Eine Jagd mit unerwarteten Folgen

Die stumme Sibel im gleichnamigen Film «Sibel» kann mit dem Gewehr umgehen. Um sich zu beweisen, jagt sie einen Wolf.

Die Aussenseiterin will es allen beweisen: die stumme Sibel.

Die Aussenseiterin will es allen beweisen: die stumme Sibel.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Nordosten der Türkei gibt es ein kleines Dorf, in dem sich die Menschen in einer Pfeifsprache verständigen, die über Berge und Schluchten trägt. Das türkisch-französische Filmemacher-Paar Guillaume Giovanetti und Ça?la Zencirci las davon in einem Buch und war fasziniert. Die beiden besuchten das Dorf – und fanden Inspiration für ihren dritten gemeinsamen Film.

Für Sibel (Damla Sönmez) ist die Pfeifsprache die einzige, die ihr zur Verfügung steht. Die junge Frau ist stumm und wird deshalb von den Bewohnern ihres Dorfes gemieden. Auf den Feldern mitarbeiten darf sie, aber sonst will man sie nicht dabeihaben. Sie geht ohnehin lieber in den Wald – eigentlich eine streng verbotene Zone. Ein Wolf soll sich dort herumtreiben. Sibels Vater schenkt der Tochter ein Gewehr und lässt sie machen, was sie will. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, den Wolf zu jagen, um allen zu zeigen, was sie kann.

Sie ist auf der Jagd, als sie einen verletzten Mann findet: «Sibel». Video: YouTube/trigon-film

Wenn Sibel atemlos durchs grüne ­Dickicht stürmt, verlässt der Film die ­Anmutung des Ethnografischen und nimmt märchenhafte Züge an. Die Kamera schwankt im Rhythmus von Sibels energiegeladenen Bewegungen wie auf hoher See, und die Zuschauer verlieren die Orientierung: Der Wald erscheint als Raum mit eigenen Gesetzen, als Seelenlandschaft. Dabei verzichtet der Film darauf, eine Harmonie zwischen Mensch und Natur zu behaupten; das Leben im Wald bleibt eine Herausforderung.

Auflösung der Welten

Gerade deshalb kommt Sibel dort zu sich selbst: als wilde Frau. Es ist, als ob die Pfeifsprache ihr den nötigen Mut und die Unverfrorenheit gäbe, um ihren eigenen Weg zu gehen in einer Welt, in der Frauen das Dorf nicht verlassen dürfen und Mädchen nur so lange in die Schule gehen, bis ein passender Heiratsantrag kommt.

Eine dramatische Wendung nimmt der Film, als Sibel im Wald einem verletzten Mann begegnet, einem Dienstverweigerer, der als Terrorist gejagt wird. Die beiden verstehen sich ohne Worte. Doch plötzlich will nicht nur die Polizei, sondern das ganze Dorf wissen, was sich im Wald abspielt.

Die Wildnis ist keine geschützte Zone mehr, und die Trennung zwischen streng traditioneller Dorf-Welt und wilder Sibel-Welt löst sich auf. Jetzt muss die junge Frau, pfeifend und mit ihrem Gewehr über der Schulter, erst recht beweisen, was in ihr steckt.

Kosmos
Lagerstr. 104
13.30 Uhr, 18.50 Uhr, 21 Uhr
www.kosmos.ch

(Züritipp)

Erstellt: 09.01.2019, 14:24 Uhr

Artikel zum Thema

Stumm im Völkermord

Mit «The Cut» wagt sich der deutschtürkische Regisseur Fatih Akin an ein heikles Thema: Den Völkermord an den Armeniern. Doch sein Film passt sich der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung an. Mehr...

Wildes Tier und tumber Tor

Alice Rohrwacher hat mit «Lazzaro felice» modernes Märchen gedreht. Und erzählt uns jetzt, woher die Idee kam. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Für sie waren nicht alle Frauen gleich

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Touristenmagent: Ein amerikanischer Oldtimer fährt der Malecon in Havana entlang. (25. März 2019)
(Bild: Phil Noble) Mehr...