Der schlechteste Barmann der Stadt

Servicewüste Zürich. Das Vorurteil wurde jüngst in einer trendy Bar an der Langstrasse bestätigt. Leidtragende sind aber nicht nur durstig gebliebene Gäste.

Wer mixt die Drinks? Manchmal ein unmotivierter Barmann.

Wer mixt die Drinks? Manchmal ein unmotivierter Barmann. Bild: zvg

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Samstagabend an der Langstrasse. Es ist noch zu früh für den Club und zu spät für den Znacht. Primetime für die Barbetreiber. In diesen Stunden wird viel getrunken, werden Drinks im Akkord gemixt, unablässig Bier gezapft. Kurz: Umsatz gemacht.

Nicht so in dieser kleinen Bar. Am Samstagabend um neun ist hier nicht mal die Hälfte der harten Hocker besetzt. Warum bloss? Im spärlich eingerichteten Raum herrscht eine eisige Atmosphäre. Die wenigen Gäste wischen sich mit heiligem Ernst auf ihren Handys durch Instagram-Storys, gelacht wird nicht, das könnte die fein gezwirbelten Schnurrbärte respektive knallig angemalten Lippen in Schieflage bringen. Neuankömmlinge werden ignoriert – vor allem vom Barmann. Er steht hinter der Bar und starrt auf sein Handy. Ein Chat braucht seine ganze Aufmerksamkeit.

Der tätowierte, akkurat gescheitelte Mann hinter der Bar wird in der nächsten Stunde alles tun, um eine ganz eigene Interpretation seiner Funktion darzubieten. So schafft er es, eine grosse, fröhliche Gruppe aus Männern und Frauen nach der ersten Bestellung komplett zu ignorieren. Nüssli gibts keine, Popcorn kosten extra. In der halb leeren Bar wird er kein einziges Mal Zeit finden, die durstige Gruppe von sich aus nach einer weiteren Runde zu fragen. Lieber flirtet er mit den zwei Frauen, die sich taktisch geschickt neben die Bar gesetzt haben.

Ists vielleicht einfach der falsche Moment, um diese Bar mit der grossen Auswahl an Designheftli aufzusuchen? Strahlt dieses Lokal ansonsten im behaglichen Licht der ewigen Gastfreundschaft?

Auch wenn es eine Momentaufnahme ist. Solche Erlebnisse nähren das Klischee von der Servicewüste Zürich. Die Stadt wird den Ruf des garstigen, versnobten In-Place, zu dem man nur mit den richtigen Codes freien Zugang erhält, nicht ganz los. Das ist bedenklich. Denn das erwähnte Beispiel ist nicht nur für die durstig gebliebenen Gäste ein Ärgernis. Unmotiviertes Personal schadet vor allem den Arbeitskollegen. Jenen Frauen und Männern, die die Arbeit hinter den Tresen ernst nehmen; ohne servil zu sein, im Dienst des Gastes stehen; eine Ausbildung absolvierten. Denn Bartender ist ein Beruf. Das sollte auch dem Mann in dieser trendy Bar bewusst gemacht werden. Wir wünschen ihm auf jeden Fall für die Zukunft alles Gute. Als DJ. Videokünstler. Oder was auch immer. Hinter der Bar sollte er ganz sicher nicht bleiben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.10.2017, 14:19 Uhr

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