«Die Vergangenheit ist Teil unserer Kultur»

Das neue Festival «Kibbut Zürich» will Zürich die jüdische Kultur näherbringen. Weshalb es das braucht und warum sich das wie ein bittersüsser Sieg anfühlt, erzählen die Initiantinnen im Gespräch.

Aviva Gottheil (l.) und Annette Kremer wollen Zürich zeigen, dass die jüdische Kultur mehr zu bieten hat als Synagogen.

Aviva Gottheil (l.) und Annette Kremer wollen Zürich zeigen, dass die jüdische Kultur mehr zu bieten hat als Synagogen. Bild: Doris Fanconi

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In diesen Tagen feiert Israel seinen 70. Geburtstag. Ist es Zufall oder Absicht, dass das Festival genau zu diesem Zeitpunkt stattfindet?
Beide: Das war Zufall!

Sie betonen, dass Kibbut Zürich ein kulturelle und keine religiöse Veranstaltung ist. Kann man die jüdische Kultur strikt von der Religion trennen?
Annette Kremer: Die Trennung ist tatsächlich nicht einfach – aber wir versuchen es. Wir haben uns entschieden, auch am Schabbat (dem jüdischen Ruhetag, Anm. d. Red.) Veranstaltungen durchzuführen, um nicht jüdischen Menschen zu zeigen, dass es im Judentum eine Vielfalt gibt, und jeder selbst wählt, was er am Samstag tun möchte.

Ein Programmblock wird auch in der evangelisch-reformierten Hard-Kirche stattfinden.
Aviva Gottheil: Genau. Wir wollen das Festival für ein breites Publikum öffnen und niemanden aufgrund seines Glaubens – oder seiner nicht vorhandenen Religion – ausschliessen.

Es gibt viele erfolgreiche jüdische Intellektuelle und Künstler, Israel gilt als vielfältige Kulturnation. Weshalb ist die jüdische Kultur so divers?
A. K.: Oh, da gibt es eine sehr einfache Antwort. Aufgrund der Geschehnisse in der Vergangenheit sind wir Juden auf der ganzen Welt verteilt. Jeder ist also anderen Einflüssen ausgesetzt, diese wiederum fliessen in die Kunstwerke und in die Kultur ein. So entsteht die grosse Vielfalt, welche die jüdische Kultur auszeichnet.

Wie politisch ist die jüdische Kultur?
A. K.: Nun ja, langsam gibt es immer mehr politische Werke. Das ist eine Tendenz, die es vielleicht seit etwa fünf Jahren gibt und die sich vor allem im israelischen Film und Theater zeigt. Die Zensur solcher Werke empfinde ich als die falsche Herangehensweise; jeder sollte sagen können, was er denkt.
A. G.: Genau. Aber Kibbut Zürich ist kein politisches Festival, wir haben keine kritischen Stücke im Programm.

Weshalb nicht?
A. K.: Wie gesagt, wir haben nicht die Absicht, einzelne Meinungen ein- oder auszuschliessen. Trotzdem beziehen wir durchaus Stellung. Wir zeigen etwa ein Stück von zeitgenössischen Tänzern, die schwul sind. Homosexuelle werden im orthodoxen Judentum nicht akzeptiert, mir ist es aber wichtig, zu zeigen, dass auch sie Teil der jüdischen Kultur sind und tolle Kunst machen.

Fehlt es in der Schweiz an Kenntnis und Verständnis für die jüdische Kultur, oder weshalb braucht es ein Festival, das sich ausschliesslich mit dieser befasst?
A. K.: Die meisten Veranstaltungen, die sich dem Judaismus widmen, haben einen starken religiösen Bezug. Das ist interessant und wichtig, aber es ist nicht alles. Wir wollten etwas Modernes machen, bei dem die Kultur im Zentrum steht. Wir möchten ein Fenster für die Stadt Zürich öffnen und zeigen, dass Judaismus mehr ist als Synagogen und Wiedikon.

In den letzten Monaten sorgten Ressentiments gegen Juden und Antisemitismus in der Kultur für Schlagzeilen. Erhoffen Sie sich durch das Festival auch mehr Toleranz?
A. K.: Es geht uns schon auch darum, Vorurteile aus dem Weg zu räumen und eben zu zeigen, dass es mehr als die jüdische Religion gibt. Ich meine, schauen Sie uns an: Man sieht uns auf den ersten Blick nicht an, dass wir Jüdinnen sind.

Im Herbst findet ebenfalls zum ersten Mal die Jüdische Kulturwoche Zürich statt.
A. G.: Wir haben erst davon erfahren, als wir bereits das Programm zusammengestellt und den Ticketverkauf gestartet hatten. Aber ich bin ja der Meinung, je mehr Festivals und Veranstaltungen es gibt, die die jüdische Kultur präsentieren, desto besser.

Es gibt also keine Konkurrenz zwischen den beiden Festivals?
A. G.: Nein. Ich bin überzeugt, dass es für alle Platz hat. Und es gibt genügend spannende jüdische Kultur, die man präsentieren kann.
A. K.: Zudem sind die Konzepte und somit auch das Zielpublikum der beiden Festivals komplett verschieden. Der einzige Wettbewerb, den es gibt, ist der um Sponsorengelder. Aber auch da: Weil wir so unterschiedlich sind, konnten sich die Organisationen aussuchen, wer besser zu ihnen passt und wen sie unterstützen wollen.
A. G.: Letztlich möchten wir doch alle dasselbe: die Vielfalt der jüdischen Kultur zeigen.

Dieses Jahr kommen zu dem bereits bestehenden Tag des jüdischen Buches und dem Filmfestival Yesh! nun zwei neue jüdische Kulturfestivals nach Zürich, seit einigen Jahren gibt es zudem das Musikfestival Mizmorim in Basel. Wie erklären Sie sich diesen Boom?
A. G.: Gute Frage . . . Ich weiss es nicht.

Keine Vermutung, weshalb diese Kulturfestivals nicht vor zehn Jahren initiiert wurden?
A. K.: Nein. Theoretisch wären alle diese Veranstaltungen auch schon früher möglich gewesen. Und es stehen Menschen verschiedenen Alters hinter den Festivals, eine Generationenfrage kann es also nicht sein.

In der jüdischen Kultur scheint die Vergangenheit besonders präsent. Sie organisieren im Rahmen eines Kulturfestivals einen Vortrag über den Holocaust. Weshalb?
A. K.: Ich habe mir sehr, sehr lange überlegt, ob wir eine solche Veranstaltung machen sollen oder nicht. Am Ende habe ich mich dafür entschieden, weil der Holocaust Teil unsererKultur ist und wir nie vergessen dürfen, was damals passiert ist.

Die deutsch-jüdische Autorin Linda Rachel Sabiers sagte in einem Interview, dass viele Juden einen angeborenen Weltschmerz hätten und dass das Trauma der Schoah vererbt werde. Was sagen Sie dazu?
A. G.: Ich glaube, das starke Bewusstsein unserer Vergangenheit ist in uns allen, deren Angehörige fliehen mussten oder ermordet wurden. Doch der Umgang mit dieser Vergangenheit und seiner Familiengeschichte ist bei allen ein anderer. Dass sich aber etwa ein jüdischer Künstler irgendwann in seinem Schaffen damit auseinandersetzt, scheint mir sehr wahrscheinlich.
A. K.: Jemand versuchte, uns als Volk auszulöschen. Doch all diese Projekte, die sich heute mit der jüdischen Kultur befassen, sind ein Beweis dafür, dass es uns noch immer gibt. Dass wir als Volk leben, dass die jüdische Kultur lebt. Obwohl wir Angehörige verloren haben und das nie einfach sein wird für uns, fühlt sich diese Präsenz manchmal wie ein kleiner, bittersüsser Sieg an.

Mi 23. bis So 27.5.
Diverse Orte
www.kibbutzurich.ch Einzeleintritt 15-43 Franken, Festival 335/296 Franken

Erstellt: 16.05.2018, 12:54 Uhr

Die Initiantinnen

Aviva Gottheil (37) und Annette Kremer (39) lernten sich beim israelischen Volkstanz kennen. Kremer ist Präsidentin von Kibbut Zürich und Inhaberin einer Eventagentur im Kulturbereich, Gottheil arbeitet in der PR-Branche und ist Co-Präsidentin des Festivals. Beide leben in Zürich.

Kibbut Zürich

Das Festival ist das erste seiner Art in Zürich. Die Initiantinnen Annette Kremer und Aviva Gottheil bezeichnen es als «Jewish Arts Festival». Es vereint verschiedene Kultursparten: Tanz, Theater, Film, Musik und Kunst. Im Programm finden sich etwa Tanzworkshops für Kinder und Vorträge über hebräische Schriftzeichen in der Kunst für Erwachsene. Alle eingeladenen Künstler und Kulturschaffenden sind jüdisch, stammen aber nicht ausschliesslich aus Israel. In 13 Veranstaltungen verteilt über fünf Tage versucht das Festival einem breiten Publikum die jüdische Kultur näherzubringen. Das Festival ist nicht profitorientiert, es wird finanziert durch Sponsoren und den Ticketverkauf.

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