Warum ich mein Essen nicht teile

Unsere Redaktorin kann dem Sharing-Konzept nichts abgewinnen. Eine Polemik.

Geteilte Freude ich nicht immer doppelte Freude – vor allem nicht am Tisch.

Geteilte Freude ich nicht immer doppelte Freude – vor allem nicht am Tisch. Bild: iStock

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Den Zitronenrisotto werde ich nicht vergessen. Er war sämig, schmeckte angenehm säuerlich, war perfekt al dente. Aber weil ich in einem Restaurant mit Sharing-Konzept sass, konnte ich den Risotto nicht alleine verzehren.

Bei diesem Konzept teilt man verschiedene Speisen. Und so musste ich mich mit zwei Löffeln Risotto zufriedengeben und den Rest meinen Freunden überlassen. Auch in einer Fischspeise und in einem Couscous stocherten wir im Kollektiv herum. Schlecht gelaunt, weil ich noch immer hungrig war, gönnte ich mir auf dem Nachhauseweg einen Kebab. Der war zwar keinen ­Tagebucheintrag wert, aber wenigstens wurde ich satt.

Je besser das Essen, desto gieriger werde ich

Dieses Erlebnis ist ein Jahr her, und seither wiederholt es sich alle paar Wochen: Viele neue Lokale in Zürich konzentrieren sich bei der Abendkarte aufs Teilen. Je besser das Essen ist – und es gibt viele gute Beizen, die auf dieses Prinzip setzen –, desto gieriger werde ich, und desto weniger möchte ich teilen.

Zudem machen mich die Portionen, die da jeweils aufs Mal serviert werden, konfus: Stehen die «Sharing Plates» auf dem Tisch, bin ich total überfordert und weiss nicht, wo anfangen. «Nehmt nur», kann ich dann nur noch sagen und sehe zu, wie meine ebenfalls hungrigen Mitesser die ­Gerichte vernichten.

Passt es, bei einem Konzept, das auf der Gemeinschaft aufbaut, die Ego-Schiene zu fahren?fragt sich Claudia Schmid


Natürlich könnte ich ein paar ­Portionen für mich bestellen (was in den meisten Sharing-Restaurants auch erlaubt ist). Aber passt es, bei einem Konzept, das auf der Gemeinschaft aufbaut, die Ego-Schiene zu fahren? Ich zumindest habe bisher noch niemanden gesehen, der in einem solchen Lokal alleine gegessen hat. Nachbestellen ist auch keine Alternative: Weil in Zürich selbst ein Risotto zum Teilen 20 Franken kostet, schlägt das schnell zu Buche.

Gegen das Teilen habe ich grundsätzlich nichts – in Zusammenhang mit Essen schon gar nicht. Ich liebe es, meine Begleitung im Restaurant spontan zum Dinner einzuladen. Und gibt es etwas Schöneres als eine italienische Tavolata, wo aufs Mal Pasta, Salate, Braten, Fisch und Beilagen aufgetischt werden?

Keine Option für jene, die satt werden wollen

Im Vergleich zum Zürcher Sharing-Phänomen, wo man sich zu viert ein paar Salatblätter oder ein paar Brotscheiben teilen muss, gibt es in Italien allerdings genug zu beissen. Der Trend ist deshalb symptomatisch für eine Stadt, in der immer weniger gegessen wird. Er richtet sich an jene, die mittags das Essen zugunsten des Trainings im Gym auslassen, abends in der Beiz einen grossen Salat bestellen und nach dem Essen sagen: Ich bin ja so voll. Für solche Leute mag es ­befriedigend sein, einen Abend lang mit anderen ein Stück Fladenbrot in ein Tellerchen Hummus zu tunken.

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Ich verstehe deshalb auch die Gastronomen, die zunehmend Gruppenessen konzipieren, weil sie keine Lust mehr haben, wegen dieser wachsenden Kundschaft übrig gebliebene Nahrung wegzuwerfen. Für jene, die sicher satt werden wollen und kein grosses Budget haben, ist Sharing aber keine Option.

Nicht zuletzt geht damit auch ein Stück kulinarische Leistung verloren. Das Schöne am Essen im Restaurant ist doch, dass sich jemand Zeit für eine Dramaturgie nimmt – und sei es nur in Form einer Vor- und einer Hauptspeise. Man gewinnt viele Erkenntnisse, wenn man sieht, wie ein Koch ein Vorspiel, einen Höhepunkt und einen Schluss gestaltet; wo er überrascht und wie der Service das Gebotene den Gästen übermittelt. Ein paar Schälchen auf den Tisch stellen, das kann ich auch. Mit Resten aus meinem Kühlschrank.

(Züritipp)

Erstellt: 06.07.2018, 16:53 Uhr

Extragrosse Portionen auf dem eigenen Teller

Pergola
Scaloppine di Vitello, Kalbskotelettes, Mistkratzerli und sättigende Beilagen wie Reis, frische Teigwaren mit viel Butter, Salate vom Buffet und ein stets gut gefülltes Brotkörbli: Das Pergola an der Anwandstrasse mit italienischen, portugiesischen und spanischen Spezialitäten verlässt niemand hungrig.
Kanzleistr. 121 8004 Zürich
Tel. 044 241 12 21



Chiang Mai
Im Take-away, das nicht wirklich eines ist, weil hier die meisten an Ort und Stelle essen, werden mittags jeweils fünf Menüs angeboten. Die freundlichen thailändischen Angestellten muss man manchmal fast etwas bremsen, so grosszügig füllen sie den Teller mit Reis und würzigen Pouleteintöpfen. Schmeckt es gut, darf man, ohne mit der Wimper zu zucken, um Nachschlag bitten.
Zollstr. 56 8005 Zürich
Tel. 044 271 82 52



Chianalea
«Bonu cu mangia,'nbivi e pensa u 'ngrassa» – «Glücklich ist, wer isst, trinkt und daran denkt, dick zu werden», lautet ein kalabrisches Sprichwort und das Motto von Chianalea: Fragt man nett und ist der Koch nicht im Seich, bekommt man selbst um 22 Uhr noch eine Riesenportion Pasta mit einer kräftigen, kalabrischen Wurstsauce serviert.
Brauerstr. 87 8004 Zürich
Tel. 043 534 45 17

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