Ein Mann auf der Klangsuche

Ryuichi Sakamoto führte als Musiker mehrere Leben. «Coda» kann nicht jedes davon zeigen – ist aber trotzdem erhellend.

Der japanische Komponist forscht nach neuen Klangwelten.

Der japanische Komponist forscht nach neuen Klangwelten.

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Ryuichi Sakamoto hatte nur diese Bitte an den Regisseur Stephen Nomura Schible: «Schau, dass der Film nicht zu lang wird.» Gut, «Coda» ist dann 100 Minuten lang geworden. Aber vielleicht ist das doch zu kurz. Manch ein Fan hätte sich bestimmt mehr Platz gewünscht für die vielen musikalischen Leben des Japaners. So streift Schible bloss das Kapitel, als Sakamoto mit der Techno-Pop-Band Yellow Magic Orchestra Musikgeschichte geschrieben hat.

Und doch ist es ein Gewinn, wie der Regisseur seinem Film ein Prinzip nobler Zurückhaltung angedeihen lässt. Dass Sakamoto für seinen Soundtrack zu «The Last Emperor» (1987) einen Oscar erhalten hat, bleibt grad ganz unerwähnt. Aber es hätte gar nicht reingepasst, zu marktschreierisch wäre es in diesem intimen Porträt.

Sakamoto bewegt Dringlichkeit: «Coda» Video/YouTube/MUBI

«Coda» kommt zudem ohne die üblichen Zeugen aus, die in anderen Dokus das Sujet erklären müssen. Schible begleitete Sakamoto während fünf Jahren und collagierte Archivmaterial und persönliche Videos dazu. Daraus wurde eine Meditation über das Leben eines Musikers, der nicht weiss, wie viel Zeit ihm noch bleibt: Bei Sakamoto wurde 2014 ein Krebs im Rachen entdeckt, mitten in den Dreharbeiten.

Sakamoto bewegt Dringlichkeit. Er spricht bei Anti-Nuklear-Protesten, läuft zum nervös tickenden Geigenzähler am verseuchten Strand von Fukushima. Er filmt und fotografiert 9/11, das grosse Desaster in seiner New Yorker Nachbarschaft. Sakamoto wirkt als Chronist einer aus den Fugen geratenen Welt.

«Coda» ist auch ein Making-of: Es wird mitgeschnitten, wie Sakamotos letztes Album «Async» entsteht. Überhaupt ist der Film am erhellendsten, wo es um den Künstler Sakamoto geht. Einen imaginären Tarkowski-Soundtrack möchte er erschaffen. Er erzählt, warum der Geist von Johann Sebastian Bach in seinem Computer haust. In der Arktis sampelt er das Abfliessen von Gletscherwasser und schwärmt vom reinsten Klang, den er je vernommen habe. Sakamoto ertastet ein beschädigtes Klavier, das nach einem Tsunami im Wasser trieb. Es klingt verstimmt, natürlich. Solche Brüche faszinieren ihn, den ewig forschenden Japaner. Und der Zuschauer weiss: Die Welt zu betrachten wie Ryuichi Sakamoto, man fühlt sich gut dabei.

Houdini
Badenerstr. 173
www.kinohoudini.ch
12 Uhr, 16.30 Uhr, 18.40 Uhr, 21 Uhr

(Zueritipp)

Erstellt: 15.09.2018, 09:15 Uhr

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