«Kommt noch jemand?»

Wer in Zürich alleine im Restaurant essen geht, braucht Mut. Eine gastronomische Klageschrift – und ein Wegweiser zu Lokalen, in denen man sich auch als einzelner Gast wohlfühlt.

Im Restaurant Spitz beim Landesmuseum fühlen sich auch Einzelgänger wohl.

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Eigentlich ist das Objekt meiner kulinarischen Begierde ganz nah. Ich müsste nur ins Restaurant eintreten, und schon in ein paar Minuten würde das Wunschgericht vor mir stehen. Doch es gibt ein Problem: Ich bin alleine. Und alleine gehe ich nicht gern ins Restaurant. Es ist mir so unangenehm wie früher der Besuch der Zahnputztante mit ihren schauerlichen Fluortabletten.

Denn vor dem Essen kommt zwangsläufig die Begegnung mit dem Servicepersonal, das fragen wird: «Nur Sie? Oder kommt noch ­jemand?» Und dann sind da noch die anderen Gäste. Auch sie werden mir zu spüren geben, was für eine erbärmliche Kreatur ich doch bin, dass niemand mit mir zu Tisch sitzen will. So weit zu den Befürchtungen. Doch ist es wirklich so schlimm, in Zürich alleine essen zu gehen?

Testlokal Nr. 1: Accademia del Gusto, Rotwandstrasse 48. Der Herr, der mich empfängt, stutzt einen Sekundenbruchteil, als ich ihm sage, dass ich alleine bin, und geleitet mich dann an einen schönen Zweiertisch in der Mitte des Raums. Sogleich räumt eine junge Dame leicht verschämt das zweite Gedeck ab. Der Service ist in der Folge höflich und zurückhaltend. Blicke von anderen Gästen gibts vorerst keine. Erst als ich meine übrigens grossartigen Spaghetti Frutti di Mare esse, betrachtet mich das Pärchen am Nebentisch mit einer Mischung aus Befremden und Mitleid. Ich fühle mich trotz der tadellosen Bewirtung unwohl und tue so, als müsste ich auf meinem Smartphone ganz furchtbar wichtige Nachrichten tippen.

Testlokal Nr. 2: Emilio, Zweierstrasse 9. «Eine Person?», fragt der Chef de Service, ich nicke schuldbewusst. Doch schon bald gehts mir besser. Ich werde abgeschirmt von den Blicken der anderen Gäste platziert. Die Dame am Buffet lächelt mir aufmunternd zu. Die Herren im Service führen Konversation mit mir, der Chef de Service holt im oberen Stock sogar extra eine Zeitung für mich. Fast bekomme ich ein schlechtes Gewissen ob so viel Fürsorge. Als ich das letzte Viertel meines Poulets (wunderbar knusprige Haut, perfekte Pommes frites dazu!) verzehre, wünscht mir Herr Guardia senior, der Vater des heutigen Inhabers, guten Appetit.

«Würdest du auch im Rosso oder im Razzia alleine essen?», fragt mich ein Freund, als ich ihm von den beiden ersten Erlebnissen im Rahmen meines Experiments erzähle. Und ich muss ­zugeben: nein. Dort wäre mir das Risiko zu gross, auf Bekannte zu treffen, die sich sicher wundern würden, dass ich ganz alleine ein mit Paaren und Gruppen vollgepacktes Restaurant besuche. Auch der beste Service könnte mich nicht davor bewahren, wie auf Nadeln zu sitzen.

Die viel genannten Vorteile Zürichs – übersichtliche Grösse und gute Vernetzung – verwandeln sich in einen grossen Nachteil, wenn es ums Auswärtsessen ohne Begleitung geht. Den Schutz der Anonymität, der sich einem in Grossstädten an so vielen Orten bietet, gibt es hier kaum. Und darum gibt es auch nur wenige Leute, die sich alleine in Restaurants setzen. Eine Art Teufelskreis also.

Das Problem mit dem Umsatz

Für die Lokale sind einzelne Gäste freilich nicht unproblematisch: Ein dergestalt besetzter Tisch, der auch anderweitig vergeben werden könnte, bedeutet Umsatzeinbussen. Und die meisten Gastronomen müssen hart kalkulieren. Dass der Service an einigen Orten in Zürich herablassend bis schnippisch auf einzelne Gäste reagiert, mag aber auch damit zu tun haben, dass die Kultur des Auswärtsessens – und mit ihr jene des Alleine­essens – bei uns im Vergleich zu Ländern wie Italien oder Frankreich ganz generell unterentwickelt ist. Der Restaurant­besuch dient hier mehr dazu, dem eigenen Status einen Boost zu geben. Die Liebe zum Kulinarischen ist zweitrangig. So lässt sich auch erklären, dass einige Betriebe trotz sehr bescheidenen Küchenleistungen und alles andere als bescheidenen Preisen vom Zürcher Publikum überrannt werden.

Ab zu den Touristen!

Testlokal Nr. 3, der Zeughauskeller beim Paradeplatz, ist eines der wenigen Zürcher Lokale, die Anonymität garantieren. Der Raum ist riesig, rappelvoll und deshalb unübersichtlich. Die Touristen aus Amerika oder Asien schauen lieber ihre Rösti an als Bratwurst essende Einzelgänger. Und das Personal bedient mich kein bisschen anders, als wenn ich zusammen mit Freunden hier esse. Dass noch andere hier alleine speisen, hilft mir ebenfalls dabei, mich wohlzufühlen.

Darum sind auch einfache Quartierbeizen gute Adressen, wenn man sich solo auswärts verköstigen möchte. Man ist dort nie der Einzige ohne Begleitung. Irgendjemand wird schon vor einem Bier sitzen, einen Schwartenmagen oder ein paniertes Schnitzel mit Pommes frites essen. Die Chnelle ist ein von den Eitelkeiten des Alltags abgekoppelter Mikrokosmos. Der Grundsatz, dass man beim Restaurantbesuch unbedingt eine Begleitung dabei haben müsse, besitzt hier keine Gültigkeit.

Ähnlich siehts am anderen Ende der Preisskala aus: Auch in der Spitzengastronomie wird keiner schräg angeschaut, weil er alleine tafelt. Geschäftsleute, die sich etwas gönnen wollen, täten das ebenso wie Kulinarikenthusiasten, Foodblogger oder Restaurantkritiker, heisst es im mit zwei «Michelin»-Sternen dekorierten Ecco im Hotel Atlantis by Giardino. Im Sternelokal wird man überdies von bestens ausgebildeten Profis bedient, die es verstehen, sich genau auf die Bedürfnisse der Gäste einzustellen. (Zueritipp)

Erstellt: 13.09.2017, 14:10 Uhr

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Adressen für einzelne

Spitz
Wegen der Nähe zum Hauptbahnhof kommen oft einzelne Gäste hierher. Sie werden sehr zuvorkommend bedient.
www.restaurantspitz.ch

Zeughauskeller
In der Masse der Touristen fallen einsame Esser nicht weiter auf. Ein Fluchtort in der eigenen Stadt.
www.zeughauskeller.ch

Emilio
So einen Service findet man selten. Wer hier alleine isst, wird umsorgt, als wäre er bei Freunden zu Besuch.
www.emilio-restaurant.ch

Pergola
Vielleicht das familiärste Restaurant der Stadt. Neben gutem Essen gibts hier viel Herzlichkeit.
www.restaurant-pergola.ch

Metzg
Hier setzt man sich ganz einfach zu anderen Gästen an einen der langen Tische. Wunderbar unkompliziert.
www.metzg-grill.ch

Volkshaus
Der vordere Teil ist ein Mix aus Café, Restaurant und urbaner Wartehalle. Ideal für Solo-Lunch oder -Dinner.
www.restaurantvolkshaus.ch

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