Das Grünzeug muss weg

Es gibt derzeit kaum ein Gericht, das nicht von Keimlingen und Sprossen übersät ist. Eine Polemik.

Es gibt kein Halten: Selbst vor herzhaften Fleischgerichten machen die Sprossen nicht halt.

Es gibt kein Halten: Selbst vor herzhaften Fleischgerichten machen die Sprossen nicht halt.

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Kürzlich habe ich in einem Lokal Spaghetti bolognese bestellt. Dass sie verkocht waren: Geschenkt, es war kein italienisches Restaurant. Viel mehr nervte der Büschel Kresse auf der Sauce, den ich als Erstes wegräumen musste.

Das Grünzeug war bei diesem Gericht völlig fehl am Platz. Nicht nur Kresse, auch andere Sprossen und Keimlinge in grünen und violetten Farben mit seltsamen Namen wie Alfalfa oder Mungobohnen bevölkern derzeit die Teller. Ob als Garnitur beim Tatar, auf dem Bündnerfleischplättli, in Sandwiches, im Burger oder im Salat: Es scheint, als sei eine neue Welle ausgebrochen. Die letzte, an die ich mich erinnere, endete vor acht Jahren in Norddeutschland mit einem Lebensmittelskandal. Damals hat vermutlich Sprossengemüse die Darmepidemie Ehec ausgelöst, was dazu führte, dass dieser Markt völlig einbrach.

Jeder nach seinem Geschmack

Längst hat der Wind wieder gedreht: Selber Pflanzen ziehen ist wieder angesagt; ebenfalls erfreut sich die vegetarische und vegane Küche immer grösserer Beliebtheit. Also passen die Sämlinge, die sich selber ziehen lassen, bestens zum Zeitgeist. Von mir aus können sich Anhänger der Rohkost zu Hause mit diesem ach so gesunden und ballastreichen «Super- und Vitalfood» vollstopfen, wie sie wollen.

Ich muss das ja nicht essen. Wenn mir das Grünkraut aber im Restaurant aufgedrängt wird, habe ich damit meine liebe Mühe. Zumindest kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass Sämlinge eine billige Lösung sind, um einem Gericht auf die Schnelle etwas Grünes und Gesundes zu verleihen. Anders gesagt: Je mehr Sprossen, desto weniger Fantasie hat der Koch. Ich weiss nicht, wie viel Salate ich schon von solchen Grünzeughaufen befreien musste.

Am Ende für die Tonne

Nicht selten blieben danach nur noch eine Tomate und zwei, drei Blätter Kopfsalat übrig. Sind wir doch ehrlich: Sprossen sind unnötiges Auffüllmaterial. Es kommt auch vor, dass diese als «Beilagen» bei Fleischgerichten eingesetzt werden. Ist es denn zu viel verlangt, eine hübsche Garnitur aus frischem Salat oder Gemüse anzubieten?

Ich bin auch nicht davon überzeugt, das Sämlinge ein Gericht geschmacklich in neue Sphären heben. Oftmals viel zu intensiv und würzig, sind sie in den seltensten Fällen passend. Frische, klein geschnittene Kräuter passen da oftmals besser. Besser auch als die essbaren Blüten, die seit diesem Frühling ähnlich wie die Sprossen auf immer mehr Tellern zur Schau gestellt werden. Sie sehen zwar hübsch aus und machen sich gut auf Foodblogs und auf Insta­gram. Wirklich besser wird damit die Suppe aber auch nicht. Wie sehne ich mich nach dem guten alten Peterli zurück! Sein Geschmack ist unschlag­bar, und das Kraut unterstützt erst noch die Verdauung.

(Züritipp)

Erstellt: 12.06.2019, 18:09 Uhr

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