Koriander, du Sauhund!

Was das vielerorts so verhasste Kraut mit Stinkwanzen zu tun hat – und wie leidenschaftlich es im Internet geschmäht wird.

Lieben Sie ihn oder hassen Sie ihn? Koriander polarisiert. (Sven Gabriel/EyeEm, Getty Images)

Lieben Sie ihn oder hassen Sie ihn? Koriander polarisiert. (Sven Gabriel/EyeEm, Getty Images)

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Der Koriander ist ein Sauhund. Das muss man ganz klar sagen. Schon wenige seiner Blättchen oder ein halber Stängel genügen, um Korianderhassern eine Speise vollkommen zu vergällen. Selbst mit dem Geruch von Wanzen wird das Aroma von Koriander verglichen. Nicht ohne Grund übrigens: Zu den Hauptbestandteilen des polarisierenden Krauts gehört E-(2)-Decenal, ein Stoff, der Stinkwanzen als Verteidigungssekret dient.

Nachzulesen ist diese Weisheit im Buch «How not to die» von Dr. Michael Greger. Dort steht auch, dass sich bei einem Teil der Menschheit auf einem Abschnitt des Chromosoms Nummer 11 ein Gen namens OR6A2 befindet, das es überhaupt erst ermöglicht, E-(2)-Decenal wahrzunehmen. Geborenen Korianderfans fehlt dieses Gen, oder aber sie sind wie das von ihnen geliebte Kraut Sauhunde. Und zwar solche, die auch auf das Verteidigungssekret von Stinkwanzen stehen.

Die Korianderkonvertiten

Dann gibt es noch eine dritte Gruppe: die Konvertiten. Menschen also, die Koriander einst verabscheuten, ihn nun aber gerne essen – und noch praktizierende Korianderhasser bekehren möchten. Korianderkonvertiten führen sich das Kraut zwar selten in rauen Mengen zu (solche Ferkel sind sie dann doch nicht), schätzen es aber als frisches Element in diversen Speisen. Ich selbst bin so ein Konvertit. Und es bereitet mir durchaus Vergnügen, beim gemeinsamen Kochen eine allseits begehrte Speise mit etwas Koriander zu verfeinern. So bleibt für mich mehr übrig.

In meinem Fall erfolgte die Annäherung an den Koriander übers Erhitzen. Gibt man Koriander beispielsweise bei der Zubereitung von scharfen arabischen Bratkartoffeln zum Schluss für ein paar Sekunden in die noch heisse Pfanne, mildert sich sein Geschmack deutlich ab. So gewöhnt man sich einigermassen schonend an das spezielle Aroma, empfindet es zunächst als nicht mehr so störend und schliesslich bei geringer Dosierung als durchaus wohlschmeckend. Die Gewöhnung dürfte auch der Grund dafür sein, dass in Lateinamerika oder Asien eine grosse Mehrheit dem Koriander zugeneigt ist.

«I hate coriander» hat fast 170'000 Mitglieder auf Facebook

Doch zurück zu den standhaften Korianderverächtern: Die einzig zum Zweck der Schmähung des Krauts geschaffene Facebookgruppe «I hate coriander» zählt inzwischen fast 170'000 Mitglieder. Einige davon tragen sogar Tattoos auf der Haut, die ihrer Abneigung Ausdruck verleihen. Mein Freund B. erwägt, sich eine solche Tätowierung zuzulegen. Als Hüttenkäsekonsument in kulinarischen Dingen sonst ein Schweinigel vor dem Herrn, tut er beim Koriander auf einmal empfindlich. Er beteuert, lieber in einer Kloake baden zu wollen als in einen Bund frisches Koriandergrün zu beissen.

Gerne würde ich ein paar Peinflaschen aus dem Bestand der Firma Hulesch und Quentzel in seiner Wohnung verstecken. Die leider fiktiven Dinger verströmen in regelmässigen Abständen einen Geruch, den das Opfer hasst. In diesem Fall den von Koriander. Sollten Sie sich für Details zu den Peinflaschen interessieren, lesen Sie das auch sonst grandiose Buch «Die Merowinger» von Heimito von Doderer.

Als Anhänger der Lehre Lavaters habe ich natürlich versucht, Korianderhasser und -liebhaber anhand ihrer Gesichtszüge zu erkennen. Anders als bei jenen, die dem Genuss von Brät und Wurstwaren sehr zugetan sind (von meinem Freund M. als «schweiniger Typ bezeichnet»), habe ich aber keine zuverlässigen Charakteristika entdecken können. Es gibt naheliegenderweise giftige, hagere Männchen, die Koriander lieben, aber eben auch sanftmütige Teddybären, denen nichts über das Kraut geht. Sachdienliche Hinweise bitte in schriftlicher Form an die Redaktion.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.09.2017, 13:57 Uhr

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