Ein Bier kommt selten allein

Die Bankenstadt Zürich entwickelt sich immer mehr auch zur Bierstadt. Dank engagierter Beizer und Läden mit beeindruckender Auswahl.

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Mit der Bestellung «Es Bier, bitte!» kommt man im Alehouse nicht weit. Im Lokal an der Universitätstrasse – im April eröffnet – werden 20 verschiedene Sorten ab Zapfhahn ausgeschenkt. Entweder man lässt da den Würfel mit den 20 Seiten entscheiden, was man trinken soll. Oder man bittet das Personal um Hilfe: Hinter dem Tresen stehen fachkundige Mitarbeiter, die das Getränk aus Hopfen und Malz lieben – und die problemlos Auskunft darüber geben können, was etwa ein Selassie von der Stockholmer Brauerei Omnipollo ausmacht. Es handelt sich um ein Coffee Vanilla Imperial Stout, das so intensiv schmeckt, dass man mit dem Genuss bis zum Ende des Abends warten sollte. Nach dem schokoladigen, mit 11 Prozent Alkohol eher hochtourigen dunklen Bier ist der Gaumen, trotz des enthaltenen Kaffees, ziemlich müde.

Hinter dem Alehouse steht plus/minus die gleiche Crew, die seit 2014 gleich zwei Türen weiter den empfehlenswerten, bestens bestückten Shop Beers ’n’ More führt. Als für die Schankstube, die früher Palmhof hiess, nach neuen Gastgebern gesucht wurde, witterten die Jungs ihre grosse Chance. Mit den Liegenschaftsbesitzern – einer Stiftung, die der Studentenverbindung Welfen nahesteht – einigten sie sich schnell. Unter der Bedingung, dass das Bier vom Zapfhahn 1 bei den Welfen-Treffen jeweils am Dienstagabend für die Damen und Herren mit den roten Mützen zum Vorzugspreis erhältlich ist.

Zapfanlage für 30'000 Franken

Womit die eindrückliche Zapfanlage ins Zentrum des Interesses rückt: ein veritabler Rolls-Royce, den sich die Gastgeber 30'000 Franken kosten liessen. Immer wieder besuchen Gastronomen und Vertreter der Bierbranche das Lokal im Hochschulquartier, nur um diese Maschine italienischen Fabrikats unter die Lupe zu nehmen. Sie ermöglicht es, verschiedene Biersorten gruppenweise in drei unterschiedlichen Temperaturen anzubieten. Der Kohlensäureausstoss ist sogar für jeden Zapfhahn einzeln regulierbar. Und fast noch erstaunlicher: Das Gerät ist online – auf der Website des Alehouse lässt sich jederzeit, allerorts abrufen, welche Brauereierzeugnisse aktuell angehängt sind.

Damit man als Gast beim – analogen– Besuch möglichst viele Biertypen degustieren kann, empfiehlt es sich, für 15 Franken vier kleine Humpen à 1,25 Dezi zu bestellen. Sein persönliches Degu-Brett kann man sich selber zusammenstellen. Wieso kein Double IPA Phantasmagoria von Prairie Artisan Ales aus Oklahoma (USA) versuchen? Dazu ein Brew By Numbers aus London mit geräuchertem Weizen? Oder doch den Würfel entscheiden lassen?

Trend in Richtung Spezialitäten

Dass sich ein Lokal der Biervielfalt verpflichtet, ist dem Zeitgeist geschuldet: Zwar ist der Schweizer Pro-Kopf-Konsum seit 1990 von etwas über 70 Litern auf 54,4 Liter (2016) gesunken – aber der Trend geht deutlich in Richtung Spezialitäten. Seit Jahren steigt der Anteil von aromatischen Brauereierzeugnissen wie Stout, Amber- und Zwickelbier; dies zwar langsam, aber stetig. Inzwischen machen diese Spezialitäten 13,3 Prozent des Marktes aus; längst sind es also nicht mehr nur Hipster, die an einem India Pale Ale nuckeln. Gut zu sehen ist dies auch an den Craft-Beer-Festivals, die regelmässig in Zürich stattfinden und immer gut besucht sind. Luft nach oben, dies muss der Vollständigkeit halber gesagt werden, haben die Verfechter der Biervielfalt allerdings noch genug: Noch immer sind drei von vier getrunkenen Bieren im Lager-Stil, das profane Allerweltsbier bleibt also die Nummer 1.

Über die Einrichtung des Alehouse braucht man nicht viele Worte zu verlieren: Die Wände des Hauptraums sind goldgelb gestrichen, inklusive eines weissen Randes oben – genau, das schaut dann aus wie ein frisch gezapftes Helles. Bilder oder Leuchtreklamen? Fehlanzeige, der Raum ist bis jetzt praktisch ungeschmückt: «Für die Atmosphäre sorgen die Gäste», heisst es seitens der Gastgeber. Was trotzdem auffällt, sind die eindrücklich-massiven Holztische, an denen es sich wunderbar diskutieren, probieren und neuerdings sogar essen lässt.

Essen im Bierlokal? Aber sicher! Das Team wurde dafür durch einen Koch aus Frankreich ergänzt. Und der hat für das Alehouse eigens eine Entenleberzubereitung entwickelt, die er mit Bier aromatisiert. Bestellt wird diese Vorspeise jedoch eher selten; viel beliebter sind die hausgemachten, dreifach frittierten Pommes frites (9 Fr.). Die haben sich in kürzester Zeit einen Namen weit übers Quartier hinaus gemacht: Wunderbar knusprig, tiefbraun und eher kleinformatig sind sie. Je nach Wunsch werden sie mit Mayonnaise, Ketchup oder leicht scharfer Cocktailsauce serviert. Wer will, bestellt sich dazu einen Hamburger aus edlem Black-Angus-Beef. Der hat zwar seinen Preis (26 Fr. inkl. Pommes frites), angesichts der Herzhaftigkeit und Saftigkeit des Fleischs scheint das aber gerechtfertigt. Empfohlen wird dazu beim Testbesuch ein fruchtig-herbes India Pale Ale (IPA) aus Italien.

Dass inzwischen vielerorts neben der profanen Stange und dem obligaten Weizenbier wenigstens ein IPA bestellt werden kann – es ist ein Segen für Bierfreunde. Und die freuen sich nicht zuletzt darüber, dass das Alehouse die Zürcher Bierlandschaft noch um einen grossen Zacken vielfältiger gemacht hat.

Alehouse
Universitätstr. 23
8006 Zürich
www.alehouse.ch

Andere Bier-Adressen

Eldorado
101 Biere gibt es in dieser gemütlichen Bar. Und auf der Website sind über 130 Menschen namentlich erwähnt, die alle Sorten schon getrunken haben. Video anschauen!
Limmatstr. 109 www.eldorado-zh.ch

Grain
Exklusiv erhältlich: die Craft-Biere der Bachweg-Brewery in Edlibach ZG. Dazu gibts noch ein paar andere Marken ab Zapfhahn. Zürichbergstr. 71 www.grain.ch

Polibar
Schmucke Bar im Kreis 3. Es sind zwar nur drei gezapfte Biere erhältlich, aber Barkeeper Micke hat stets einige schöne Flaschen parat, die der Biergeniesser noch nicht kennt. Eine weitere Attraktion ist der Töggelikasten. Gertrudstr. 50 www.polibar.ch

The International
Fürs Bier nach dem Film im Riffraff. Es kann im aquariumartigen Lokal allerdings sehr eng werden. Regelmässig stellen hier Brauer aus aller Welt ihre Erzeugnisse vor. Konsequent: Es gibt weder Wein- noch Cocktailkarte! Luisenstr. 7 www.theinternational.ch

Fork & Bottle
An der Hündelermeile Allmend gelegen, führt dieses Lokal mit grosszügigem Garten rund siebzig Flaschenbiere im Angebot – wenn auch zu eher hohen Preisen. Speziell: Hier bekommt man zum English Breakfast am Wochenende Frühstücksbiere empfohlen.
Allmendstr. 20 www.forkandbottle.ch

Ziegelhütte
Hinspazieren macht Durst! Angezapft ist im Schwamendinger Lokal das Zürcher Bier Sprint; noch viel attraktiver ist jedoch die saisonal wechselnde Bierkarte mit einem Dutzend liebevoll ausgesuchter Spezialitäten. Faire Preise. Hüttenkopfstr. 70 www.wirtschaft-ziegelhuette.ch

(Zueritipp)

Erstellt: 12.07.2017, 17:55 Uhr

Bier kaufen

Beers ’n’ more
Die Shopbetreiber, die auch das Alehouse in der Nähe führen, importieren viele Biere exklusiv. Die Beratung ist ?tadellos und hingebungsvoll. Mo–Sa bis in den Abend hinein geöffnet.
Universitätstr. 25 www.beersnmore.ch

Drinks of the World
Toll sind hier neben den über 500 Bieren (geordnet nach Herkunft) die unvergleichlichen Betriebszeiten: Täglich von 9 bis 22 Uhr ist der Shop offen – und zieht reihenweise Biertrinker an. Weitere Filiale am Bahnhof Oerlikon.
Hauptbahnhof www.beerworld.ch

Intercomestibles
Der als Kollektiv organisierte Gastro­zulieferer verkauft seine Spezialitäten im Kreis 4 auch an Private: Über 500 Sorten und Gimmicks aus der Welt des Biers.
www.laden.intercomestibles.ch

Paul Ullrich
In erster Linie zwar ein Weingeschäft, doch die Bierauswahl kann sich ebenfalls sehen lassen.
Talacker 30 www.ullrich.ch

Bier erkennen

Lager
Die weltweit am meisten getrunkene Bier­sorte, bei uns oft serviert als Stange. Mild gehopft, goldene Farbe, zwischen 4,5 und 5,4 % Vol.

IPA
Steht für India Pale Ale, ist sehr stark gehopft und bitter. Wichtigster Stil für die Craft-Beer-Bewegung, zwischen 5 und 6,8 % Vol.

Amber
In der Schweiz spricht man bei bernstein­farbenen Sorten von Amber. Malz-, Caramel- oder Brotaromen, zwischen 4,5 und 5,4 % Vol.

Stout/Porter/Schwarzbier
Tiefschwarze Biere, bei denen die Röstaromen dominieren. In der Regel ist Porter leichter als Stout, dessen bekanntester Vertreter das klassische Guinness ist.

Weizenbier
Hoher Anteil an Weizenmalz, häufig Bananen- oder Nelkenaromen in der Nase. Sehr spritziger Stil, zwischen 4,6 und 5,6 % Vol. Andere Namen: Hefeweizen oder Weissbier.

Trappistenbiere
Diese Biere unterschiedlicher Stilistik sind im Kloster gebraut, kommen flaschengereift, meist dunkel, alkoholstark und aromatisch auf den Markt.

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