Der perfekte Don Quixote

Das Lebensprojekt von Terry Gilliam, «The Man Who Killed Don Quixote», wäre fast gescheitert – auch Jonathan Pryce kam nur hinzu, weil andere Kandidaten starben. Ein Treffen mit dem Engländer, der zur Idealbesetzung wurde.

Ein Werbefilmer (Adam Driver, l.) und ein Schuhmacher (Jonathan Pryce) spielen Knappe und Ritter.

Ein Werbefilmer (Adam Driver, l.) und ein Schuhmacher (Jonathan Pryce) spielen Knappe und Ritter.

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Es ist fast ein wenig makaber. Zuerst sollte Jean Rochefort die Hauptrolle in «The Man Who Killed Don Quixote» spielen, aber die Dreharbeiten mit ihm mussten unterbrochen werden, und er starb, bevor der Film zu Ende gestellt werden konnte. Dann sollte John Hurt übernehmen, aber auch er starb, bevor es so weit war. Jetzt verkörpert eben Jonathan Pryce den Mann, der gegen Windmühlen kämpft. «Notnagel? Mitnichten», antwortet er auf eine entsprechende Frage, «es ist mir eine Ehre, die beiden grossen Schauspieler zu ersetzen.»

«Ich habe natürlich verfolgt, wie sehr sich der Regisseur damit abgemüht hat, und bin glücklich, ganz am Ende doch noch einen kleinen Beitrag geleistet zu haben»Jonathan Pryce

Der Don-Quixote-Film ist das Lebens­projekt von Terry Gilliam. Und Jonathan Pryce arbeitet mit ihm, seit der Regisseur neben der Tätigkeit in der Komikertruppe Monty Python selbst Regie zu führen begann. 1985 spielte Pryce zum Beispiel die Hauptrolle in «Brazil». Dabei ist der 71-jährige Pryce in erster Linie Theaterschauspieler, war jahrelang angesehenes Mitglied der Royal Shakespeare Company. Jüngere TV- Zuschauer kennen ihn als Sektenführer High Sparrow aus «Game of Thrones», der Königsmutter Cersei das Leben auf Westeros schwermacht. Er hat aber auch schon gegen James Bond gekämpft, als Medienmogul in «Tomorrow Never Dies» (1998) – «eigentlich ein visionärer Film, der Themen wie Fake News vorweggenommen hat», sagt er heute.

Pryce kannte Gilliam nach drei gemeinsamen Filmen bestens, aber zum Don Quixote wurde er erst spät. «Ich habe natürlich verfolgt, wie sehr sich der Regisseur damit abgemüht hat, und bin glücklich, ganz am Ende doch noch einen kleinen Beitrag geleistet zu haben», sagt der Hauptdarsteller. Klein? Der Beitrag ist riesig, und vielleicht hätte Gilliam nach so vielen Rückschlägen in der fast 25 Jahre dauernden Produktionszeit längst aufgegeben, wenn er nicht einen seiner Lieblings­darsteller in der Hinterhand gehabt hätte.

Der ursprünglich aus Wales stammende Brite ist auf jeden Fall perfekt in diesem Film, der den Romanklassiker von Cervantes in die heutige Zeit versetzt. Und dabei Vergangenheit und Gegenwart, Literatur und moderne Filmkunst urcheinanderwirbelt: Ein Werberegisseur (Adam Driver) reist nach Spanien, um einen Spot für russischen Wodka zu drehen. Da läuft ihm ein alter Schuhmacher (Jonathan Pryce) über den Weg, den er vor fünfzehn Jahren in einem ehrgeizigen Spielfilm als Don Quixote besetzt hatte. Gilliams «The Man Who Killed Don Quixote» ist ausufernd, laut und unkontrollierbar. Aber mit Pryce und Driver gibt es so etwas wie einen ruhenden Pol, ihre Figuren sind sich mal freundschaftlich verbunden, dann duellieren sie sich wieder in absurder Weise.

Sie spielen Knappe und Ritter: «The Man Who Killed Don Quixote» Video: Youtube/AscotElite

Die Dreharbeiten seien problemlos verlaufen, einzig das Reiten habe ihm etwas Sorge gemacht, erzählt Pryce. Nicht wegen der Pferde, damit komme er schon zurecht. Sondern wegen des Aberglaubens: «Ich habe einmal eine lange Reitszene gedreht, für ‹The Affair of the Necklage›. Wochenlang hatte ich zuvor geübt. Dann wurde die Szene rausgeschnitten.» Als Don Quixote ist ihm das nicht passiert, das Pferd ist drin, die Windmühlen auch. Aber auch Motorräder, ein Schloss, wilde Orgien. «Ich habe mich täglich überraschen lassen, was Terry Gilliam wieder einfällt. Er kam andauernd mit einer neuen Idee, wie bei unseren ersten Dreharbeiten vor 30 Jahren. Und im Gegensatz zu mir mag er noch herumrennen wie ein Junger.»

Gut, beim Film, den er jetzt gerade dreht, kann es Jonathan Pryce etwas gemächlicher angehen. Für Netflix spielt er den aktuellen Papst Franziskus. Anthony Hopkins ist dessen Vorgänger, der abgetretene Papst Benedikt XVI. Es ist auch eine Art Duell, wie in «The Man Who Killed Don Quixote». Aber gefochten wird nur mit Worten.

Arthouse Le Paris
Stadelhofen
www.arthouse.ch
15 Uhr, 17.45 Uhr, 20.40 Uhr
Sa 20.15 Uhr im Open-Air-Kino Bloom

(Zueritipp)

Erstellt: 12.09.2018, 13:09 Uhr

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