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Und auf einmal essen die Zürcher Insekten

Nirgendwo haben die Insektenburger und -bällchen von Coop so eingeschlagen wie in Zürich. Leben wir bald in einer Krabbeltierhochburg?

Man sieht sie nicht und man schmeckt sie nicht – trotzdem sind hier Insekten drin.
Man sieht sie nicht und man schmeckt sie nicht – trotzdem sind hier Insekten drin.
Keystone

Eigentlich wollte ich ja schreiben, dass keine Sau die neuen Insektenprodukte von Coop kaufen wird. Und was passiert dann? Die Filiale Sihlcity, die das Produkt in Zürich exklusiv anbietet, ist schon nach zwei Tagen komplett ausgeschossen. Coop nennt zwar keine offiziellen Zahlen, im Laden heisst es aber, es seien rund 1000 Packungen mit Insektenburgern und -bällchen gewesen. Bis genügend Nachschub produziert und verteilt ist, könnte es bis Anfang nächster Woche dauern.

Natürlich sind die hohen Verkaufszahlen auch ein Abbild der Neugier der Kundschaft und der umfangreichen Medienberichterstattung vor der Lancierung. Aber: 1000 Packungen in einer einzigen Filiale sind eine ganze Menge. Folglich war bei überraschend vielen Personen die Neugier grösser als der kulturell begründete Ekel vor den Krabbeltierchen.

Die Stadt Zürich ist übrigens Spitzenreiter in Sachen Insektenverzehr. Während hier alle Packungen weg sind, war laut der Coop-Medienstelle landesweit nach dem zweiten Verkaufstag noch die Hälfte der Ware übrig. Ein weiteres Insektenprodukt sei gleichwohl schon in Planung.

Ein Burger besteht nur zu 31 Prozent aus Insekten

Dieses dürfte erneut eines sein, bei dem die Konsumenten die Tierchen nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt sehen. Mehlwürmer, die bei den von der Zürcher Firma Essento entwickelten Coop-Produkten 31 Prozent des Gesamtgewichts ausmachen, sind nun mal leider ziemlich unansehnliche Kameraden. Und selbst die bedeutend hübscheren Heuschrecken würden gehörige Beisshemmungen auslösen. Heugümper als Snack beim GC-Match bleiben also ein Hirngespinst.

Dass die Burger und Bällchen von Essento ganz manierlich schmecken, liegt überdies nicht an den Mehlwürmern, sondern daran, dass sie mehrheitlich aus Reis, Gemüse und Gewürzen bestehen. Der Eigengeschmack von Insekten tendiert gegen null. Geröstet erinnern sie mit einiger Fantasie an Popcorn, Spötter vergleichen sie auch schon mal mit dem Inhalt von Staubsaugerbeuteln.

Das einzige Insekt, das einen kulinarischen Zweck erfüllt, ist die Ameise. Wenn der Schweizer Zweisternkoch Sven Wassmer vom Restaurant Silver in Vals oder sein mit drei Sternen ausgezeichneter Kollege Esben Holmboe Bang vom Maaemo in Oslo die Krabbeltierchen übers Essen streuen, tun sie das wegen deren Säuregehalt. Ameisensäure wirkt ähnlich wie Essig.

Teurer als Rindsfilet

Eine Speise fürs Volk sind Mehlwürmer schon alleine des Preises wegen nicht: 170 Gramm Insektenbällchen kosten bei Coop 8.95 Franken, die beiden je 65 Gramm schweren Burger-Pattys ebenfalls. Macht beim Insektenburger einen stolzen Preis von 5.26 Franken pro 100 Gramm. Rindsfiletmedaillons gibts derzeit in Aktion für 5.95 Franken pro 100 Gramm. Zieht man die übrigen Beigaben vom Gewicht ab, sind Mehlwürmer sogar teurer als Filet.

Noch muss Essento seine Insekten aus Belgien importieren, was angesichts der Nachhaltigkeitsdiskussion schon ein wenig grotesk ist. Die in Grossdietwil im Kanton Luzern ansässige Firma Entomos AG kündigte Mitte August in einer Medienmitteilung aber an, schon im Oktober mehrere Hundert Kilo von Bio Suisse zertifizierte Krabbeltierchen liefern zu können. Vollkommen nachhaltig werden aber auch sie nicht sein: Mehlwürmer werden bei rund 30 Grad Celsius gezüchtet, was einige Energie braucht, und ernähren sich mehrheitlich von hochwertigem Getreide.

Wer ohne Fleisch zu Proteinen kommen will, ist darum sowohl ökologisch als auch kulinarisch und preislich mit Hülsenfrüchten besser bedient. Der Proteingehalt von Sojabohnen liegt mit 36 Prozent recht dicht an jenem von Mehlwürmern (48 Prozent). Auch die Kidneybohne (24 Prozent) ist in Sachen Eiweiss nicht von schlechten Eltern.

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