mein Zutun Spitzentempi.

Überdies ist es ein Zen-Meister. Es lehrt mich Gelassenheit und die Abkehr von kindischer Eitelkeit. Mit dieser Kreuzung aus Gulaschkanone, Traktor und Mountainbike durch die Stadt zu fahren, braucht ähnlich viel Grösse, wie mit nicht einmal ansatzweise eingezogener Plauze an einer Reihe von Badi-Schönheiten vorbeizulaufen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.08.2017, 09:06 Uhr

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