Christian Eggers neue Höhle

Der legendäre Wirt hat sich mit seinem neuen Restaurant Schiwago in Wiedikon niedergelassen. Er kocht dort seine Klassiker – und Heuschrecken.

Christian Egger hat alles handverlesen – auch die Plastiktischtücher.

Christian Egger hat alles handverlesen – auch die Plastiktischtücher. Bild: Reto Oeschger

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Christian Egger pflegt eine währschafte Küche und portioniert sehr grosszügig. Das erzählt jeder, der den Tessinerkeller, seine legendäre Beiz im Kreis 4, gekannt hat. Als das Lokal 2011 abgerissen wurde, zog es Egger ins Grüntal in Wipkingen. Nach einer längeren Pause wirkt er seit diesem Spätsommer im Kreis 3, wo er im ehemaligen libanesischen Restaurant Palme de Beirut das Schiwago eröffnet hat.

Dort kann man seine Klassiker wie Moules et Frites (35 Fr.), Cordon bleu (35 Fr.) oder Kalbskutteln (30 Fr.) bestellen, und eine kleine Auswahl an offenen Weinen ergänzt die Karte: aktuell ein Albariño Rias Baixas (8 Fr. / Glas), ein Rioja Aurelio (6 Fr.) oder ein Amarone Terre di Verona (8 Fr.).

Weil wir in den goldenen Zeiten des Tessinerkellers noch zu jung für die Szenegastronomie waren und es uns während Eggers Wirkzeiten nicht nach Wipkingen zog, können wir nicht beurteilen, ob die Küche im Schiwago besser oder schlechter ist als ­früher. Dass da aber einer immer noch mit Herzblut kocht, ist unverkennbar und spürt man vor allem beim gezielten Einsatz der Gewürze.

So werden die luftigen, mit Mais und Rüebli gefüllten Vegi-Capuns (35 Fr.) von einem Gemüse-Arrangement aus Rüebli und Cima di Rapa begleitet, das mit etwas Chnobli und Chili abgeschmeckt ist. Das Rotkraut, welches ein formidables Wildsauragout (35 Fr.) begleitet, enthält die asiatische Five-Spice-Gewürzmischung.

Das Schiwago wartet mit origineller Einrichtung auf. Bild: Reto Oeschger

Asiatisch angehaucht ist auch der ­Kyoto-Salat (15 Fr.): Neben der japanischen Alge Wakame gehören auch Randen, Melone, Chicoréesalat, in Rosenwasser eingelegter Ingwer sowie Heuschrecken zu diesem wilden Salatensemble. Die Insekten, in Sojasauce frittiert, schmecken würzig und machen überraschend viel Freude. Wir schlingen sie herunter, als würden wir das jeden Tag tun, worauf wir von unseren Tischnachbarn bewundernde Blicke zugeworfen bekommen.

Angeheizt von den Heuschrecken, setzen wir auch beim Dessert auf Neues: Wir wählen eine Tonkabohnen-Panna-cotta (9 Fr.) aus dem gleichnamigen tropischen Trendgewürz. Die Portion im Glas ist für unseren Geschmack zu flüssig und zu süss; der süssherbe Geschmack der Tonkabohne aber gut wahrnehmbar.

Wie die anderen Gäste bleiben wir nach dem Essen lange höckeln. Denn das Schiwago bietet nicht nur Kalorien zu moderaten Preisen, son­dern auch ein heimeliges Wohlgefühl. Die dicht eingerichtete Wunderkammer sieht so so aus, als existierte sie seit Jahrzehnten.

Unzählige Bilder mit asiatischen Motiven, Geweihe, ein mit Leopardenstoff eingefasster Glaskasten mit Parfümflacons, alte Pepsi-Cola-Schilder und verschiedene Schreine und Plastiktischtücher mit sehr eigenwilligen Mustern kämpfen um unsere Aufmerksamkeit. So schnell wollen wir nicht mehr raus aus dieser Höhle.

Schiwago Bertastr. 76
8003 Zürich
Tel. 044 241 22
www.levante.ch

Öffnungszeiten Di–Sa 17–23 Uhr

Preise Vorspeisen 9–15 Franken, Hauptspeisen 35–40 Franken (Nur Barzahlung möglich!) Ab Mitte Januar findet im Schiwago Eggers bekannte Metzgete statt

(Züritipp)

Erstellt: 12.12.2018, 17:26 Uhr

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