Die neue Stärke der Gastrostadt Zürich

Die kulinarische Szene der Stadt blüht wie nie zuvor und setzt damit neue Trends. Food Zurich versucht, dies im In- und Ausland sichtbar zu machen.

Das Festival ist auch ein sozialer Anlass: Riesentafel am «Chuchifäscht», dem finalen Anlass von Food Zurich.

Das Festival ist auch ein sozialer Anlass: Riesentafel am «Chuchifäscht», dem finalen Anlass von Food Zurich.

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Der Name des Festivals mit Zürich ohne ü macht klar, wie sich die vierte Ausgabe positionieren möchte: international. Ein zehntätiges Happening mit über 140 Events und ein grosses Festivalzentrum beim HB-Eingang Sihlpost sollen die kulinarische Vielfalt Zürichs sichtbar machen. Dass diese grösser ist denn je, ist auch beim «Züritipp» deutlich spürbar: Täglich trudeln Einladungen für neue Restaurants, Cafés, Degustationen oder Foodwork-shops ein.

Mindestens alle zwei Wochen geht ein neues Restaurant, eine Bar oder ein Café auf. Dabei hat die Dichte an Veranstaltungen stark zugenommen. Traf sich die Cool Crowd früher zu Ladeneröffnungen, kippt sie das Cüpli heute an Beizen-Openings. Kein Wunder in einer Zeit, in der Essen gehypt wird und selbst Nati-Torwart Yann Sommer darüber bloggt.

Food-Trends aus Zürich

Einer der grössten Unterschiede zu früher, sagt Food-Zurich-Co-Leiter Simon Mouttet, sei, dass Zürich seit ein paar Jahren selbst Trends setze und «nicht mehr allem nachrennt». So legt das Kin eine eigene Interpretation der asiatischen Küche vor, Restaurants wie das Gül oder das Rosi loten unverkrampft das Potenzial einer modernen türkischen oder bayrischen Küche aus, das Lotti hat Gemütlichkeit und Unkompliziertheit neu definiert, und das Gamper setzt auf eine super- regionale, reduzierte Karte und verzichtet auf Reservationen: Wer Platz hat, hat Platz.

Solche Lokale sind genauso Vorreiter wie eine Reihe älterer Restaurants, die kürzlich von jungen Beizern übernommen wurden. Dazu gehört das Rechberg 1837, wo Carlos Navarro nur mit Produkten kocht, die im 19. Jahrhundert ­erhältlich waren, oder die Bauernschänke in der Altstadt. Das Traditionslokal wird unter anderen von Nenad Mlinarevic und Valentin Diem betrieben.

«Das sind keine 30-jährigen Träumer, die sich selbstverwirklichen wollen»Dominik Flammer

Dass mit Mlinarevic ein Spitzenkoch und mit Diem ein studierter Betriebswirtschafter die traditionsreiche Bauernschänke übernommen haben, sage viel über diese neue Generation aus, meint der in Zürich lebende Essensforscher ­Dominik Flammer: «Das sind keine 30-jährigen Träumer, die sich selbstverwirklichen wollen, sondern Leute, die Gastronomie durchaus als Business betrachten.»

Nicht nur Valentin Diem und Nenad Mlinarevic, auch Quereinsteiger wie Sami Khouri, der sich vom szenigen Pop-up-Gastronomen zum Betreiber des Les Halles und des Seerestaurants Samigo am Mythenquai hochgearbeitet hat, haben wichtige Erfahrungen bei temporären Projekten gesammelt.

Nationale Food-Hauptstadt

Erste grosse Pop-ups wie Woodfood, die vor fünf Jahren nicht nur wegen des Essens, sondern auch wegen der Inszenierung für Furore sorgten, waren so etwas wie der Lackmustest für die neue blühende Zürcher Gastroszene. Diese kommt heute so unverkrampft daher wie nie zuvor. Restaurants auf Zeit sind denn auch essenziell bei der Entwicklung Zürichs zur kulinarischen Hauptstadt der Schweiz.

Längst nicht alle dieser «jungen Wilden» Gastrounternehmer sind bei Food Zürich dabei und führen übers Jahr eigene Anlässe durch. Food Zurich, sagt Mouttet, sei allerdings auch keine Avantgarde-Veranstaltung, sondern ein «Scheinwerferanlass», der grössere und kleinere und bereits etablierte Veranstaltungen wie das Streetfood-Festival bündle.

Ohne die Vorreitergeneration um Beizer wie René Zimmermann (Restaurant Neumarkt) oder die ehemaligen Alpenrose-Betreiberinnen Katharina Sinniger und Tine Giacobbo wäre das Niveau heute wohl nicht so hoch: In einer Zeit, als noch niemand von Local Food sprach, setzten diese Gastronomen auf heimische Produkte.

«Zürich ist für mich beruflich und privat die erste Destination der Schweiz, wenn es um Gastronomie geht»Claudio del Principe

Nicht zu vergessen ist auch die Slow-Food-Youth-Szene um die Gastronomin Laura Schälchli. In diesem Umfeld sind viele neue städtische Foodunternehmer hervorgegangen, die von einem neuen kulinarischen Selbstbewusstsein zeugen. Wie die Schokoladenmanufaktur La Flor oder die Backwerkstatt von Seri Wada, der das beste Baguette der Stadt produziert. Dass viele Foodunternehmer und Beizer eine konsequente Regionaliät und Nachhaltigkeit pflegen, ist denn auch eine einmalige Stärke der Zürcher, aber auch der Schweizer Gastrozene. Solche Themen sind beim Festival stark präsent.

Zwar gibt es auch in anderen Städten anständige Beizenszenen. In Zürich ist diese aber mit Abstand am grössten. Nirgendwo sind die Gäste zudem ausgeh- und zahlungsfreudiger. Das beobachtet auch der Basler Kochbuchautor Claudio del Principe, der während der Food Zurich im Orell Füssli seine Bücher signiert. «Zürich ist für mich beruflich und privat die erste Destination der Schweiz, wenn es um Gastronomie geht.» In Basel sei alles viel unaufgeregter; die Leute weniger neugierig und spendabel.

Erklärtes Ziel der Food-Zurich-Organisatoren ist deshalb, dass Touristen Zürich wegen der Foodszene aufsuchen und sich das Bild der «Boring Banking City» endgültig auflöst. Simon Mouttet erwähnt das Wort «Boutique City», wo sämtliche Ziele zu Fuss oder mit dem ÖV erreichbar sind. Umso mehr wünscht man sich, dass der Anlass in den nächsten Jahren noch mehr eigene Anlässe wie das «Stadtgericht» oder das «Chuchifäscht» auf die Beine stellt. Die Szene hat Vorarbeit geleistet – jetzt gilt es, Pflöcke einzuschlagen.

Do 16.5. bis Sa 25.5.
mehr Infos zu den Tipps und Anmeldung via Website
www.foodzurich.ch

(Züritipp)

Erstellt: 15.05.2019, 10:05 Uhr

Unsere Tipps

BASTA-Dinner@ZIEGELHÜTTE
Das legendäre Tel Aviver Lokal Basta ist zu Gast in Schwamendingen.

23. bis 25.5., Hüttenkopfstr. 70

Sind wir bald alle Veganer?
In einem Talk sprechen Lauren Wildbolz (Veganerin) und Rolf Hiltl (Vegi-Unternehmer) über den veganen Lifestyle. Dazu gibts einen Lunch.

17.5., 12 Uhr, Festivalzentrum Europaplatz

SAC-Hüttenabende
Im Herbst weilten SAC-Hüttenwarte in Zürich, wo sie alpine Küche im Unterland auftischten. Für Food Zurich kehren sie zurück.

16. / 17. / 18. / 24. / 25.5., Restaurant 8001, Leonhardstr. 1

Ostafrikanisches Essen
Noch nie kenianische Spezialitäten gekostet? Im Restaurant zum Goldenen Fass kann man sie entdecken. Der Erlös des Dinners kommt einem Schulprojekt zugute.

16. bis 19.5., Zwinglistr.7

Zum alten Bahnhof Letten
Im Open-Air-Restaurant unter freiem Himmel finden Chris Zügers Feuerküche und Bündner Spezialitäten zusammen.

Wasserwerkstr. 95, täglich (über das Festival hinaus bis 16.6.).

Fettiges und Saures
Zwei Food-Enthusiastinnen kombinieren bei einem 6-Gänger in der Wirtschaft im Franz Fettiges aus der Schweiz mit mediterran-säuerlichen Elementen aus dem Nahen Osten.

22. und 23. 5., Bremgartnerstr. 18

Foodpairing mit Mel B.
Foodbloggerin und Künstlerin Mel B. lädt zu einem Private Dinner bei sich zu Hause und paart dabei - passend zum Motto der Food Zurich - Kunst und Essen.

Fr. 24.5., 19 Uhr.

Miss Violet's Kitchen
Wie raffiniert die persische Küche ist, zeigt Miss Violet alias Violet Kiani im Rahmen eines Essens - "family style" zum Teilen und serviert auf grossen Platten. Die Gerichte, die sie serviert, basieren auf alten Familienrezepten.

23.5., 19 Uhr. Festival Zentrum Food Zurich, Europaplatz.

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