Die grosse Dummheit der Gourmets

Darf man am Tag nach einem Sternemenü ein Sandwich mit viel fettiger Mayonnaise oder einen Big Mac essen? Man darf nicht nur, man sollte!

An Hummer ist - aus kulinarischer Sicht - nichts auszusetzen. Ausser man muss ihn dauernd essen. Bild: BMG_Borusse.

An Hummer ist - aus kulinarischer Sicht - nichts auszusetzen. Ausser man muss ihn dauernd essen. Bild: BMG_Borusse.

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Mit elaboriertem Essen ist es wie mit allen Genüssen: Treibt man es zu bunt, kommt früher oder später fast zwangsläufig der Überdruss. Darum erstaunt es mich immer wieder, mit welcher Konsequenz manche Gourmets – ob Profi oder Amateur – Speisen verschmähen, die ihren Status als Kenner der Kulinarik ins Wanken bringen könnten. Räumt man in ihrer Gegenwart ein, bisweilen lieber einen Cervelat als eine sous vide gegarte Ochsenbacke zu essen oder fulminant gesalzene Pommes frites einem Jakobsmuscheltatar vorzuziehen, mustern einen diese Menschen, als habe man gerade vorgeschlagen, mit ihrer Grossmutter die Eigernordwand in Angriff zu nehmen.

Dabei sind es die doktrinären Gourmets, die sich auf dem Holzweg befinden. Wenn sie denn nicht lügen, dass sich die Balken biegen und zwischen Hummer und Foie gras heimlich Pommes frites futtern. Einem normalen Menschen kann es doch schlicht und einfach keine Freude bereiten, mehr als zweimal am Stück in einem Lokal der obersten Kategorie zu speisen. Sosehr einen punktuelle Besuche in solchen Restaurants beglücken. Die Geschmacksnerven sind überfordert, was vorher noch berauschend war, ist auf einmal nur noch bemüht und nervig. Kurzum: Die Geschmacksnerven verlangen nach einer Pause – oder nach einem Fine-Dining-Exorzismus in Form von rustikalem bis kulturlosem Essen.

Auf der rustikalen, aber noch ehrenwerten Seite empfiehlt sich zum Beispiel ein Schwartenmagen mit Bergen von Zwiebeln, Essiggurken, ordentlich Essig und Bratkartoffeln für einen derartigen Exorzismus, auf der kulturlos-primitiven Seite ein ungetoastetes, teigiges Sandwich mit ausgestanztem Schinken, scharfer Salami, Jalapeños und Unmengen von Mayonnaise. Ob dessen Wucht vergeht Gaumen und Zunge jegliche Erinnerung an die zuvor genossenen, filigranen Speisen. Noch das eine oder andere Glas Coca-Cola, und das nächste Gourmetmenü kann kommen.

Diese ganze Argumentation ist provokativ-plakativer Schwachsinn? Dann fragen Sie mal ein paar Kochgrössen, was ihnen privat am besten schmeckt. Die Antworten «Wurstsalat» oder «Bratkartoffeln» werden Sie öfter hören als «Onsen-Ei mit Périgordtrüffel» oder «Kaisergranat mit Kaviar». Die Abwechslung machts! Für einen der besten Köche des Planeten gibt es sogar keine grössere Freude, als zwischendurch ein paar saure Gummischlangen vom Kiosk zu verzehren. Doktrinäres Getue hat in der Welt des Genusses am allerwenigsten verloren.

Wer wirklich Freude an der Welt der Kulinarik haben will, braucht ein unverkrampftes Verhältnis zum Genuss. Dazu gehört auch, sich selber einzugestehen, dass man kein höheres Wesen ist, das von einem Big Mac oder einem Doppel-Whopper mit extra Speck Vergiftungserscheinungen bekommt, sondern nur ein zum Denken und zum aufrechten Gang befähigtes Geschöpf, das hin und wieder halt mal etwas essen möchte, was sich nicht zum Angeben auf Instagram eignet.

Drum, liebe Feinschmecker, seid euch selbst nicht böse, wenn ihr mal lieber einen Hotdog als ein mit fermentiertem Gemüse gespicktes, feinsinniges Menü essen wollt. Gebt euren niederen Trieben nach, denn wenn ihr es nicht tut, wird euch irgendwann einmal die Freude an der kulinarischen Hochkultur vergehen. Und das wäre doch jammerschade.

Erstellt: 21.02.2018, 18:13 Uhr

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