Dann beginne ich laut zu schmatzen

Essen in kompletter Dunkelheit ist ein Erlebnis. Ein Besuch in der Blinden Kuh, wo spezielle Dinge geschehen.

In der Blinden ist es dunkel wie unter dem Pulli der Frau.

In der Blinden ist es dunkel wie unter dem Pulli der Frau. Bild: iStock

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Nach der Jahrtausendwende pilgerte die ganze Schweiz ins Zürcher ­Seefeld: Dort hatte gerade ein Dunkelrestaurant eröffnet. Es war das erste seiner Art, das bald Nachahmer auf der ganzen Welt fand; selbst das «Wall Street Journal» berichtete über die Beiz in einer ehemaligen Kapelle, in der Gäste von Sehbehinderten bedient werden.

Dieses Jahr feiert die Institution ihren 20. Geburtstag, weswegen ich den Ort nach einer 18-jährigen Pause wieder aufsuche. Damals ist mir die Visite eingefahren: Der Mann, der mich damals spontan ins Dunkle begleitete, wurde später mein Partner. Er ist es bis heute geblieben. Die Tatsache, dass wir uns ohne Ablenkung (Handys sind als Lichtquelle nicht erlaubt) stundenlang bestens unterhielten und das heute noch tun, könnte man im Nachhinein als Lackmustest für unsere Beziehung betrachten.

Mein Partner ist denn auch etwas beleidigt, dass ich ihn nicht wieder mitnehme. Aber wies so läuft, sind wir in der Zwischenzeit Eltern geworden, und er bleibt mit der kleinen Tochter zu Hause. Also nehme ich eine Freundin mit, die nie in der Kuh war. Nach dem Check-in, bei dem wir Taschen einschliessen und ein vegetarisches 3-Gang-Surprise-Menü (61 Fr.) bestellen, holt uns Kellner Matze ab.

Per Polonaise führt er uns ins Dunkle an unseren Platz. Ich habe vergessen, wie dunkel es hier ist. Zappenduster. Brandschwarz. Kein Streifen Licht. Seltsamerweise habe ich eine Erinnerung an den Raum; eine innere Vorstellung davon, wie es vor bald 20 Jahren hier «ausgesehen» hat. Ich schliesse für den Rest des Abends die Augen und neige automatisch den Kopf nach unten, weil ich glaube, so besser hören zu können. Und ich frage mich ernsthaft, ob ich einen Hörschaden habe.

Neben uns spüren wir eine Holzwand; wir gehen davon aus, dass wir am Rand sitzen. Doch wo sich genau die Spanisch sprechenden Gäste, die uns am nächsten sind, befinden, ist schwer zu eruieren. Wie von Geisterhand räumt jemand in der Nähe den Tisch ab; man hört Geschirr klirren. Gruselig! Matze, der sich immer mit «Matze hier» ankündigt, damit wir nicht erschrecken, bringt Prosecco. Trinkerprobt, wie wir sind, treffen wir die Gläser beim ersten Anstossversuch. Auch beim Ratespiel, was wir essen, schlagen wir uns nicht schlecht.

Wir stochern mit der Gabel im Dunkeln herum und erkennen, dass der Salat Käse und Nüsse enthält. Das Dressing allerdings ist nicht wie vermutet mit Honig angerichtet, sondern mit Granatapfelsaft. Zum Hauptgang gibts Gnocchi, Pilze und gekochte Randen.

Der Gang gefällt uns nicht ganz so gut wie der Salat, aber scheint, obwohl das niemand sieht, schön angerichtet zu sein. Jedenfalls erspüre ich Deko-Sprossen. Und beginne laut zu schmatzen, weil ich mich unbeobachtet fühle. Ich muss davon ausgehen, dass ich schon beim damaligen Date geschmatzt habe. Dass mich mein heutiger Freund dann trotzdem noch wollte, dürfte nur einen Grund ­haben: Es muss Liebe gewesen sein.

Blinde Kuh
Mühlebachstr. 148
8008 Zürich
Tel. 044 421 50 50
www.blindekuh.ch

Öffnungszeiten
Mo–Do 18:30 – 23 Uhr
Fr / Sa 18 – 23 Uhr
So 17:30 – 23 Uhr
Lunch am Do / Fr 11.30–14 Uhr

(Züritipp)

Erstellt: 09.04.2019, 19:46 Uhr

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