Warum ich Weihnachtsmärkte hasse

Besinnlich und stimmungsvoll? Im Gegenteil! Vor den Festtagen kommt erst einmal die Vorhölle für die Sinnesorgane.

Und nach dem Glühwein noch einen Marzipanlikör? Auf dem Weihnachtsmarkt ist fast alles möglich. Bild: iStock.

Und nach dem Glühwein noch einen Marzipanlikör? Auf dem Weihnachtsmarkt ist fast alles möglich. Bild: iStock.

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Es ist bittere Ironie, dass sich ausgerechnet vor dem Fest der Liebe die Büchse der Pandora über Zürich öffnet und die Stadt mit nach Zimt, Käse und Räuchermännchen stinkenden, wild blinkenden Ansammlungen von Bretterbuden geisselt. «Weihnachtsmarkt» oder «Weihnachtsdorf» lauten die gängigen Euphemismen für diese Heimsuchungen, «Fondue-Favelas» wäre die ehrlichere Bezeichnung.

Ziel dieser sinisteren Einrichtungen ist es, die Besucher dergestalt abzustumpfen, dass sie nicht nur literweise mit Zucker und Gewürzen gepanschten Schrottwein aus Plastikbechern oder affig dekorierten Tassen trinken, sondern sich auch mit klebrigen Süssigkeiten, Bratwürsten und natürlich Fondue den Bauch vollschlagen, bis es gar nicht mehr darauf ankommt, ob sie auch noch einen Marzipanlikör hinten nachschütten. Was auf Weihnachtsmärkten angeboten wird, ist essbarer Kitsch und kulinarische Heimattümelei. Daran ändern auch fettige Krapfen mit exotischen Füllungen und in Metallwannen lauernde Nudelgerichte mit Bambussprossen nichts.

Zudem herrscht zwischen den Bretterhütten mit ihren Plastiktannenzweigen und nervösen Lämpchen ein Gewusel und Gedränge, dass man niemals in Frieden essen oder trinken kann. Wenn man denn etwas Manierliches findet, was mit einiger Verbissenheit durchaus möglich sein soll. Über den Flammlachs auf dem Sechseläutenplatz habe ich wiederholt Gutes gehört, den Stand aus den eingangs erwähnten Gründen selbst aber nie besucht. Mit Sitzen ist es ohnehin nichts, man steht sich die eiskalten Füsse in den Bauch. Reicht es denn nicht, dass Heerscharen von jungen Männern jedes Jahr während der Rekrutenschule in der Kälte draussen herumstehen müssen?

Natürlich beschränken sich die auf Weihnachtsmärkten feilgebotenen Schauerlichkeiten nicht aufs Kulinarische. Zu haben sind auch vollkommen nutzlose Figürchen, die aussehen wie Kreuzungen aus Gremlins und Häkeldecken, Geschirr, das selbst in einer Haushaltswarenhandlung für Orks und Steintrolle liegen bleiben würde, oder Duftkerzen, die es in Sachen Penetranz beinahe mit den entsetzlichen Räuchermännchen aufnehmen können.

Bei einem Recherchespaziergang über einen Weihnachtsmarkt sah ich ausserdem die folgenden Absurditäten: Fliegenklatschen mit Holzgriff, Lederaufsatz und bekannten Sprüchen (morituri te salutant, zu Deutsch: die Todgeweihten grüssen dich), herausfordernd esoterische Salzkristall-Lampen, sogenannte Feenlichter und ätherische Öle, um die an ebendiese seltsamen Feenlichter erinnernde Figuren gruppiert sind, um die ach so zauberhafte Wirkung zu unterstreichen. Was, ausser davonrennen, soll man da tun?

Natürlich sind Weihnachtsmärkte meist dort positioniert, wo sie am meisten stören. Im Hauptbahnhof zum Beispiel, wo der bedauernswerte Engel von Niki de Saint Phalle in der grossen Halle nach dem Ende des Oktoberfests gleich mit dem nächsten Inferno konfrontiert wurde. Einfach die Bahnhofshalle vollzustellen, das genügte nicht. Auch das Shop-Ville hat unter dem weihnachtlichen Besinnlichkeits- und Feierlichkeitsfuror zu leiden.

Die wichtige Achse, die von den Bahnhofstrasse-Rolltreppen zu den Gleisen 21 und 22 führt, ist wie einst die Stadt Berlin in zwei Sektoren geteilt. Wer sich beim chinesischen Imbiss links einreiht, muss eine halbe Ewigkeit lang warten, bis er oder sie wieder nach rechts kann, wer auf der rechten Seite Besorgungen in einem der Läden macht, kommt nicht mehr innert nützlicher Frist nach links, wo Migros und Bäckerei Buchmann liegen.

Ich freue mich jetzt schon auf den 27. Dezember, meinen ganz persönlichen Tag der Erlösung.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.12.2017, 13:25 Uhr

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