Das zweite Leben des Hardturmstadions

Keine Fussballarena, dafür ein magischer Freiraum. Was die Stadionbrache alles bietet – und warum sie so wichtig ist für die Stadt.

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Hühner gackern, Skater rollen, Kinder tollen. Und eine Mönchsgrasmücke besingt euphorisch den Kräutergarten mit seinen zahlreichen Blumen. Es ist der friedliche Soundtrack der Stadionbrache; eine Geräuschkulisse, die alle Nutzer und Besucher beruhigt und besänftigt.

Der Lärmpegel steigt hier, an diesem grünen Ort der Entschleunigung, nur selten an. Für elektronisch verstärkte Instrumente gibts im urbanen Garten strenge Auflagen, hochkommerzielle Events sind keine vorgesehen. «Es soll gemütlich bleiben», sagt Markus Urbscheit vom Verein, der die Brache 2011 initiiert hat. Das Vorstandsmitglied macht damit klar: Die Stadionbrache ist keine Eventlocation. Sie ist vor allem ein Quartiertreff, wo im Holzofen Pizza gebacken wird und kleinere Kulturanlässe stattfinden.

Und trotzdem häufen sich die Anfragen, seit Anfang Jahr muss gar von einer Flut gesprochen werden. Die Stadt lechzt nach coolen, unverbrauchten Spots. Werbeagenturen wollen vom Hippiechic profitieren und ein Fotoshooting veranstalten, stadtbekannte Partyorganisatoren eine Outdoorfeier. Filmproduktionsfirmen haben sich gemeldet. Alles zu kommerziell, zu laut, heisst es dann jeweils seitens des Vereins. Die ehrenamtlichen Mitglieder müssen in letzter Zeit oft mit dem Daumen nach unten zeigen. An der vierteljährlich stattfindenden Versammlung werden die Projekte, die zur Brache passen, vorgestellt. Jüngste Idee, die sich konkretisieren durfte: der Hühnerhof.

Rechnung ohne Nachbarn gemacht

Seit 2011 existiert die Stadionbrache. Doch eigentlich dürfte es diesen Ort gar nicht geben. Schon längst sollte hier am äusseren Rand von Zürich-West ein Fussballstadion stehen. Denn als am 1. September 2007 GC im maroden Hardturm sein letztes Heimspiel austrug (und verlor), hatte die Credit Suisse bereits alles in die Wege geleitet, um ein riesiges, fünfeckiges Stadion mit kommerzieller Mantelnutzung hinzustellen. Die Bank hatte ihre Rechnung aber ohne die Nachbarn gemacht. Mit zahlreichen Einsprachen verzögerten diese den Bau so lange, bis sich der Grossinvestor zurückzog und das brachliegende Land an die Stadt abtrat. Doch auch die Behörden kamen mit ihrem Stadion nicht durch, 2013 scheiterte das Projekt knapp vor dem Stimmvolk. Die Stadionbrache, damals als kurzzeitige Zwischennutzung konzipiert, bekam ein zweites Leben geschenkt.

Die Brache hat sich seither zu einem vitalen, kontrolliert wuchernden Labor für Ideen entwickelt, das – GC-Fans ausgeschlossen – allen viel Freude bereitet. Die Erfolgsgeschichte dieser Oase ist keine Überraschung. Denn ein Ort, der ohne Kostendruck haushalten kann und über viel Platz verfügt, ist eine Rarität in einer Stadt, die in Zentrumsnähe keine brachliegende Fläche, kein alternativ genutztes Fabrikareal mehr hat.

Das spüren auch die Behörden, die für den Hartplatz nebenan, wo früher der Stadionrasen lag, die Belegung koordinieren. Das Interesse an diesem Platz sei gross, sagt Kuno Gurtner von der städtischen Liegenschaftenverwaltung. Die Nutzung soll aber möglichst die ganze Bandbreite abdecken und immer öffentlich sein. So machten auf dem grossen leeren Platz jüngst Fahrende halt, nun findet zum ersten Mal das Rockfestival Wasteland statt, danach folgt ein Foodfestival. Im Herbst 2018 gastiert hier wiederum der Cirque du Soleil.

Mit diesen Events hat der Verein Stadionbrache nichts zu tun, Stadt und Verein sprechen sich bezüglich Planung aber ab. Auch in Bezug auf die Zukunft tauschen sie sich aus. Beide Seiten wissen: Im November 2018 kommt voraussichtlich der Baurechtsvertrag vors Volk. Danach ist auch klar, ob 2021 tatsächlich auf dem Hardturm Fussball vor Tausenden Zuschauern gespielt werden kann. Ob es da unmittelbar daneben eine stille, entschleunigte Oase verträgt, ist höchst ungewiss. Sicher ist aber, dass bis dahin die Mönchsgrasmücke, dieser freundliche Vogel, die Magie des Ortes besingen wird.

Veranstaltungen auf der Stadionbrache

Wasteland-Fest

Wie klingt die Hardturmbrache? Zumindest an diesem Samstag laut und ungezähmt. Denn die Organisatoren dieses eintägigen Festivals haben neun Bands eingeladen, die die Stromgitarren hart anschlagen. Darunter finden sich die schwedischen Dead Lord, die ihren haupthaarverwehenden Hardrock als Headliner präsentieren, oder Reverend Beat-Mans The Monsters, deren Garage-Trash-Rock-’n’-Roll auch nach über 30 Jahren im Geschäft noch nichts an Dringlichkeit verloren hat. Und gleich zum Auftakt gibts die Zürcher Stonerrockfraktion Joules zu bestaunen. Wem das zu gewaltig sein sollte, kann sich im eigens aufgebauten Zirkuszelt ausruhen. Übrigens: Kinder sind herzlich willkommen. (bsa)

Sa 24.6.
www.wastelandfest.ch
Ab 14 Uhr
38 Franken

Streetfood-Festival

Der Hardturm war einst ein böser Ort: Zu essen gab es nur Bratwürste oder Hamburger, und der FCZ bekam von GC so oft auf den Deckel, dass man seinen sympathischen Präsidenten Sven Hotz am liebsten in den Arm genommen und getröstet hätte. Am Food Truck Special des Streetfood-Festivals gibts nun aber wenigstens kulinarische Höhenflüge. Mit Luma-Burgern, Teigtaschen von Wesley’s Kitchen, 65-Stunden-Cider-Steaks, den Spiessli vom Sandgrill von Jungle Kitchen oder den NY-Style-Sandwiches von J. Kinski aus Berlin. Und weil ein Fest ohne Zuckerwatte kein richtiges Fest ist, machen die Cotton Buds, eine ehemalige Kellnerin aus Irland und ein Sushikoch aus Japan, so richtig bunte und grosse Zuckerwatte – oder korrekt ausgedrückt: Cotton-Candy-Kunst. (ak)

Do 29.6. bis So 9.7.
www.street-food-festival.ch
Mo–Fr, 17–24 Uhr, Sa 11–24 Uhr, So 11–22 Uhr
Eintritt frei (Züritipp)

Erstellt: 21.06.2017, 16:35 Uhr

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