Ruhe, ihr Street-Parade-Nörgler!

Pünktlich zum Technofest sind sie wieder zur Stelle: Die Nörgler, die der Stadt die Street Parade missgönnen. Warum die Spassbremsen falschliegen.

Ein bisschen buntes Chaos tut dieser Stadt gut.

Ein bisschen buntes Chaos tut dieser Stadt gut.

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Sie kommen: Früh die Italiener im vollbepackten Kleinauto; die Deutschen auffallend oft per Zug, die Franzosen in Vierergruppen von Basel her. Morgen rollen dann noch die Aargauer einzeln heran, die Welschen trudeln zum Schluss in grossen Gruppen ein, irgendwie.

Der Aufmarsch zur 26. Street Parade folgt einem scheinbar allseits akzeptierten Zeitprotokoll. Campiert wird wild am Mythenquai, gefeiert überall. Zu den Traditionen des Technofestes rund ums Zürcher Seebecken gehört aber auch die alljährlich wiederkehrende Nörgelei der Einheimischen. Der Massenanlass ist ein einfaches Ziel: Bei einer Teilnehmerzahl von rund einer Million ist das Geschmacksniveau radikal nivelliert, für die 22 Love-Mobiles gilt das Gleiche. Und dann ist da natürlich noch der sichtbare Beweis für die Verdorbenheit der Street Parade: der Dreck. Knapp 100 Tonnen Abfall produzieren die Partypeople.

Wer also das grosse Fest der einfallenden Horden kritisiert, geht kein persönliches Risiko ein. Mehr noch: positioniert sich als kritischer Zeitgenosse, der sich geschmackssicher dem Mainstream widersetzt. Diese selbsterhöhende Selbstsicherheit ist ein Trugschluss. Denn: Ein Bashing der Street Parade zeugt eher von geistiger Bequemlichkeit und Unwissen.

Denn bei allem Trash, den die Street Parade produziert, ist der Anlass immer noch Ausdruck einer Musikrichtung, die einst in kleinen Kellergewölben von bunten Vögeln, Schwulen und Outsidern kreiert wurde. Viel ist vom Gründergeist nicht übrig geblieben, zugegeben. Aber das ist der Lauf der Dinge. Zudem werden die Street-Parade-Macher mit einer Anpassung ans Musikkonzept den Anspruch auf Qualität in diesem Jahr erhöhen. So anspruchsvoll hat ein Anlass dieser Grösse noch nie geklungen.

Das veränderte Musikkonzept dürfte die Nörgler aber nicht verstummen lassen. Denn Hauptkritikpunkt ist wohl nicht die Musik, sondern die raumgreifende Grösse. Die Street Parade hat die Innenstadt im Griff. Das ist so. Und das ist auch gut so. Denn der Stadt mit ihren Banken und dörflich geprägten Quartieren tut ein bisschen buntes Chaos zuweilen gut. Der repetitive Zürcher Rhythmus der Selbstgefälligkeit wird mit etwas Bumm-Bumm vom See durchbrochen. Dinge geraten an diesem Wochenende durcheinander, ordnen sich neu – nur um dann am Montag wieder an ihrem altbekannten Ort zu stehen. Ein multinationales, fröhliches, weitgehend friedliches Fest darf man den Spassbremsen einmal im Jahr zumuten, oder?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 15:14 Uhr

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