Eine atypische Hollywood-Familie

Vor 25 Jahren starb River Phoenix. Heute ist sein Bruder Joaquin ein Star. Das Xenix hat ein Sonderprogramm zusammengestellt, das auch Filme von zwei Phoenix-Schwestern berücksichtigt.

Ein Stricher in der Wanne: River Phoenix in «My Own Private Idaho».

Ein Stricher in der Wanne: River Phoenix in «My Own Private Idaho».

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Seine Mutter sei Sekretärin gewesen, meinte Joaquin Phoenix lapidar, als wir ihn einmal zum Interview trafen: Er könne daran nichts Hippiehaftes finden. Unser Interview war zu «Inherent Vice» gewesen, der Pynchon-Verfilmung mit Phoenix als Privatdetektiv Doc Sportello, der benebelt durchs Siebzigerjahre-Kalifornien stolpert.

Da hatte sich die Frage nach den Hippie-Eltern natürlich aufgedrängt. Aber der Hollywoodstar hielt sich bedeckt. Die Eltern, sagte er nur, hätten nach einem alternativen Lebens­stil gesucht: «Sie wollten nicht die typische amerikanische Kernfamilie gründen.» Und gründeten dann eine auch nicht so typische Hollywoodfamilie: River, Rain, Leaf (aka Joaquin), Liberty und Summer – das sind keine Namen von Duschgels oder Eaux de Toilette, sondern die fünf Phoenix-Geschwister.

Video: Youtube/Roadshow

Das Streben nach Höherem

Familienname: eigentlich Bottom, aber die Eltern strebten nach Höherem. Nachdem sie einer sektenartigen Bewegung, den Children of God, entflogen waren, wollten sie wie der mythische Vogel Phoenix heissen.

Frau Phoenix ist dann tatsächlich Sekretärin geworden. Weil ihr Einkommen aber nicht ausreichte, wurden die Kinder durch Castingshows geschleust, eine bekannte Schauspiel­agentin nahm die Rasselbande unter Vertrag. Vorab River, der Erstgeborene, setzte sich in Szene. Als er mit 23 starb, war er längst mehr als ein Teenageridol. Man hatte ihn als den «neuen James Dean» gehandelt, seit Sidney Lumets «Running on Empty» (1988) war er oscarnominiert.

In einer Open-Air-Vorführung und als Schweiz-Premiere zeigt das Xenix auch «Dark Blood», River Phoenix’ unfertigen letzten Film, den Regisseur George Sluizer erst vor wenigen Jahren zusammenflickte. Und aus den schmalen Filmografien der Schwestern Rain und Summer Phoenix pickte man sich «Even Cowgirls Get the Blues» (1993) und «Esther Kahn» (2000) heraus.

Bei Joaquin Phoenix sah es auch nicht nach einer langen Karriere aus. Er war mit dabei in jener Halloweennacht 1993, als River im Viper Room in West Hollywood kollabierte; im Rausch hatte der das Achtfache einer tödlichen Dosis Heroin eingenommen. Der Notruf, den der verzweifelte kleine Bruder absetzte, wurde später in Fernsehen und Radio rauf und runter gespielt.

Video: Youtube/Warner Bros. Pictures

«I’m Still Here»

Das war zu viel, Joaquin verschwand von der Bildfläche. Erst Gus Van Sant konnte ihn mit der bösen Medienschelte «To Die For» (1995) wieder vor die Kamera locken. Und vielleicht muss man sich auch «I’m Still Here» fünfzehn Jahre später noch als Traumabewältigung und kleinen Racheakt denken. Darin verkündet Joaquin Phoenix seinen Rückzug aus dem Filmgeschäft, aber es sind Fake News. Der Schauspieler zeigt sich beim Abstürzen, und die Medien fallen voll auf den Stunt rein.

Seitdem er den Medienbetrieb so gnadenlos genarrt hat, spielt er erst recht befreit auf. Rund 50 Filme zählt der 43-Jährige inzwischen, man weiss gar nicht, wo anfangen. Springen wir deshalb nur kurz vor zum neuen: In der Tragikomödie «Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot» (wieder Gus Van Sant), die das Xenix als Vorpremiere zeigt, spielt er gross auf als querschnittgelähmter, alkoholabhängiger Zeichner John Callahan, der Hilfe sucht bei einem Hippie.

Do 12.7. – Mi 29.8.
Xenix
Kanzleiareal
www.xenix.ch
Siehe auch Kinoübersicht unter «Open-Air-Kino» und «Reprisen / Filmzyklen»

(Züritipp)

Erstellt: 11.07.2018, 13:47 Uhr

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Drei Highlights

My Own Private Idaho (1991)
Bei River Phoenix drängt sich dieser Film auf: Als schlafsüchtiger Stricher machte er sich unvergesslich.
12. / 13. / 15.7., 20.45 Uhr; 1.8., 18.30 Uhr

The Master (2012)
In die Rolle des Freddie, der einem Sektierer verfällt, warf das Kind von Sektenopfern alles hinein: Joaquin Phoenix ist eine Urgewalt in Paul Thomas Andersons Meisterwerk.
20. / 21.8., 18.30 Uhr; 22.8., 20.30 Uhr

Her (2013)
Für den herzzerreissend traurigen Joaquin Phoenix empfiehlt sich unbedingt diese Liebesgeschichte zwischen einem Briefeschreiber und seinem Betriebssystem.
23.–25.8., 18.30 Uhr; 26.8. 21.15 Uhr

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