Diese Gastronomen schwimmen gegen den WM-Strom

Die ganze Stadt widmet sich dem Fussball – zumindest fast. Es gibt doch Orte in Zürich, die die WM anders denken.

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Die Weltmeisterschaft, sie wird in den nächsten Wochen niemanden kaltlassen. Es gibt die, die sich seit dem Schlusspfiff des EM-Finales auf den Anpfiff des nächsten Grossanlassspiels freuen. Es gibt die, die nur alle zwei Jahre Fussball schauen. Es gibt die, die sich weder für EM noch WM interessieren. Und dann gibt es noch die Gastronomen, die sich alle zwei Jahre die Frage stellen müssen: Wie locken wir die Leute zu uns? Die Dichte an WM-Bars in der Stadt Zürich scheint von Grossanlass zu Grossanlass zu steigen. Doch es gibt auch Orte, die sich bewusst querstellen.

So etwa das Grande im Niederdorf. Man wolle ein Ort sein, an dem Nicht-WM-Begeisterte in Ruhe einen Kaffee oder ein Bier trinken können, sagen die Betreiber. Bereits während der letzten EM blieb das Grande fussball-, aber nicht gästefrei. Viele haben es offenbar geschätzt, dass es einen Ort gab, wo kein Fussball gezeigt wurde.

Karpouzi Me Feta

Während der aktuellen WM allerdings befasst sich das Grande doch mit der WM: Die Cocktailkarte wird während der Fussballtage angepasst, gemixt werden Drinks aus Ländern, die nicht dabei sind. Unter dem Motto «Because, we don’t play the game» mixen die Barkeeper hinter dem Grande-Tresen Cocktails mit klingenden Namen wie Oranje Gezelligheid, Karpouzi Me Feta oder Rosolio Spritz in Ehren an das Abwesende Holland, Griechenland und Italien.

Denn die Azzurri, ja sie sind dieses Jahr die grossen Abwesenden an der Fussball-Weltmeisterschaft. Die einen freuen sich hämisch, die anderen würden deshalb den nächsten Monat am liebsten überspringen. Einer, der die Squadra Azzurra vermissen wird, ist Claudio Sacchi, Inhaber der Bar Sacchi hinter dem Lochergut. Der Italiener verzichtet auf Bildschirme und WM-Programm. «Sicher, wenn Italien dabei gewesen wäre, dann hätte ich nicht nichts machen können», sagt Sacchi.

Fussball ist in jeder trendy Beiz zu sehen

Doch bei so vielen Konjunktiven bleibt die Bar das, wofür sie von vielen geschätzt wird: ein Ort, an dem in Ruhe ein Negroni getrunken werden kann. «Und sowieso», fügt Sacchi hinzu, «beim Lochergut und auf dem Idaplatz finden so grosse Events statt, da könnte ich gar nicht mithalten.»

Immer grösser werden die öffentlichen Veranstaltungen. Während das für die Zuschauer mehr Auswahl bedeutet, kommt die Public-Viewing-Welle nicht überall gut an. «Mittlerweile ist unser Lieblingsspiel in jeder trendy Beiz zu sehen und wir müssen als Begründer des TV-Fussballs in der Beiz (1987) da nicht mehr unbedingt im gleichen Strom mitschwimmen.» Das schreiben die Betreiber des El Lokals auf ihrer Website. Die Bar ist eine Pionierin, wenn es um das öffentliche Zeigen von Fussballspielen geht. In einem kurzen pamphletartigen Text wird die Haltung klar: Der Fussball hat sich verändert – und zwar nicht zum Guten. Auf Anfrage des «Züritipps» wollte sich niemand zu dieser Haltung oder zur WM äussern.

Uns den Fussball wegnehmen lassen? Ganz sicher nicht!Tom Rist

Ganz verzichten will man trotz allem auch auf der selbst ernannten letzten Insel an der Sihl nicht. Auf einem kleinen TV werden die Spiele bei schönem Wetter draussen und sonst drinnen übertragen. Grossangekündigt wurde das nicht, es scheint, als wolle man nur Stammgäste und keine Neu- oder Gelegenheitsfussballfans.

Die Haltung der El-Lokal-Betreiber zeigt, wie ambivalent und kompliziert das mit dem Fussballschauen geworden ist. Auch für Tom Rist, Betreiber des Clubs Helsinki ist die WM ein zweischneidiges Schwert. Im Helsinki sind deshalb nur ausgewählte Spiele zu sehen. Denn eine Fifa wolle er eigentlich nicht unterstützen, sagt er. «Aber sich von denen unseren Fussball wegnehmen lassen?! Ganz sicher nicht!»

(Züritipp)

Erstellt: 14.06.2018, 11:52 Uhr

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